Offenbar zählt zu dieser Wahrheit auch der plötzlich vorwurfsvolle Ton, in dem sie sich von Sandra Maischberger Mäkeleien über ihre Mitgliedschaft in der stramm sozialistischen Jugendorganisation FDJ verbat. "Da haben wir Anpassung gemacht" - mehr soll es da nicht zu sagen geben, und mehr wollte die Moderatorin nicht wissen von der ehemaligen Sekretärin für Propaganda und Agitation. Agitprop, das ist 25 Jahre später offenbar kein richtiges Thema mehr.

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In herzlichem Einverständnis gingen die beiden auseinander. Gut, mögen die beiden Frauen sich gedacht haben, dass wir darüber mal gesprochen haben. Das Feld war damit bestellt für ein Herrenquartett. Als dessen Fixstern präsentierte Sandra Maischberger, die wie immer die Augen zum Schlitz verengte, wenn sie ihre Fragen formulierte, einen Fernsehkollegen vom ZDF: Guido Knopp. Der sei, so sagte sie völlig unironisch, der "Geschichtslehrer der Nation".

Im Kaiserreich hätte es Guido Knopp weit gebracht

Zweimal war denn auch in der Bauchbinde zu lesen: "Deutschlands oberster Geschichtslehrer" und zur Sicherheit abermals "Geschichtslehrer der Nation". Im ebenso autoritätsfixierten wie auf Historie versessenen Kaiserreich, folgern wir, hätte es Guido Knopp weit gebracht.

Als Pädagoge und letzte moralische Instanz sagte er zweimal, "Glück und Gnade" sei die Wiedervereinigung gewesen. Wolfram Weimer, einst Chefredakteur der Welt und heute Galionsfigur des Magazins Cicero, war als "konservativer Publizist" geladen - und stimmte der Glück-und-Gnade-Theorie gerne zu.

Der unvermeidliche Gregor Gysi, wahlkämpfend auch er, wog bedächtig sein Haupt, trank viel Wasser und wetterte gegen die Politik der großen Koalition. Er streite für einen "anderen Interessenausgleich zwischen Beschäftigten und Privateigentümern". Den demokratischen Sozialismus habe es in der Realität noch nie gegeben, nun solle man ihn endlich einmal ausprobieren.

"Gibt es soziale Gerechtigkeit ohne Stasi?"

Weil keine Boulevardsendung komplett ist ohne einen Störenfried, eine komische Figur, durfte noch der Kabarettist Uwe Steimle, zugleich Mitglied der Bundesversammlung auf dem Ticket der Linken, sich empören. "Deutschland", empfahl der langjährige TV-Ermittler aus "Polizeiruf 110" wütend, "täte gut daran, dass wir uns ändern - was uns fehlt als Land, ist das Spirituelle, das Geistige". Man arbeite zu viel und habe zu wenig Phantasie, lautete sein überraschend ernstes Plädoyer.

Es war aber der Gastgeberin vorbehalten, für das kabarettistische Highlight zu sorgen. Zweimal stellte Sandra Maischberger eine Frage, die ihr offenbar ausnehmend gut gefiel: "Gibt es soziale Gerechtigkeit ohne Stasi?" Darauf wusste niemand eine Antwort - glücklicherweise und gnadenhalber.

Darüber müsste man in der Sauna noch einmal nachdenken.

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(sueddeutsche.de/jja)