TV-Kritik: "Anne Will" Im Pflegefeuer der Eitelkeiten

"Menschenunwürdig für beide Seiten": Bei Anne Will wird noch über die Pflege-Katastrophe diskutiert - dabei liegt der Patient schon im Koma. Eine kleine Nachtkritik.

Von Ruth Schneeberger

"Wir starten hoffnungsvoller als wir enden." Dieser bemerkenswerte Satz fällt in dem sehenswerten Berlinale-Eröffnungsfilm von Tom Tykwer. Auch wenn es in "The International" um traurige Einzelschicksale im großen Weltvernichtungsschlag des Bankensystems geht, trifft das Zitat bestens auf ein anderes brennendes Thema zu: auf den Pflegenotstand.

Der beschränkt sich längst nicht mehr auf traurige Einzelschicksale.

Nach wie vor gelten die Themen Alter, Krankheit und Tod in den westlichen Gesellschaften als Tabuthemen. Nur in der Not setzen sich Betroffene und Angehörige damit auseinander - um dann zu merken, dass sie völlig unvorbereitet sind.

Gut, dass Anne Will sich mit den Gästen ihrer ARD-Talkshow aus Politik, Pflege und Familien dieses Themas am Sonntagabend ("Angehörige überfordert, Politik machtlos?") annahm. Schade, was dabei herauskam: Die Politik verwaltet das Elend auf einem eitlen hohen Ross, die Pflege ist chronisch unterbesetzt, Familien brechen wegen Überbelastung auseinander - und selbst Pflegeheimleiter würden ihre Angehörigen nicht mehr ins Heim stecken.

Bis auf Daniel Bahr, den Gesundheitsexperten der FDP: Er fühlte sich gut auf das Thema vorbereitet, weil sein Opa in einem Pflegeheim gestorben ist. Bis dahin habe dieser dort gut gelebt - abgesehen von der Tatsache, dass er sein Zimmer mit einem Bewohner habe teilen müssen, der dieselbe Leistung wie der Selbstfinanzierer auf Staatskosten erhalten habe - obwohl er sein Geld durch ein "Leben in Saus und Braus" verprasst habe. Wohlgemerkt habe sein Großvater sich durchaus ein Einzelzimmer leisten können, er sei vielmehr freiwillig in ein Doppelzimmer umgezogen - und dann diese Enttäuschung.

Luxusprobleme

Auf die Luxusprobleme der FDP entgegnete der Gesundheitsexperte der SPD, Karl Lauterbach: "Die meisten Menschen, die arm sind, sind nicht arm, weil sie in Saus und Braus gelebt haben, sondern weil sie schlicht nicht mehr hatten. In der Pflege wie in der Krankenversicherung sollten die medizinischen Versorgungsqualitäten für jeden gleich sein - völlig unabhängig vom Einkommen."

Doch auch Lauterbach musste sich Kritik anhören, meist von Moderatorin Anne Will: Ob er nicht selbst als Mitglied der Regierung zu wenig für die Pflege getan habe, insistierte sie ein ums andere Mal. Das wollten sich beide Gesundheitsexperten aber nicht gefallen lassen und führten die begonnene Pflegereform ins Feld - was bei Pflegeexperten und Angehörigen nur für Lacher sorgte.

Gerade mal 30 Euro mehr im Monat, also einen Euro am Tag, habe die Politik mit der ersten Stufe der Pflegereform in 2008 für Pflegefälle locker gemacht - "und nun lassen Sie sich feiern", schüttelte Claus Fussek, Pflege-Papst und Pflegekritiker aus München, verständnislos den Kopf. "Wenn die Politik sagen würde: 'Wir haben andere Prioritäten, liebe Alte, liebe Demente, für Euch haben wir nicht mehr', dann wäre das ehrlich."

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