Von Christopher Keil

Es war der größte Arzneimittelskandal im Wirtschaftswunderland - und er schmerzt heute noch. Nach langem Rechtsstreit darf die ARD ihren Contergan-Film "Eine einzige Tablette" heute Abend ausstrahlen.

Die handliche Broschüre, die in diesen Tagen verschickt wurde, trägt den Titel "Contergan: Wahrheit versus Fiktion." Absender ist die Firma Grünenthal aus Aachen. Grünenthal hat 1957 das Schlafmittel Contergan auf den Markt gebracht und es 1961 zurückgezogen, als ein Zusammenhang zwischen der Einnahme des Schlafmittels und Fehlbildungen bei Ungeborenen hergestellt werden konnte.

Szenenfoto aus dem WDR-Spielfilm

Bunte, sorgenfreie, unschuldige Sechziger - bis ein behindertes Kind zur Welt kommt. Szenenbild aus "Eine einzige Tablette". (© Foto: WDR/ Willi Weber)

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Nun zeigt die ARD - 50 Jahre nach dem Verkauf der ersten rezeptfreien Contergan-Packungen - einen Spielfilm ("Eine einzige Tablette"), der die größte Tragödie der deutschen Arzneimittelgeschichte thematisiert. "Größte Tragödie der deutschen Arzneimittelgeschichte" steht als Untertitel auf der Broschüre, mit der das Unternehmen das zweiteilige Drama begleitet.

Kann es mehr Gründe geben, Geschichte fiktional abzubilden als diesen Superlativ? Auf 17 Seiten wird im Namen des geschäftsführenden Gesellschafters Sebastian Wirtz Grünenthals Wahrheit dokumentiert. Auf dem Prozessweg versuchte der Pharmabetrieb, sie zur rechtsgültigen Wahrheit erklären zu lassen. Bis vor das Bundesverfassungsgericht kam die Klage mit dem Ziel, die Ausstrahlung zu verhindern: Auf der einen Seite der Westdeutsche Rundfunk mit dem mittelständischen Produzenten Michael Souvignier, auf der anderen die industrielle Kraft.

Im Vorwort zur Broschüre über die Wahrheit schreibt Sebastian Wirtz: "Wir aus dem Familienunternehmen Grünenthal wurden in den zurückliegenden Monaten immer wieder mit falschen Darstellungen unserer Vergangenheit konfrontiert. (. . .) Der Film ist keine Fiktion: Zu viele originale Details stimmen mit der Realität überein. Der Film ist keine Dokumentation: Zur Steigerung von Spannung und Dramatik wurden viele Falschdarstellungen eingebaut. Dies geschah zu Lasten unseres Unternehmens - und mit Blick auf eine gute TV-Quote, damit weltweiter finanzieller Erfolg generiert wird."

Im Laufe der eineinhalb Prozessjahre mussten die ARD-Anstalt und der Produzent das eine oder andere Kleine verändern: hier eine Liebesszene, da ein paar Andeutungen, die das Unternehmen fahrlässiger, profitgeiler erscheinen ließen. Nicht nur Grünenthal versuchte, den Film verbieten zu lassen. Auch der ehemalige Anwalt der Opfer, einst Gegner Grünenthals und in der Fiktion ein Held, fühlte sich in seinem Persönlichkeitsrecht verletzt.

Der Jurist tut, was Juristen eben tun

Fünf Millionen Euro hat das Drama gekostet. Es wurde sorgfältig besetzt mit August Zirner, Benjamin Sadler, Katharina Wackernagel, Hans-Werner Meyer, Matthias Brandt oder Laura Tonke. Die beiden Teile sind sehr wesensverschieden: Im ersten herrscht Bewegung. Sadler und Meyer spielen zwei Anwälte im Wirtschaftswunderland.

Sie steigen auf, beziehen Wohnungen mit Fernsehapparat und planen Familien. Den zweiten Teil inszeniert Regisseur Winkelmann als eine Starre, aus der kein Happy End wächst, aber immerhin so etwas wie ein Gefühl der Gerechtigkeit. Diese Gerechtigkeit heißt Entschädigung.

Liebevoll wurden die sechziger Jahre im Kleinen zusammengestellt. Alles ist bunt, sorgenfrei, unschuldig - bis Katharina Wackernagel als Sadlers Ehefrau ein behindertes Kind zur Welt bringt. An diesem Punkt entfaltet das Drama seine Wirkung. Einerseits tut der Jurist, was Juristen eben tun: Er klagt, er klagt mit großer Wut, er bricht mit dem von Meyer gespielten Anwaltsfreund und entfremdet sich seiner Frau und auch seinem Kind.

Ein gutes Motiv

Warum macht man einen Film wie diesen? Um die sozialen und politischen Nebenwirkungen der einzigen Tablette zu zeigen. Vielleicht auch in der Überzeugung, etwas für die Opfer zu leisten. Vielleicht sogar aus Quotenkalkül, was jeder bestreitet.

Denn jeder, der sich an der Produktion beteiligte, hatte ein gutes Motiv. Der inzwischen verabschiedete WDR-Intendant Pleitgen war Contergan-Prozessberichterstatter als junger Mann. Produzent Souvignier sagt, es sei Wertvolles entstanden im Leid: das Arzneimittelgesetz und ein Verständnis für die Integration behinderter Menschen. Wer wisse noch, dass die ersten Contergan-Kinder auf Sonderschulen mussten?

August Zirner dachte, als man ihm eine Rolle anbot: Interessant, da wird also ein Mittel angeboten, damit die Leute gut schlafen, was wohl nach 1945 erst mal nicht möglich gewesen sei. Mit fürchterlich gut gespieltem Zynismus steht Zirner als fiktiver Rechtsberater Grünenthals im Zentrum der Handlung. Niemand will so sein wie er, den nichts rührt, der das Recht beugt, der taktiert, einschüchtert, manipuliert - um Recht zu bekommen.

Dass man als Grünenthal so nicht wirken möchte, ist klar. Doch der Film hat ja den Kern der Geschichte einer einzigen Tablette nicht verändert. Er hat ihn dramaturgisch geschliffen und seine eigene Wahrheit gefunden.

Eine einzige Tablette, ARD, 20.15 Uhr. - 2. Teil, Donnerstag, 20.15 Uhr.

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(SZ vom 7.11.2007/ihe)