Das Kino Cine-Maxx nimmt den Film "Tal der Wölfe" aus dem Programm. Die Diskussion kippt ins Absurde.
Dem Film ist seit einigen Tagen ein festes Prädikat angepappt: "Tal der Wölfe" ist ein Hass-Film. Wer einen solchen Ausdruck benutzt, wieder und wieder, der sollte wissen, wovon er spricht.
Bild vergrößern
Das Filmplakat in einem Kino in Berlin. (© Foto: ddp)
Anzeige
Kann man also davon ausgehen, dass der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber und sein Medienminister Eberhard Sinner (CSU) den Film gesehen haben, den sie so vehement verdammen?
Wo haben sie ihn gesehen, in einem Projektionsraum der Staatsregierung, in einem der vielen deutschen Großstadtkinos, in denen der Film läuft, vor vorwiegend türkischem Publikum?
Ein wichtiges Signal?
Die Cine-Maxx-Kinos haben den Film gestern aus ihrem Programm genommen - und dabei energisch in Abrede gestellt, sich mit dieser Maßnahme den Politiker-Forderungen zu fügen. Um das fällige Politikerlob kamen sie allerdings nicht herum.
"Die Absetzung dieses Hass-Films durch die größte deutsche Kinokette", erklärte Eberhard Sinner, "ist ein wichtiges Signal der gesellschaftlichen Verantwortung." In der Tat bemerkenswert - ein Kino, "das den sozialen Frieden in Deutschland über das rein wirtschaftliche Interesse stellt." Und das in einer Zeit, da es den deutschen Kinobetreibern nicht gut geht.
Dass man dem MaXXimum-Verleih, der das türkische Publikum in Deutschland mit türkischen Kinoproduktionen versorgt, keinen Vorwurf machen kann, dass er mit seinen Filmen Umsatz machen will, versteht sich von selbst. Kino ist, anders als subventionsbedürftige und vielfach subventionierte Kultur, meistens marktorientiert.
In einem Trial-and-Error-Verfahren müssen Filmemacher, Produzenten und Verleiher die Bedürfnisse und Vorlieben ihres Publikums möglichst schnell sondieren und darauf reagieren - gerade das lässt sie schneller - und kruder - auf gesellschaftliche Veränderungen und Entwicklungen reagieren.
Klappmesser in der Hosentasche?
Der Hass auf die Amerikaner und ihre Abu-Ghraib-Praktiken im Irak ist da vielversprechender Stoff.
Was schlimm ist an der Hassfilm-Sache, ist die Hooliganisierung des Publikums, die hier implizit betrieben wird. Denkt man wirklich, in den Vorführungen von "Tal der Wölfe" hocken lederbejackte, mit dem Klappmesser in den Hosentaschen spielende Türkenjungen, die am Ende, vom Leinwandgeschehen aufgegeilt, in den Straßen Randale machen werden?
Ein aggressives Publikum, das nie mitgekriegt hat, dass es einen Unterschied gibt zwischen Wirklichkeit und Fiktion?
In Wahrheit ist es ein durchaus bürgerliches Publikum, das sich den Film anschaut, und dem schon gefällt, dass ausnahmsweise ein türkischer Held am Ende siegt - auch wenn wahrscheinlich jeder merkt, dass er gegen die weltweit strahlenden Amerikanerhelden eine eher zweitklassige Figur abgibt.
Amerikanischer Schauspieler gibt die beste Figur ab
Die beste Figur gibt auch im "Tal der Wölfe" der amerikanische Bösewicht ab, und der amerikanische Akteur Billy Zane spielt seine Rolle mit sichtlich großer Lust.
Inzwischen wird das Publikum bereits vorsorglich observiert. Der bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU) hat "Leute der Sicherheitsbehörden" gebeten, ihm Reaktionen in den Kinos zu melden.
Es ist die "hohe Emotionalisierung der Zuschauer", die ihn beunruhigt - damit müsste eigentlich das Kino an sich unter Generalverdacht kommen.
Natürlich ist das Kino keine moralische Anstalt, und ein Actionfilm braucht klare Grenzlinien, eine eindeutige Konfrontation - deren Fehlen übrigens ausgerechnet "Tal der Wölfe" manchmal bedenklich ins Wackeln bringt.
Das schlimmste Massaker: Ein Selbstmordattentat
Das schlimmste Massaker bewirkt ein Selbstmordattentäter mit seinem Sprengstoffgürtel. Vor solchen Aktionen hat wiederum ein alter Scheich gewarnt - das sei nicht im Geiste des Islam. Später rettet er, mit dem gleichen Argument, eine gefangene amerikanische Geisel vor dem Geköpftwerden.
Je heftiger die Diskussion um den Film wird, desto mehr droht sie ins Absurde zu driften. Demnächst könnte die Beethoven-Gesellschaft protestieren gegen den Missbrauch des Komponisten.
Weil der amerikanische Bösewicht, als er den Ort einer seiner Untaten inspiziert, ein paar Takte von "Freude, schöner Götterfunken" pfeift.
(SZ vom 23.2.2006)
Venizelos kritisiert IWF-Chefin