Es war der größte Arzneimittelskandal im Wirtschaftswunderland - und er schmerzt heute noch. Nach langem Rechtsstreit darf die ARD ihren Contergan-Film "Eine einzige Tablette" heute Abend ausstrahlen.
Die handliche Broschüre, die in diesen Tagen verschickt wurde, trägt den Titel "Contergan: Wahrheit versus Fiktion." Absender ist die Firma Grünenthal aus Aachen. Grünenthal hat 1957 das Schlafmittel Contergan auf den Markt gebracht und es 1961 zurückgezogen, als ein Zusammenhang zwischen der Einnahme des Schlafmittels und Fehlbildungen bei Ungeborenen hergestellt werden konnte.
Bunte, sorgenfreie, unschuldige Sechziger - bis ein behindertes Kind zur Welt kommt. Szenenbild aus "Eine einzige Tablette". (© Foto: WDR/ Willi Weber)
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Nun zeigt die ARD - 50 Jahre nach dem Verkauf der ersten rezeptfreien Contergan-Packungen - einen Spielfilm ("Eine einzige Tablette"), der die größte Tragödie der deutschen Arzneimittelgeschichte thematisiert. "Größte Tragödie der deutschen Arzneimittelgeschichte" steht als Untertitel auf der Broschüre, mit der das Unternehmen das zweiteilige Drama begleitet.
Kann es mehr Gründe geben, Geschichte fiktional abzubilden als diesen Superlativ? Auf 17 Seiten wird im Namen des geschäftsführenden Gesellschafters Sebastian Wirtz Grünenthals Wahrheit dokumentiert. Auf dem Prozessweg versuchte der Pharmabetrieb, sie zur rechtsgültigen Wahrheit erklären zu lassen. Bis vor das Bundesverfassungsgericht kam die Klage mit dem Ziel, die Ausstrahlung zu verhindern: Auf der einen Seite der Westdeutsche Rundfunk mit dem mittelständischen Produzenten Michael Souvignier, auf der anderen die industrielle Kraft.
Im Vorwort zur Broschüre über die Wahrheit schreibt Sebastian Wirtz: "Wir aus dem Familienunternehmen Grünenthal wurden in den zurückliegenden Monaten immer wieder mit falschen Darstellungen unserer Vergangenheit konfrontiert. (. . .) Der Film ist keine Fiktion: Zu viele originale Details stimmen mit der Realität überein. Der Film ist keine Dokumentation: Zur Steigerung von Spannung und Dramatik wurden viele Falschdarstellungen eingebaut. Dies geschah zu Lasten unseres Unternehmens - und mit Blick auf eine gute TV-Quote, damit weltweiter finanzieller Erfolg generiert wird."
Im Laufe der eineinhalb Prozessjahre mussten die ARD-Anstalt und der Produzent das eine oder andere Kleine verändern: hier eine Liebesszene, da ein paar Andeutungen, die das Unternehmen fahrlässiger, profitgeiler erscheinen ließen. Nicht nur Grünenthal versuchte, den Film verbieten zu lassen. Auch der ehemalige Anwalt der Opfer, einst Gegner Grünenthals und in der Fiktion ein Held, fühlte sich in seinem Persönlichkeitsrecht verletzt.
Der Jurist tut, was Juristen eben tun
Fünf Millionen Euro hat das Drama gekostet. Es wurde sorgfältig besetzt mit August Zirner, Benjamin Sadler, Katharina Wackernagel, Hans-Werner Meyer, Matthias Brandt oder Laura Tonke. Die beiden Teile sind sehr wesensverschieden: Im ersten herrscht Bewegung. Sadler und Meyer spielen zwei Anwälte im Wirtschaftswunderland.
Sie steigen auf, beziehen Wohnungen mit Fernsehapparat und planen Familien. Den zweiten Teil inszeniert Regisseur Winkelmann als eine Starre, aus der kein Happy End wächst, aber immerhin so etwas wie ein Gefühl der Gerechtigkeit. Diese Gerechtigkeit heißt Entschädigung.
Liebevoll wurden die sechziger Jahre im Kleinen zusammengestellt. Alles ist bunt, sorgenfrei, unschuldig - bis Katharina Wackernagel als Sadlers Ehefrau ein behindertes Kind zur Welt bringt. An diesem Punkt entfaltet das Drama seine Wirkung. Einerseits tut der Jurist, was Juristen eben tun: Er klagt, er klagt mit großer Wut, er bricht mit dem von Meyer gespielten Anwaltsfreund und entfremdet sich seiner Frau und auch seinem Kind.
Ein gutes Motiv
Warum macht man einen Film wie diesen? Um die sozialen und politischen Nebenwirkungen der einzigen Tablette zu zeigen. Vielleicht auch in der Überzeugung, etwas für die Opfer zu leisten. Vielleicht sogar aus Quotenkalkül, was jeder bestreitet.
Denn jeder, der sich an der Produktion beteiligte, hatte ein gutes Motiv. Der inzwischen verabschiedete WDR-Intendant Pleitgen war Contergan-Prozessberichterstatter als junger Mann. Produzent Souvignier sagt, es sei Wertvolles entstanden im Leid: das Arzneimittelgesetz und ein Verständnis für die Integration behinderter Menschen. Wer wisse noch, dass die ersten Contergan-Kinder auf Sonderschulen mussten?
August Zirner dachte, als man ihm eine Rolle anbot: Interessant, da wird also ein Mittel angeboten, damit die Leute gut schlafen, was wohl nach 1945 erst mal nicht möglich gewesen sei. Mit fürchterlich gut gespieltem Zynismus steht Zirner als fiktiver Rechtsberater Grünenthals im Zentrum der Handlung. Niemand will so sein wie er, den nichts rührt, der das Recht beugt, der taktiert, einschüchtert, manipuliert - um Recht zu bekommen.
Dass man als Grünenthal so nicht wirken möchte, ist klar. Doch der Film hat ja den Kern der Geschichte einer einzigen Tablette nicht verändert. Er hat ihn dramaturgisch geschliffen und seine eigene Wahrheit gefunden.
Eine einzige Tablette, ARD, 20.15 Uhr. - 2. Teil, Donnerstag, 20.15 Uhr.
(SZ vom 7.11.2007/ihe)
Die Arroganz der Firma Grünenthal ist der eigentliche Skandal. Selbstverständlich ist und bleibt Grünenthal verantwortlich für sein Medikament und seine Firmengeschichte, aus der der Contagan-Skandal nicht wegzudenken ist.
Wer diese Geschichte um Contagan aufmerksam verfolgt hat, dem ist bekannt, wie sich Grünenthal auf die bislang minimalistischste Lösung herausgewunden hat. Mit welcher Inbrunst Grünenthal immer seine Position verteidigt, aber sich menschlich höchst zweifelhaft gegenüber den von ihr geschaffenen Patienten verhalten hat, macht einen bis heute sprachlos.
Die geradezu bösartige Haltung gegenüber all denen, die nicht so wollen, wie Grünenthal es will, lautet gegenüber der Presse lapidar: Wenn solche Filme über Opfer gedreht werden, verdienen die Opfer auch keine Unterstützung von. Was für eine Logik. Zu Ende gedacht heißt dies, seit still und wenn alle ganz still sind, brauchen wir uns erst recht nicht weiter kümmern und zahlen.
Hätte die Firma einen Image-Berater, mütse die Firmensprecherin ihren Hut nehmen. Aber dann kann sich auch gleich die gesamte Firmenführung verabschieden. Schändlich!
Einige Tierversuchsbefürworter behaupteten, Contergan wäre nicht ausreichend im Tierversuch getestet worden. Diese Behauptung ist falsch und mehrfach widerlegt: Nachdem Contergan Anfang der 60er Jahre vom Markt genommen wurde, sind im nachhinein weitere zahlreiche Tierversuche mit diesem Mittel durchgeführt worden. Bei über 95% der Versuchstiere traten keine Missbildungen auf. Trotz weiterer Tierversuche wäre Contergan also auf den Markt gekommen. Bereits ab Mai 1961 vermutete der Australier Dr. McBridge den Zusammenhang zwischen Contergan und Missbildungen bei Neugeborenen. Er verabreichte in den nachfolgenden Monaten Mäusen, Meerschweinchen und Ratten Contergan, ohne dass Missbildungen bei deren Geburten auftraten. Wichtige Monate vergingen mit Tierversuchen, ohne dass das Mittel vom Markt genommen wurde. Erst als in der Praxis von Dr. McBridge im September 1961 weitere Missbildungen bei Neugeborenen auftraten, deren Mütter Contergan eingenommen hatten, publizierte er seine Befürchtungen und das Mittel wurde vom Markt genommen, ohne dass bis dahin Missbildungen im Tierversuch nachgewiesen werden konnten.
Ist die Wahrheit nicht schrecklich genug?
Die einzigen die in der Diskussion um Contergan seit fünfzig Jahren Lügen und verschleiern ist die Firma Grünenthal.
Aus Profitgier wurde, auch nach Bekanntwerden der ersten Fälle von Missbildungen durch die Einnahme von Contergan, die Zusammenhänge geleugnet und ungeniert weiterverkauft, selbst noch als die schädigende Wirkung von Contergan schon längst nachgewiesen war.
Der eigentliche Skandal ist, dass diese Firma die Betroffenen mit einem Taschengeld abgespeisst hat und heute noch existiert, auf der Grundlage der mit Contergan eingefahrenen Gewinne.
Und jetzt stellen sich diese Leute heuchlerisch als Interessenvertreter der Opfer hin, dies ist mit normalem Gerechtigkeitsempfinden nicht nachvollziehbar.
Glücklicherweise hat das Bundesverfassungsgericht wenigstens diesen Schachzug erstmal durchkreuzt.
Ich stamme auch aus dem Jahrgang der Betroffenen und nur durch Zufall nahm meine Mutter damals keine Tablette, es hätte aber auch anders kommen können.
Hallo,
als betroffener fühle ich mich ein drittes Mal geopfert.
Das erstemal war es die Tablette selbst.
Beim zweiten Mal war es der Prozess der mit einem für uns höchst unglücklichen Vergleich endete.
und nun versucht Grünenthal auch noch seine Interessen mit unseren Nöten zu bemänteln und auch noch unsere moralischen Ansprüche auf eine nicht wahrnehmbarfe Größe zu reduzieren.
Anders sind die Vielzahl von Begründungen nicht zu verstehen in denen zum Beispiel die Ausstrahlung mit allen Mitteln zu verhindern gesucht wurde in dem man sich wie im ersten Prozess dazu versteigt zu behaupten es würde auch im Interesse von uns Betroffenen und der Wahrheit gehandelt.
Erschreckend wie einfach es sich manche machen können in ihrem Ansinnen ihre einzigen und offensichtlichen Interessen zu ummänteln. Dem eigenen Profitstreben und der Verhinderung allem was diesem auch nur im geringsten im Wege steht.
Dies ist der rote Faden der sich in all den Jahren als als ewig dominanter Knebel durch unsere Leidensgeschichte zieht.
Gruß
Contergarnix