Da man in den öffentlich-rechtlichen Anstalten aber nichts mehr fürchtet als den Zuschauer, der weiterschaltet, wenn ein Gedanke zu ausführlich entwickelt wird, haben sich die Autoren für das Dokudrama und eine Dramatisierung jenes 9. November entschieden. Zeitzeugen sind zwar eindrucksvoll, manchmal sogar ergreifend, aber zu trauen ist ihnen nicht.

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Egon Krenz hat immer wieder versucht, sich als Urheber des "Knüllers" nach vorn zu spielen. Schabowski selber hat - je nach Laune, je nach Gesprächspartner - höchst widersprüchliche Versionen dieser Geschichte präsentiert. Mal wusste er, was auf dem Zettel stand, dann wieder nicht. (Der Zettel, das nur nebenbei, war ein vielfach bearbeitetes und am Ende sauber getipptes Blatt Papier.) Doch wie das so ist mit dem ehemaligen Bildungsauftrag: Unvermeidlich vereinfachen sich bei der Dramatisierung alle historischen Grauwerte zu jenem schlichten Schwarzweiß, das den Zuschauer um 21 Uhr nicht überfordert.

So schreitet der historische Tag mit der mechanischen Unaufhaltsamkeit eines Uhrwerks voran, wechselt von ZK-Plenum zur Formulierungssitzung und weiter zur Pressekonferenz. Alles ist aufs Wundersamste rekonstruiert. Was die Requisiten kosteten, wurde dafür bei den Schauspielern gespart. In der bewährten Guido-Knopp-Manier geht es in den Spielszenen so menschlich zu wie in einem Wachsfigurenkabinett, aber vielleicht war die DDR ja wirklich so bleich und dauerübernächtigt.

Es sieht natürlich sehr eindrucksvoll aus, wenn die alte Garde der SED in Wandlitz die Maueröffnung verschläft, oder wenn ehemalige Stasi-Oberste mit zwei Jahrzehnten Verspätung die Welt nicht mehr verstehen und auf eine Bürokratie schimpfen, in der sie damals mitgearbeitet haben und die von einer Stunde auf die andere nicht mehr so repressiv funktioniert wie gewohnt. Noch heute wirkt es unbegreiflich, wie in Sekunden der ganze deutsche Stalinismus implodieren konnte.

Obwohl die Filmemacher die Maueröffnung als 24-Stunden-Krimi inszenieren, gehen sie nicht der Spur nach, die der italienische Journalist Riccardo Ehrman vor einem halben Jahr legte. Wie die historischen Aufnahmen zeigen, ließ sich Ehrman an jenem Abend von Schabowski, der dabei einen anderen Journalisten brüsk überging, aufrufen, damit er die dramaturgisch fällige Frage nach den neuen Reiseregelungen stellen konnte. Ehrman behauptet heute, dass ihn Günter Pötschke, der damalige (und inzwischen verstorbene) Chef der DDR-Nachrichtenagentur ADN, angerufen und aufgefordert habe, an passender Stelle genau diese Frage zu stellen. Handelte es sich also bei Schabowskis wüstem Gestottere am Ende doch um eine Inszenierung? Huber und Brasse interessieren sich komischerweise überhaupt nicht für diese Möglichkeit.

Riccardo Ehrman hat für seine Frage vor einem Jahr das Bundesverdienstkreuz erhalten. Das wiederum ärgert den damaligen Bild-Reporter Peter Brinkmann, der Schabowski mit der Frage bedrängte, ab wann die angekündigte neue Reiseregelung denn gelte. Der Streit zwischen Ehrman und Brinkmann hat mittlerweile sogar die Washington Post erreicht, die auf das naheliegende Wortspiel "Brinkmannship" verfiel. (Mit einem n heißt das "gewagtes Spiel".) Für die Filmemacher ist Brinkmann der Held.

Die Wahrheit liegt ganz woanders und sie war für alle zu sehen. Knapp vier Stunden nach Schabowskis Versprecher eröffnet Hanns Joachim Friedrichs die "Tagesthemen" mit einer glatten Lüge. "Die Tore in der Mauer stehen weit offen." Nichts stand offen, an den Grenzen wurde in bewährter Weise schikanös abgefertigt, aber Friedrichs' einprägsames Bild wurde fast augenblicklich Wirklichkeit. Zu den Hunderten, die an den Übergangsstellen in Berlin darauf warteten, dass die überforderten Grenzer sie endlich durchließen, gesellten sich, durch Friedrichs' Ansage ermutigt, viele tausend weitere, und dieser Druck erst war es, der die Mauer öffnete.

Den Grenzbeamten blieb am Ende nichts anderes übrig, als ihre ehemaligen Untertanen ziehen zu lassen. Durch ihre je eigene Unprofessionalität öffneten Schabowski und Friedrichs am 9. November vor zwanzig Jahren die Mauer. Nie waren Journalisten schlechter, nie besser.

Schabowskis Zettel, ARD, Montag, 2. November, 21 Uhr.

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  1. Mauerfall - eine Inszenierung?
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(SZ vom 29.10.2009/iko)