"Tschick" im Kino Und das war dann dieser Sommer

Mit diesen Jungs kann man als Regisseur kaum etwas falsch machen: Tristan Göbel (l.) als Maik und Anand Batbileg als Tschick.

(Foto: dpa)

Wolfgang Herrndorfs Roman "Tschick" war schon in Buchform das beste deutsche Roadmovie. Die Geschichte ins Kino zu bringen, ist ein Risiko - das Fatih Akin gekonnt meistert. Also fast.

Filmkritik von Tobias Kniebe

Woran das Ganze von vornherein scheitern könnte, sind natürlich die Jungs. Die schon wirklich sehr jung sein müssen, damit man ihnen ihre gefahrvolle Reise in einem geklauten Lada auch glaubt. Und gleichzeitig charismatisch genug, damit es am Ende ein toller Sommer gewesen sein wird, will sagen, der beste Sommer von allen. Was ja doch in etwa der Anspruch ist, wenn man darangeht, das viel geliebte Roadmovie "Tschick" aus der Buchform herauszulösen und tatsächlich in bewegte Bilder zu übersetzen.

Da ist also erstens Maik Klingenberg. Nicht Maiki oder Maikipaiki, auch nicht Klinge, einfach nur Maik. Wohnhaft in einer Villengegend von Berlin-Marzahn, die eigentlich nur aus der Villa seiner Eltern besteht. Er ist das genaue Gegenteil eines Assis: reich, feige, wehrlos. Und da ist zweitens Andrej - man muss sich das für die Zunge portionieren - Tschi-chat-schow. Extrem hohe Wangenknochen, Schlitze statt Augen, deutscher Pass, aber geboren in den unendlichen russischen Weiten. Der Russe also. Tschick.

Dieser Maik hat auf der Leinwand nun lässige Haare, fast schulterlang, riesige Wimpern, eine Hühnerbrust und zarten Flaum auf der Oberlippe. Besonders dieser Flaum ist ein fast genialischer Beweis, dass er wirklich vierzehn ist. Nicht weniger eindrucksvoll ist Tschick. Er ist genauso alt, aber deutlich größer und herrlich ungelenk. Über seinem freundlichen, runden Mondgesicht steht mittig ein schwarzes Haarbüschel hervor. Verwegen bescheuert sieht das aus. Also perfekt.

Akins Regie zeigt, warum Handwerker irgendwann Meister genannt werden

Kaum hat man diese beiden Jungs in Aktion gesehen, Tristan Göbel und Anand Batbileg, kaum hat man gehört, wie sie sich die ersten knappen Herrndorf-Dialoge zu eigen machen - "Übertrieben geile Jacke." - "Lieblingsjacke. Unverkäuflich" - ahnt man: Das isses eigentlich. Da kann man jetzt als Regisseur, wenn man diese zwei gefunden und zum Reden gebracht hat, kaum noch was falsch machen.

Es sei denn natürlich, man spürt den Drang, dem Ganzen noch mal offensiv seinen Stempel aufzudrücken. Noch mal mit einer ganz anderen Tonalität dazwischenzufunken, oder mit ein paar kommerziellen Feelgood-Montagen zu aktuellen Hits, damit das Ding auch zündet bei den Kids. Was wackligere Egos durchaus machen würden. Der Autor Wolfgang Herrndorf hat die deutsche Teeniekomödie ja nicht zufällig zeitlebens ziemlich gehasst.

Fatih Akin allerdings ist da ganz ungefährdet. Wer zwischen Deutschland und der Türkei schon mehrmals mit dem Kopf durch die Wand und wieder zurück ist, hat irgendwann einfach die Ruhe weg. So hat er kurzfristig von David Wnendt übernommen, der in letzter Sekunde nicht mehr konnte oder wollte. Akins Regie stellt nun beiläufig klar, warum Handwerker einer gewissen Souveränitätsstufe, die sich in den Dienst einer Sache stellen, irgendwann Meister genannt werden.

Ansonsten spricht, in erstaunlicher Konsequenz, Wolfgang Herrndorf selbst. Sogar in Zweifelsfällen, wo man nachschlagen muss, findet man den Satz oder das Detail oft tatsächlich. Es laufen zum Beispiel selbst im Buch bereits die White Stripes, als Tschick zum ersten Mal mit dem rostigen alten Lada vorfährt. Im Film laufen sie auch, aber eben nicht der erwartbare Superhit fürs Mitgröl-Stadion. Sondern, verhaltener und zugleich unaufhaltsamer, die richtige Dosis Aufbruch im Riff, der Song "Ball And Biscuit".