Das Fernsehen schickt die dicken Kinder auf Diät, die Oma zum Bauchtanz und die Uroma mit den dicken Kindern in den Bio-Supermarkt, wo freudestrahlend Karotten gekauft und später verzehrt werden, bevor sich die nicht mehr ganz so dicken Kinder auf ihre Zukunfts-Bettwäsche legen, auf die ihre Zukunfts-Bilder gedruckt wurden, die zeigen sollen, wie die dicken Kinder in zehn Jahren aussehen könnten, wenn sie die Tipps der Fernseh-Heinis befolgen. "Ich finde, ich sehe später viel besser aus", strahlt Laura in die Kamera. Oder war es Lea? Die Zukunftsbilder sehen komischerweise identisch aus und ihren menschlichen Vorlagen kaum ähnlich. Die Mama jedoch ist siegesgewiss, es nach dieser eingehenden Lebensberatung nun endlich "zu schaffen".
Tanja ist heilfroh, dass Psychologin Ruth Marquardt sie doch nicht reinlegen wollte. Sie hatte sich gerade als "Klops der Nation" vorgeführt gefühlt. (© Foto: Sat 1)
Anzeige
Im Anschluss soll bei "Im Namen der Liebe - Nachhilfe in Sachen Glück" auf demselben Sender ein Paar wieder zueinanderfinden, das sich eigentlich schon aufgegeben hatte. Er hat zwar erst vor kurzem ein Eigenheim für das junge Glück erworben, doch seine Holde fühlt sich so öde, seit er immer auf Montage ist und sie weder Freunde noch Freude hat, nur das neugeborene Kind, das sie nervt. Psychologin Dr. Ruth Marquardt wird von der Beziehungsgeschädigten argwöhnisch beäugt, weil sie zu gute Kleidung und Manieren zur Schau trägt, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Und dann wird auch noch ihr Männe in ein schickes Hotelzimmer ausquartiert, während sie an ihrer Einstellung arbeiten soll. Zum Schluss haben sich aber alle wieder schrecklich lieb. Nur die Tanja, die fühlt sich dann doch als "Klops der Nation", als sie die Last, die sie erdrücke, auf Anraten der Psychologin mal ganz lebenspraktisch in einen Rucksack packen soll.
Häusliche Intensivbetreuung
Am Montag lernen wir dann in der Sendung "Die Superlehrer" eine Anhäufung von Schulabbrechern kennen, die von vier Lehrern und einer Sozialpädagogin zum Hauptschulabschluss gepeitscht werden soll. Von Peitschen kann aber keine Rede sein. Die aufsässigen Mädchen und straffälligen Jungs werden von der Sozialpädagogin per Handy kontaktiert, nachdem sie die Nächte durchgesoffen haben, und höflich gebeten, nun aber doch zum Unterricht zu erscheinen. Morddrohungen im Klassenzimmer werden mit einem Kopfschütteln quittiert und ein 66-jähriger Lehrer fängt bitterlich an zu weinen - aber nicht, weil die 21-Jährigen die Grundrechenarten selbst nach seiner unermüdlich geduldigen häuslichen Intensivbetreuung immer noch nicht beherrschen, sondern weil ein 17-jähriger Intensivtäter trotz TV-Projekt in den Jugendarrest soll. "Du fühlst immer so mit", zeigt die Sozialpädagogin Verständnis für den Ergrauten.
Danach betritt Nicole in der Sendung "Jugendcoach Oliver Lück" das Abendprogramm, die zwar erst 19, dafür aber schon des versuchten Totschlags bezichtigt ist und die stolz davon berichten darf, wie sie ihrer Freundin "zwei Fäuste gezogen" habe. Der Grund wird nicht genannt. Man vermutet die Mutter, die "eher Hass als Liebe" für die Tochter empfindet, seitdem der Mann, ein Schläger, die Familie verlassen hat und der Apfel nicht weit vom Stamm zu fallen scheint.
Nach einem Ausflug an den Strand von Lübeck hat der Jugendcoach die 19-Jährige so weit, dass sie mit ihrer Mutter nichts mehr zu tun haben will und provokante Passanten nicht mehr zusammenschlägt. Dass der Einstiegstag in die Tanzschule, das neue Traum-Umfeld der Hartz-IV-Bezieherin, nicht ganz so gelingen mag, könnte auch an dem Tanzpersonal gelegen haben, das mit einem Durschnittsalter von scheinbar über 60 nicht mehr so ganz taufrisch wirkte und die 19-Jährige wohl eher eingeschüchtert hat. Außerdem schlägt man keine älteren Mitmenschen.
Nach diesem Coaching- und Lebensberatungs-Marathon muss also trotz alledem die Frage erlaubt sein: Ticken die noch sauber? Wer soll so viel Elend denn ertragen?
Hier werden Sie geholfen
Jede einzelne der Sendungen mag ja ihre Berechtigung haben. Für die Betroffenen ist es Super-Blubb, endlich mal geholfen zu werden, hilfreiche Berufsgruppen werden beleuchtet bis beworben, und der ein oder andere verantwortliche Politiker, der die wahren Umstände in seinem Bundesland noch nicht kannte, wird vielleicht mit der erhobenen Nase auf die regierenden Umstände gestoßen, die so vernachlässigungswürdig eben doch nicht sind. Nicht nur Neukölln lässt grüßen. Und auch so manch geplagte Seele, der es ähnlich ergeht wie den Vorgeführten, wenn auch nicht in ganz so multipler Form, wird sich erleichtert fühlen. Weil das Elend der anderen eben doch immer versöhnlich mit dem eigenen Schicksal zu stimmen vermag.
Doch in der Summe ist dieses neue Lebensberatungs-TV auf allen Kanälen schier unerträglich. Was ist mit den anderen Fernsehzuschauern? Denen, die noch kein straffälliges Ghetto-Kind haben, keine 80 Kilo Bonus-Speck zu viel mit sich herumschleppen, weder ihren Partner schlagen noch zu Hause täglich den Unterschied zwischen Prozent- und Potenzrechnung erklären müssen? Ehrlich gesagt: Es geschieht uns ganz recht. Spätestens von nun an kann keiner mehr sagen, er hätte von nichts gewusst. Diese traurige Realität existiert, in jedem Nachbarort, und die Privaten führen sie uns volle Breitseite vor Augen.
Recht so, RTL, Sat1 und wie sie alle heißen: Bisher hieß es immer noch, es gehe uns viel zu gut, Deutschland jammere auf hohem Niveau. Nun scheint der Punkt erreicht, wo wir nicht nur jedem Grundschulkind einen Sozialpädagogen an die Seite, sondern bald auch jedem Fernsehzuschauer einen Psychologen aufs Sofa setzen müssen. Wenn das mal keine Bankrotterklärung ist. Wir haben verlernt, zu leben, aber immerhin schafft das Arbeitsplätze für Berater. Tüchtig, diese Privaten, so macht die Krise endlich Sinn. Weiter so!
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
- Thema
- Nachtkritik RSS
- TV-Kritik: "Ich kann Kanzler" Germany's Next Topstreber 20.06.2009
- TV-Kritik: Markus Lanz Der falsche Schnurrbart 17.06.2009
- Niederlande: Vorwürfe gegen Rundfunk Supermarkt TV 15.06.2009
- TV-Kritik: Boris-Becker-Hochzeit Blau blüht der Enzian 15.06.2009
- TV-Kritik: "Mission Hollywood" Babelsberger Besetzungscouch 09.06.2009
- FC Bayern: Einzelkritik Robben, der Regelbrecher 15.05.2010
- TV-Kritik: Germany's Next Topmodel Cindy-rella und der Ritter 14.05.2010
(sueddeutsche.de/lala/bilu)
Umweltstiftung WWF in der Kritik
Für mich steckt da ganz klar Premiere mit dahinter.Wieso sonst landen plötzlich alte Serien bei Premiere.Nur damit die mehr Abonenten bekommen.Aber auf der Strecke bleiben wieder mal wie so oft diejenigen die sich PayTV nicht leisten können.Bei den Privaten kann ja man auch nichts mehr aufzeichnen.Ständig wird da was anderes ins Bild hineingeblendet.Nur die Werbung bleibt Textfrei.Ich finde es echt unverschämt von den Sendern die Zuschauer so zu behandeln.Es gibt ja abends die Sender mit dem Ruf mich an Slogan.Da tanzt dann ein Mädchen und das Bild ist zugekleistert mit Telefonnummern.Und wenn da nichts geschieht,sieht bei den Privaten der Bildschirm bei CSI oder einer anderer Serie genau gleich aus.Und dann wundern sich die Politiker wieso ganz normale Bürger plötzlich zu Internetverbrecher werden,wenn sie sich eine Serie runterladen.Zum Glück kann ich französich denn da wird sowas im Moment noch nicht geduldet.Fragt sich nur wieso die Politiker in Deutschland dagegen nichts tun.Ach ja,nichtstun ist ja ihre Spezialität.
Gruss SonyaFan
" Andreas Türck hat einen anderen Weg gewählt."
Das ist mal eine andere PR-Strategie: Sich fälschlicherweise wegen Vergewaltigung anklagen und rufmorden lassen, um dann in der Versenkung zu verschwinden. Können Sie die Nummer seines Managers mal an Bohlen und Konsorten weitergeben?
Apropos GEZ: Ich zahle doch keine GEZ -Gebuehren fuer Allgemein Rechtliche Anstalten, wo Parteien entscheiden koennen, wer als naechster Intendant die gelbe, rote oder schwarze Fahne schwenken darf.
@ LvB schrieb:
"Ein Kommentator hat es bereits erwähnt - dahinter steckt die bewußte Methode der Volksverdummung, hauptsächlich durch CDU/CSU und FDP. Je dümmer der Bürger, desto eher kommen diese Parteien an die Macht. Von diesen Parteien ist daher kein Gesetz zur Eindämmung dieser schleichenden Verdummungsseuche zu erwarten - im Gegenteil."
Vergessen wir nicht, der Haupakteur, dem wir diese allgemeine Volksverblödungsbehämmerunsstrategie zu verdanken haben, heißt Edmund Stoiber.
An dieser Stelle möchte ich aber mal eine Lanze für die Öffentlich Rechtlichen brechen: Wenn man auswählt, so kann man dort immer noch sehr gute Sendebeiträge erwischen. So, wie ich gestern Abend im Bayrischen Fernsehen: Da wurde nämlich dokumentarisch belegt aufgezeigt, mit welchen Tricks und mit wieviel an Finanzspritzen ein Konrad Adenauer von den USA zum Kanzler der jungen Bundesrepublk hinmanipuliert wurde. Auch damal funktionierte bereits diese Belatscherung der Massen via Medium, zu dieser Zeit waren es Druckpresse und Kino ,denen es gelang, den Willen des Volkes, der ursprünglich eindeutig in Richtung SPD ging, umzubiegen und das Ergebnis zu bekommen, das man wollte. - Geschichtliche Tatsachen, die gern unter den Tisch gekehrt werden und das vor allem von der CDU.
"Superlehrer, Jugendcoach, besser essen und schöner lieben: Die privaten TV-Sender haben die Lebensberatung entdeckt. Coaching auf allen Kanälen. Wer zwei Abende lang fernsieht, muss sich ernsthaft fragen: Sind wir noch ganz dicht?"
Ruth du bist eine Poetin. Mehr möchte ich von dem Artikel gar nicht lesen, da alles wichtige bereits geschrieben wurde...
Paging