Türkische Chronik (LI) Wie die Türkei ihren Nachwuchs verliert

Studentischen Protest in der Türkei gab es schon immer - doch nun verlassen die schlauen Köpfe das Land. (Archivbild)

(Foto: AFP)

Dschihadismus statt Darwin im Lehrplan: Die türkische Bildungspolitik zwingt viele Studenten und Abiturienten ins Ausland. Die, die bleiben, sind isoliert und hoffnungslos.

Von Yavuz Baydar

Mit einem breiten Lächeln streckte mir eine türkische Studentin die Hand entgegen: "Hallo, ich kenne Sie irgendwie. Ich bin gerade angekommen." Ich befand mich auf Stippvisite an einer schwedischen Universität und war auf einmal umgeben von Neu-Ankömmlingen aus der ganzen Welt. Ein großes Hallo, die erste Gelegenheit neue Freundschaften zu schließen. Die Studentin erzählte mir ihre Geschichte: "Nachdem die Zirve-Universität schließen musste, organisierte ich mir einen Studienplatz an der Uni von Ankara. Doch kurz darauf wurden fast alle meine Dozenten entlassen." Sie rief ihre ältere Schwester an, die in Schweden lebte, und entschied sich, dorthin auszuwandern. "Mir tut es wahnsinnig leid für meine Freunde, die in der Türkei bleiben müssen. Sie haben dort keine Zukunft mehr", fuhr die Studentin fort, während sich ihr Blick vor Trauer verdüsterte.

Was konnte ich darauf schon groß erwidern? "Ich muss dir leider recht geben", murmelte ich. "Aber du hast richtig gehandelt. Es ist wichtig, dass du dein Studium in einem freien Land zu Ende führst. Übrigens bin ich mir ziemlich sicher, dass du danach in eine freie Türkei zurückkehren wirst." Die Wahrheit war jedoch, dass ich mir nicht sicher war, ob ich recht damit hatte. Ich brachte es in dem Moment nur nicht über das Herz, ihre Hoffnungen und Träume zu zerstören.

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Unterwegs zu einem anderen Treffen rief mir eine Frauenstimme nach, eine Studentin, die auf der Suche nach einer Bahnstation war. Ihr Englisch hatte einen starken türkischen Akzent. "Lass uns doch auf Türkisch weitersprechen", schlug ich vor, und die junge Türkin erzählte mir von sich: Sie hatte ihr Heimatland verlassen, um ihren Master zu machen. Warum sie sich dazu entschieden hatte, im Ausland zu studieren, erklärte sie mit wenigen Worten: "Ich bin gegangen, weil es in der Türkei keine Rechtsordnung mehr gibt."

Wieder allein wurde ich traurig. Junge Türkinnen wie diese beiden hatten viel Glück gehabt. Doch gegenüber den Millionen anderen intelligenten, jungen Türken, die das Land nicht verlassen können, empfand ich großes Mitleid. Ihr Ausharren inmitten einer zunehmend konservativ, intolerant und grausam werdenden Umgebung wird definitiv zu einer verbitterten, hoffnungslosen und isolierten Generation führen. Von anderen unterdrückten Gesellschaften wissen wir, wie sehr ein solches Umfeld zu Radikalisierung und zunehmender Instabilität führt.

Die beliebtesten Ziele sind Deutschland und Kanada

Die Türkei hat mit ihrer an George Orwells Klassiker "1984" erinnernden Politik klare Signale gesendet; bei vielen, die gegen Erdoğans Weg in Richtung einer militaristisch-islamischen Gesellschaftsordnung sind, hat sich großes Unbehagen ausgebreitet. Sie scheinen sich nun darauf zu fokussieren, wie sie das Land verlassen und in ausländischen Bildungssystemen unterkommen können.

Die Tageszeitung Cumhuriyet veröffentlichte vor Kurzem Statistiken, die einen Trend zur Abwanderung belegen. Die Zahl der Abiturienten und Studenten, die ihre Ausbildung außerhalb der Türkei beenden wollen, sei innerhalb eines Jahres um 30 Prozent gestiegen. Die beliebtesten Länder sind Deutschland und Kanada, ging aus dem Bericht hervor. An den kanadischen Universitäten stieg die Zahl der türkischen Studenten von 100 auf fast 1000 in diesem Jahr. Die Bewerbungen an deutschen Universitäten verdreifachten sich in derselben Zeit - das Attraktive am deutschen Bildungssystem sind die geringen Ausbildungskosten. "Die hellsten Köpfe des Landes suchen jetzt das Weite", erklärte eine Expertin der Zeitung. "Von allen, die internationale Gymnasien besucht haben, ist bereits die Hälfte gegangen."

Zur Person

Yavuz Baydar ist kein Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, sondern ein türkischer Gastautor. Er wurde 1956 geboren und ist Journalist, Blogger und Mitgründer von P 24, einer unabhängigen Medienplattform in Istanbul. Für seine Arbeit wurde er 2014 mit dem European Press Prize ausgezeichnet. Er hält sich derzeit außerhalb der Türkei auf. Für die SZ schreibt regelmäßig Gastbeiträge.

Dabei bezieht sich die Expertin auf die Absolventen von begehrten internationalen Schulen in den türkischen Großstädten. Während der späten osmanischen Zeit wurden dort viele dieser Gymnasien gegründet, darunter mehrere französische Eliteschulen ebenso wie deutsche, österreichische, italienische und englische Bildungseinrichtungen. Aber auch andere Länder wie Italien, Frankreich, Polen und Tschechien verzeichnen eine Zunahme türkischer Studenten. Den größten Zuwachs erleben laut dem Bericht jedoch die schwedischen Universitäten. Laut den Statistiken schrieben sich dort 60 Prozent mehr Türken als zuvor ein.

Wenn die politische Krise in der Türkei anhält, sich, und sich, wie es momentan aussieht, sogar noch verschärft, wird es düster für die Zukunft. Geboren und aufgewachsen in den säkularen westlichen und südlichen Siedlungen der Türkei könnte diese Generation von Studierenden - die der Kern der Gezi-Park-Proteste war - die letzte sein, die das sinkende Schiff verlässt oder in Verbitterung, Isolation und Aggression verfällt. Das türkische Bildungssystem war immer schon problematisch und bedurfte einer fundamentalen Modernisierung. Doch jetzt, mit der Ablehnung von Darwin und der Injektion des Dschihadismus als Teil des Lehrplans und einer raschen Aushöhlung des Säkularismus an den Schulen, zwingt es die Jugend zu dramatischen Entscheidungen.

Der Autor ist Journalist und Träger des European Press Prize. Er hält sich derzeit außerhalb der Türkei auf. Deutsch von Anna Fastabend.

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