TV-Kritik: "Germany's Next Topmodel" Kampfhubschrauber Klum

Wenn der Helikopter das Röckchen hochbläst, schlägt die Stunde von Gina-Lisa: Sie ist der Star in Heidi Klums "Germany's Next Topmodel" und beweist zugleich das Scheitern des Formats.

Von Christian Kortmann

Gina-Lisa, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele, Gi-na-Li-sa, die Zungenspitze geht auf Reisen, zischt nach vorn und schlägt dann vor die unteren Schneidezähne: Gi-na-Li-sa. Mit diesen Sätzen würde einer der berühmtesten Romane beginnen, hätte Vladimir Nabokov, verehrter Meister stilsicherer Altherrenprosa, seine Heldin nicht "Lolita" sondern "Gina-Lisa" getauft.

Gina-Lisa und der Kampfhubschrauber.

(Foto: Foto: Pro Sieben)

Aber schon klanglich passte Gina-Lisa nicht in Nabokovs so feinsinnige wie dekadent-pathologische Welt. Eher klingt bei diesen vier I-A-Silben eine Mischung der Italienromantik der 1950er-Jahre und des soliden deutschen Provinzlebens an, Marke: "Bauer sucht Frau".

Genauso gut könnte man sich vorstellen, dass Soldaten diesen Namen auf ihren Kampfhubschrauber pinseln: Foxtrot, Uniform, Charlie, Kilo, Gina-Lisa. Denn mit schwerem Geschütz harmoniert Gina-Lisa bestens, wie sie am Donnerstagabend bei "Germany's Next Topmodel" (GNTM) bewies: Auf einem Salzburger Flughafen mussten die 19 verbliebenen Kandidatinnen vor einem wenige Meter über dem Boden schwebenden Helikopter für ein Foto-Shooting posieren.

Lustig, wie der Wind des "Propeller-Dings" (Next-Topmodel-O-Ton) die Haare zersauste und die Kleidchen hochblies. "Der Wind kam von allen Seiten, dann ist halt mein Röckchen hochgeflogen - egal!", befand Gina-Lisa: "Ich hab mein Ding durchgezogen und mich nicht ablenken lassen." Das ist professionell, das ist cool, das würde Hanoi-Heidi nicht anders machen.

Doch die Sache hat einen Haken, und da es in Klums Model-Show um Oberflächlichkeiten geht, muss man es so sagen: Die gut gebräunte Gina-Lisa erinnert mehr an Ballermann als an Balenciaga. Sieht man sie mit ihrer Freundin tuscheln, denkt man, die "Fussbroichs" liefen jetzt auf Pro Sieben. Setzte sie sich durch, stünde sie für den neuen Model-Typ WCB, Working-Class Beauty: wasserstoffblonde Extensions mit Herz.

Gina-Lisas Model-Ambitionen werden vom Zuschauer als Witzmotiv konsumiert, so wie die Führerscheinversuche des Horst Schlämmer. Nur leidlich versucht Klum, die 21-Jährige zu entprollen: "Weniger Glitzer-Make-up, wir suchen nicht Miss Einkaufszentrum."

Cross-Promotion von Pro Sieben

Dass man Gina-Lisa, die auf dem Modelmarkt keine großen Chancen haben dürfte, zum Star der Show aufbaut, lässt vermuten, dass Pro Sieben die schrillsten Szenen als Cross-Promotion direkt für die Ausschlachtung in Stefan Raabs "TV total" produziert. Bezeichnend, dass am Ende keine Kandidatin rausflog: GNTM ist eine Castingshow ohne eigentliches Casting - die Sendung ist vielmehr ein Comedy-Zulieferer-Format.

Wenn Frau Klum ihren früheren Beruf ernst nimmt, ist dieser Wandel der Show innerhalb von drei Staffeln ein Verfall. Wenn sie sich allerdings als weibliche Dieter-Bohlen-Variante begreift, hat die 34-jährige Trägerin bewundernswert maisgelben Haares Karriere gemacht: In jeder Folge durchläuft sie die Genese vom verständnisvollen Kumpel über die hartherzige Freundin ("Versteh' ich auch alles, will ich aber nicht hören. Wenn du dich nicht weiterentwickelst, bist du draußen.") und Antreiberin ("Ihr müsst hart werden. Ich will nichts schwabbeln sehen.") zur eiskalten Zuchtmeisterin, die sich bekanntlich zutraut, auch Britney Spears "zurechtzubiegen".

Verbale Hinrichtungen

Die Urteile, die Klums autoritäres Jury-Regime mit den Schergen Peyman Amin, Casting-Direktor Rolf Scheider und einem Gastjuror fällt, sind nicht härter als das Leben selbst, aber weil sie vor Kameras von Stärkeren über Schwächere gefällt werden, geschmacklos, unverschämt und entwürdigend: Wenn einer jungen Frau mit brutal-allmächtigem Unterton attestiert wird, sie komme "langweilig rüber" und habe "keine Persönlichkeit", ist das eine verbale Hinrichtung, die zwangsläufig in Tränen endet.

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