Nach der Flucht ist vor der Flucht: Christine Neubauer übernimmt von Maria Furtwängler und zeigt in "Die Erntehelferin", was der Flüchtlingsfrau im Deutschland des Jahres 1946 blüht.
Konzeptfernsehen mit der ARD: Nach "Die Flucht" mit Maria Furtwängler, kommt jetzt das Vertriebenendrama "Die Erntehelferin". Christine Neubauer, so die Idee, führt als dralle Sudetendeutsche Clara - einen Nachnamen hat sie nicht - einmal exemplarisch vor, wie das Leben einer Frau dann nach der Flucht weiter verlaufen konnte.
Die Kirschen der Freiheit müssen sauer verdient werden: Christine Neubauer als sudetendeutsche Erntehelferin Clara. (© Foto: ARD Degeto/Reiner Bajo)
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Was konnte man tun 1946 in Deutschland? Wenn man so wie diese Clara aus Marienbad geflüchtet war, sich nun zusammen mit dem kriegsversehrten Schwager und dessen vier Kindern zwangseinquartiert bei einer ablehnenden oberfränkischen Bäuerin (Schlüsselsatz: "Rrraus aus meiner Küch'!") wiederfand und dringend Geld brauchte, um Lebensmittel wie Medikamente für ein schwer hustendes Kind zu kaufen?
Der nach einer Idee und unter der Regie von Peter Sämann entstandene Film zeigt drei Möglichkeiten, für die die Frau von damals sich entscheiden konnte. Erstens: passiv neben einem Mann ohne Arm ausharren. Zweitens: als Erntehelferin anheuern. Drittens: mit den GIs anbändeln.
Wobei diese letzte Möglichkeit nur kurz angerissen, aber als moralisch fragwürdig sogleich wieder verworfen wird. "Daran darfst du gar nicht denken", befindet Claras Schwager (Peter Weiß) streng. Dann sagt er noch mutlos: "Was sollen wir denn tun? Wir haben doch alles verloren."
In den Dialogen liegt eigentlich die größte Schwäche dieses Films, weil sie nicht die Figuren gesprächsweise miteinander in Beziehung setzen, sondern wie Sprechblaseninhalte vor ihren Gesichtern aufscheinen und eher Lokal- oder Zeitkolorit in den Film tragen. Oder gerne auch schon tausendfach gehörte Formeln wiederholen, wie im zentralen Ausspruch der Arbeit suchenden Clara: "Ich bin mir für nichts zu schade!"
Genau an diesem heiklen Punkt wird die kühne Heldin dann auf die Probe gestellt. Als Erntehelferin, sie pflückt Kirschen auf Gut Braunfels, trifft sie nämlich ihre große Liebe Martin (Götz Otto) wieder, wird aber gleichzeitig in Versuchung geführt von einem bösen Angebot des Gutsbesitzers (August Schmölzer).
20 000 Mark will der stets Reitstiefel tragende Herr mit dem sprechenden Namen Braunfels ihr bezahlen, wenn sie mit ihm einen Erben zeugt. Darf sie sich prostituieren, um das Leben eines kranken Kindes zu retten? Dieses vor Nachkriegs-Kulisse erzählte Dilemma ist die Geschichte der Erntehelferin.
(SZ vom 30.3.2007)
(Die Erntehelferin, ARD, Freitag, 20.15 Uhr.)
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