Als hätte es die Bundestagswahl nie gegeben: Plasberg führt eine politische Debatte ohne Politiker - und alle echauffieren sich. Eine kleine Nachtkritik.
Der Deutsche an sich ist ein seltsames Wesen. Er neigt zu Spontanausbrüchen von Rebellentum und wählt dann massenhaft Parteien, die bisher als klein galten. Er kann sich für neosozialistische Umverteiler ebenso begeistern wie für neoliberale Marktstrategen. Er kann den Kanzlerwahlverein zurechtstutzen und dessen Partner schreddern und doch irgendwie wollen, dass alles beim Alten bleibt. Der Deutsche schätzt das Erwartbare mehr als das Überraschende, das Pünktliche mehr als das Improvisierte.
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Plasberg: Baring, Schwarzer, Bednarz und Dieter Hallervorden palavern über Deutschland nach der Wahl. (© Foto: dpa)
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Nur vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass eine Sendung wie Frank Plasbergs "Hart aber fair" genau dann alle Erwartungen erfüllt, wenn sie nach der Bundestagswahl so weitermacht, als hätte es die Bundestagswahl nicht gegeben. Mag in Berlin herrschen, wer will: Frank Plasberg tritt grundsätzlich nur ohne Krawatte, aber im Sakko vor die Kamera.
Die Gäste, die er einlädt, müssen dem Untertitel "Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft" auch dann sich fügen, wenn gar keine Politiker anwesend sind. Dann stellen "Charakterköpfe der Nation aus drei Generationen" Politik und Wirklichkeit gleichzeitig her, dann halten sie sich so warnend, zeternd, keifend an den Fundamentalsatz des Talkshow-Dauergastes Arnulf Baring: "Wirklichkeit ist die Grundlage von allem."
Baring lobt die FDP
Der Historiker und Publizist bog sich zuverlässig mit dem Oberkörper in die Schräge, um rechts außen, nach links gewandt - die Sitzordnung wollte es so - den "Sozialdemokratismus als Ideologie" zu geißeln. Ein Drittel des Bruttosozialprodukts werde heute umverteilt. Die Sozialpolitik mache Arbeit unattraktiv. Nur die FDP schere da aus, weshalb er, der Doyen mit der grün-orange gestreiften Krawatte, die FDP rühmte - in jenem spitzen, das Schrille nicht meidenden Ton, der zu Barings Markenzeichen geworden ist. Hier spricht ein Preuße, und jeder soll es hören.
Links außen saß der ehemalige "Monitor"-Moderator Klaus Bednarz, ganz in Schwarz gekleidet. Wie immer sorgte er sich und war alarmiert und fürchtete das Allerschlimmste. Die FDP werde nun ihre "wirtschaftsradikale, neoliberale Klientel" zufriedenstellen müssen. Ergo würden die sozialen Gegensätze sich verschärfen.
Die beiden alten Herren lieferten sich einen routinierten Schlagabtausch. Bednarz, Meister des Handkantenschlags auf die Tischplatte und des Ziegefingerwedelns, trommelte um Zustimmung. Die "Friseuse in Mecklenburg oder Sachsen-Anhalt" müsse für 3 Euro 80 Stundenlohn arbeiten. Wie könne sich da die FDP gegen den Mindestlohn sperren? In Mecklenburg-Vorpommern lebe "jedes dritte Kind, also jede dritte Familie an oder unterhalb der Armutsgrenze".
Die Frage, ob demnach alle Mecklenburger Kinder Einzelkinder sind, beantwortete Bednarz nicht, sprach plötzlich von der "vierköpfigen Familie mit 1060 Euro im Monat". Baring quittierte das misslungene Zahlenspiel mit dem Ordnungsruf "Sie sollten sich an die Wahrheit halten!", blieb ebendiese aber doch lieber schuldig.
Hier war noch einmal das alte Deutschland versammelt. Hier wurde eine SPD beschworen, die es längst nicht mehr gibt, eine FDP inszeniert, die es nie gab, und eine Kanzlerin glorifiziert, die gerade das schlechteste CDU-Ergebnis seit 1949 zu verantworten hatte. Die Menschen von der Straße in einem der gefürchteten, da orakelhaft daherkommenden, aber pennälerhaft argumentierenden Einspielfilmchen lobten sie über den grünen Klee.
Der Stichwortzettel siegt
Auch Alice Schwarzer, der mittlere "Charakterkopf", fand kaum ein kritisches Wort. Merkel sei "patent, sachorientiert". Wüsste man es nicht besser, man müsste nach dieser Talkshow vermuten, die CDU habe glorios triumphiert, die FDP fordere die Verwandlung der Bundesrepublik Deutschland in eine Aktiengesellschaft, und die SPD werde bald mit der Linken verschmelzen.
Arnulf Baring war zur emotionalen wie intellektuellen Schützenhilfe ein Komiker und Theaterintendant beigesellt worden. Dieter Hallervorden, gebürtig in Dessau, schalt in bewegenden Worten den abwesenden Gregor Gysi, der noch 1989 Hilde Benjamin gelobt habe, die Richterin in zahlreichen Schauprozessen der DDR. Bednarz, überraschend genug, sprang dem ernsten Witzbold, der zu keinem "Palim-Palim" sich hinreißen ließ, bei. Auch Sahra Wagenknecht sei eine Zumutung. Sie halte Stalins mörderische Politik für "historisch richtig und gerechtfertigt".
Kurzum: Jeder sagte, was zu sagen er sich vorgenommen hatte. Der Stichwortzettel besiegte das Gespräch. Alice Schwarzer echauffierte sich über das Ehegatten-Splitting, Dieter Hallervorden ganz allgemein über die Wahlplakate, diese "idiotische Maschinerie", und Arnulf Baring vermisste bei den Mitstreitern ein ums andere Mal die "wahren Probleme".
Dazwischen saß die in Wahlkampfzeiten unvermeidliche Erstwählerin, eine Lieblingsfigur deutscher Fernsehschaffender. Diesmal hieß sie Miriam Böhm, stammte aus Dortmund und beklagte "antike Schulbücher, aus dem 19. Jahrhundert". Darum solle die Politik sich kümmern. Die Einblendung verriet, dass man in Dortmund sich offenbar nicht für Parteien, sondern für Koalitionen entscheiden muss. "Hat Rot-Grün gewählt", stand da lange und irrig.
Übrigens lautete das Motto dieser "tollen Runde" (Plasberg) nicht "Was mir wichtig ist - Ich habe mich entschieden", sondern "Deutschland hat entschieden - Was fangen wir damit an?". Gestellt und versuchsweise beantwortet wurde diese Frage dann tatsächlich: in den "Tagesthemen", direkt nach Plasbergs blassem Palaver.
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(sueddeutsche.de/lala/rus)
Partyzone Flußufer
Bleibt die Frage, wie "schafft" man eine Partei, wie die SPD, "ab"? Wie soll das gehen? Und warum? Was hat denn jetzt die Ypsilanti damit zu tun? Ist dieses Phantom-Thema immer noch nicht gegessen? Für @schnarchstopp und Gleichgesinnter gibt es also keine Partei, die ihnen zusagt, oder die sie wählen können? Was ist zu tun? Im allgemeinen Leben sagt man sich, oder man bekommt gesagt: besser machen! @schnarchstopp, aufgestanden, gründet eine Partei, steigt ein ins Politikgeschäft. Stellt ein Programm auf, welches Eure Interessen dient. So, dann habtg Ihr Eure Partei. Wie es dann weitergeht, das ist Euer Problem. Aber eins ist Euch dann klar, es gibt für Euch nichts mehr zu meckern. Da ja alle Parteien "abgeschafft", gibt es nur noch Eure Partei. So einfach ist das, oder doch?
Ich nehme an, dass Ihre Frage nach Aufklärung rhetorischer Art ist. Ansonsten ist es relativ leicht exakte Informationen im Internet zu erhalten. Und glauben Sie mir, Leute wie Baring wissen das alles ganz genau. Sie schüren aber ganz bewusst Vorurteile. Und über die sagt Alphons Silbermann in seinem Buch "Alle Kreter lügen": Eher geht ein Elefant durch ein Nadelöhr als dass ein Vorurteil abgebaut wird. Man muss halt damit leben, dass Hartz IV-er verunglimpft werden. Wenn in meinem Umfeld solche Thesen aufkommen halte ich aber dagegen.
Als Baring in der Moderation angekündigt wurde:
"Arnulf Baring freut sich über das Wahlergebnis und hofft, dass nun nicht mehr nur Politik für Hartz4-Empfänger gemacht wird", hat es mir schon wieder gereicht und ich habe abgeschaltet.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass mit der neuen Regierung auch die Arbeitslosenhetze wieder schick wird.
Da hat es mir doch glatt die (nicht roten) Socken ausgezogen und niemand, NIEMAND, in der Runde widerspricht! Der "gute" Arnulf will also kurz vor der Sendung mit einem H-IV Empfänger gesprochen haben, dem ein Job für 2.200 netto (!) angeboten worden wäre, ihm aber aufgrund seines ALG-II Satzes von 1.800 (!!) die Differenz zum zu erzielenden Arbeitseinkommen zu niedrig vorkomme und er deshalb den Job abgelehnt hätte. Was Herr Baring mit nickendem Kopf guthieß, da der freie "homo oeconomicus" dies aus dargelegten Gründen natürlich ablehnen MÜSSE. Anschließend durfte der Verweis auf zu hohe ALG-II Regelsätze natürlich nicht fehlen. Baring stellt dies (massiv hohes Einkommen für faule Schmarotzer) EXPLIZIT als Regel, nicht als Ausnahme dar und NIEMAND in der Runde wiederspricht!?!?! Meine Fragen: 1. Waren die Diskussionsteilnehmer alle so unwissend (= dumm) und haben Barings Zahlen für bare Münze genommen? 2. Waren Sie einfach nur geschockt ob der Abstrusität der Behauptung? 3.Kennt hier jemand im Forum oder überhaupt irgendjemand einen H-IV Empfänger, dessen monatliches Auskommen sich auf 1.800 beläuft? Aus eigener Erfahrung (Ich war als Akademiker kurz nach meinem Studium gaaanz kurz arbeitslos; tschuldigung, ich Parasit) sind mir ca. 350 plus Mietzuschuss (ca. 180 ) geläufig. 4. Oder habe ich da etwas nicht mitbekommen? Mit der Bitte um Aufklärung,
MfG ag
Baring, der das gleiche Beispiel verwendet wie viele andere Hartz IV-Kritiker, vergisst zu erwähnen, dass die zweckgebundenen Zuwendungen für angemessenen Wohnraum und Übernahme von Heizkosten absolut nichts mit dem Lebensstandard der Betroffenen zu tun hat. Die Hartz IV Sätze für Erwachsene in Höhe von 352,00 Euro und 211,00 Euro für Kinder (laut Verfassungsgericht zu wenig!) lassen nun wirklich keinen üppigen Lebensstandard zu. Und wenn der Abstand zu den Arbeitslöhnen zu niedrig erscheint, dann liegt es doch nur daran, dass manche Löhne unverschämt niedrig sind. Aber so wie Baring argumentieren viele: Priviligierte schimpfen nun mal gerne auf die Unterpriviligierten.
Kostet ja auch viel Geld. Aber entweder sind wir Sozialstaat und stehen dazu oder wir schaffen ihn ab.
Paging