Türkische Künstlerszene "Erdoğans Arm reicht bis vor unsere Haustür"

Recep Tayyip Erdoğan und sein Regime schrecken nicht vor Ländergrenzen zurück, wenn es um politische Verfolgung geht (SZ-Archivbild: Erdoğan in Köln 2014 ).

(Foto: dpa)

Die Türkei selbst ist für die meisten schon längst eine No-Go-Zone. Doch auch in Europa fühlen sich deutsch-türkische Kulturschaffende nicht mehr sicher.

Von Anna Fastabend

Granada im August, Ferienzeit. Es ist Samstagfrüh, Doğan Akhanlı und seine Frau schlafen fest, als es an der Hotelzimmertür klopft. Der Schriftsteller öffnet verschlafen die Tür und blickt in die Augen der spanischen Polizei. Die schickte Interpol. Mitkommen, heißt es. Was der Grund ist, sagt man ihm nicht, wird er später in Interviews erzählen. Seitdem sitzt der in der Türkei geborene Autor deutscher Staatsangehörigkeit in Spanien fest.

Seit der Verhaftung Akhanlıs sind auch die deutsch-türkischen Künstler und Kulturschaffenden beunruhigt. Nachdem die türkische Regierung über die internationale Polizeibehörde Interpol auf Akhanlı zugreifen konnte, fühlen sich viele von ihnen nirgendwo mehr richtig sicher. Wer früher gerne von einem Land ins andere reiste, denkt jetzt zweimal darüber nach. Und auch darüber, ob er sich in Regimekritik übt. Von rund 40 bildenden Künstlern, Theatermachern, Schriftstellern, Comedians und Musikern, die die SZ angefragt hat, haben sich nur etwa ein Viertel zu einem Interview bereit erklärt.

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Vor allem die Türkei selbst ist für viele von ihnen zur No-Go-Area geworden. Manche meiden sie bereits seit zwei Jahren, bei anderen ist es erst jetzt soweit. Einer von ihnen ist Nuran David Calis. Der Regisseur inszenierte das Theaterstück "Istanbul" am Schauspiel Köln, das Mitte Mai seine Premiere feierte. Das Stück setzt sich mit der Gefühlslage der Deutschtürken nach dem missglückten Putschversuch in der Türkei auseinander. Auch Akhanlı wirkte bei der Inszenierung mit, stand als einer der Akteure auf der Bühne. Der 40-jährige Calis machte sich nach dessen Verhaftung zunächst große Vorwürfe: "Wir wussten alle, dass wir ein Risiko eingehen. Aber wir kannten Doğans Position. Er ist eigentlich ein Versöhner, der zum Dialog und Miteinander aufruft."

Die Türkei ist für viele deutsch-türkische Theaterleute, Filmemacher und Autoren tabu

Wegen seiner kritischen Arbeit raten Calis Verwandte ihm gerade zur Einreise in die Türkei ab: "Ich halte mich daran, alles andere wäre meiner Familie gegenüber nicht zu verantworten." Er macht sich momentan auch Sorgen um seine nächsten Angehörigen. Als seine Mutter im Sommer nach Istanbul flog, musste sie ihm versprechen, dass sie sich nach Ankunft und Abreise sofort bei ihm meldet. Dass Calis und andere das Heimatland ihrer Vorfahren nun meiden, ist eine Zumutung. Schließlich haben sie dort Eltern, Tanten, Onkel und Freunde, die sie gerne besuchen würden. Mal abgesehen von den Verpflichtungen: Hochzeiten, Beerdigungen, Arbeitstreffen. Alles, was früher unproblematisch war, ist auf einmal mit hohem persönlichen Risiko verbunden.

Dass viele die Türkei für sich vorerst zur Tabuzone erklärt haben, ist die eine Sache. Eine andere, dass sie sich seit Akhanlıs Verhaftung auch auf europäischem Boden nicht mehr ausreichend geschützt fühlen. Die Journalistin und Referentin Hilal Akdeniz, die sich vor allem mit Genderthemen auseinandersetzt und immer wieder mit fanatisch nationalistischen Kräften aneinandergerät, hatte bei Auslandsreisen schon seit Längerem ein mulmiges Gefühl, sagt sie, in Europa jedoch fühlte sich bisher relativ ungefährdet. "Ich war entsetzt, dass Erdoğans Arm bis vor unsere Haustür reicht", sagt die 38-Jährige.

Das Gefühl der Nächste sein zu können, lässt sich nicht so leicht abstellen. Egal, ob die Befürchtungen begründet oder unbegründet sind. Was Akhanlı widerfahren ist, hätte jeden treffen können, betont Necati Öziri. Der Dramaturg am Maxim-Gorki-Theater in Berlin widerspricht damit all jenen, die in der Verhaftung des Schriftstellers einen Sonderfall sehen wollen. Für ihn macht der absurde Vorwurf der Türkei, Akhanlı sei an einem Raubmord beteiligt gewesen und der aufgehobene Freispruch, keinen großen Unterschied. Die türkische Regierung sei schließlich äußerst erfindungsreich, was angebliche Straftaten betrifft. Gestern ist es noch ein Überfall, heute ein Terrorverdacht. "Wir wissen doch alle, dass das Scheinargumente sind. Am Ende werden sie immer einen Grund finden, einen zu verhaften", glaubt der 28-Jährige.

Richtige Angst vor Reisen innerhalb Europas haben er und die anderen Interviewten deshalb nicht. Es ist mehr Verunsicherung, die so machen zu Schritten veranlasst, die er sonst nicht unternommen hätte: "Es ist nicht ausgeschlossen, dass ich mich vor der nächsten Reise erst einmal schlau mache, dass nichts gegen mich vorliegt", sagt der Dramaturg.