Tschechische Literatur Nächstes Jahr beim Kartenspiel

Ferdinand Peroutka: Wolke und Walzer. Roman. Aus dem Tschechischen von Mira Sonnenschein. Elfenbein Verlag, Berlin 2015. 375 Seiten, 22 Euro.

Wiederentdeckt: Ein europäischer Roman, der vom Wien des Jahres 1910 nach Prag 1939 führt, von dort in die Lager und den Krieg: "Wolke und Walzer" von Ferdinand Peroutka.

Von Hans-Peter Kunisch

Wien, um 1910. Ein junger Künstler, im Roman heißt er X, pflegt seine abgerissene Existenz. Die Schuhe des jungen Künstlers werden von geschwärzten Fäden zusammen gehalten, aber als X bei einem Hinterhof-Verleger vorspricht, der seine Zeichnungen und Aquarelle von Ringstraßen-Gebäuden in Postkarten verwandeln soll, trägt er einen Gehstock aus Ebenholz mit einem Knauf aus Elfenbein und ekelt sich vor dem Gestank von gedünstetem Wirsing und Knoblauch, der sich im Hinterhof mit dem des Aborts mischt. X hat Reformideen, die in der Zeit liegen: in seiner Stadt wird jede Wohnung Licht und Luft haben, also Privatsphäre, und "der neue Putz wird von heller Farbe sein. Dieser schmutzig-braune Putz wird verboten."

Doch X hat kein Glück beim "Verleger": der findet die Beine der Passanten auf seien Bildern zu kurz geraten und die Sujets fade. Das hält aber den Leser von Ferdinand Peroutkas Roman "Wolke und Walzer" nicht davon ab, sich allmählich in Leben und Gedanken des eigensinnigen Künstlers, der sich abfällig über Ausländer und Juden äußert, ziehen zu lassen. Bis Peroutka, der 1895 in Prag geboren wurde und 1978 in New York gestorben ist, sein Publikum nach etwa fünfundzwanzig Seiten brüsk weckt. Als X in seine Unterkunft im Nachtasyl einzeiht, schreibt er sich mit dem Namen ein: Hitler, Adolf.

Ferdinand Peroutka war in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit ein angesehener liberaler Schriftsteller und Journalist, der dem demokratischen Staatspräsidenten Tomáš Garrigue Masaryk nahe stand. Als die "Rest-Tschechei" im März 1939 von Nazi-Deutschland besetzt wurde, kam er in "Schutzhaft" nach Dachau und Buchenwald, wo er bis April 1945 blieb - mit einer kurzen Unterbrechung: er sollte seine Wochenzeitung als Kollaborateurs-Blatt neu aufziehen. Peroutka widersetzte sich und musste ins Konzentrationslager zurück. Nach dem Krieg schrieb er, wieder in Prag, gegen den wachsenden Einfluss der Kommunisten an. Als sie 1948 die Macht übernahmen, emigrierte er. So erschien "Wolke und Walzer" 1976 im Exil-Verlag "Sixy-Eight" in Toronto. Er war die Umarbeitung eines Theaterstücks, das 1947 in Prag Premiere gefeiert hatte.

Schon 1952 erklärte Peroutka, obwohl er Edvard Beneš gegen den Kommunismus unterstützt hatte, mit Blick auf den tschechischen Nachkriegs-Umgang mit allem Deutschem: "mich kümmert nicht, was mit den Gestapo-Kommissaren geschehen ist, aber es haben auch viele Deutsche gelitten, die nur schuldig waren, als Deutsche geboren zu werden." Solche Äußerungen ließen ihn noch postum zum beliebten Prügelknaben werden. 2015 erzählte der grobschlächtige Polterer und tschechische Präsident Miloš Zeman plötzlich, Peroutka habe in den zwanziger Jahren zwei pro-Hitler-Artikel geschrieben, was sich als falsch erwies. Man möchte Zeman fast wünschen, den raffinierten Auftakt von "Wolke und Walzer" zu lesen, um sich beim ästhetischen Schock nach dem unfreiwilligen Einfühlen in den jungen Künstler-Hitler zu ertappen.

Doch ist der Anfang des Romans für den weiteren Verlauf untypisch. Peroutka verlässt die Perspektive Hitlers rasch, begibt sich per Montagetechnik an die verschiedensten Schauplätze, beginnend mit Prag, März 1939: liberale Bürger beim Kartenspiel, gelassen. Der Bankangestellte Arnold Kraus sinniert nach dem Machtwechsel ungerührt, dass Zionisten wohl Probleme haben werden. Dass auch er, ein getaufter, mit einer Christin verheirateter Jude, in Gefahr ist, realisiert er nicht.

Ein wichtiges Stilmittel Peroutkas ist die Ironie. Als Kraus mit seiner Frau sein Lieblingsrestaurant besuchen will, erfährt er am Eingang, Juden seien "nicht erwünscht". Der Besitzer heißt auch Kraus, ist ebenfalls Jude und erklärt Kraus, dass die Verhältnisse so seien. Er selber plane übrigens die Auswanderung in die USA. Einer von Kraus' Bankkollegen ist Peroutkas Alter Ego Nowotny, der nach einer Denunziation in Buchenwald gelandet ist. Er dient als Folie für Wahrnehmungen aus ungewohntem Blickwinkel. Die Position der "Politischen" im Lager ist prekär. Einerseits leben auch sie in Massen-Baracken, werden von Despoten gequält. Andererseits sind sie privilegiert - und Zaungäste der beginnenden Judenvernichtung.

Kraus, der ebenfalls nach Buchenwald kommt, trifft dort auf Novotny, und Peroutka macht aus ihrer Begegnung ein Kabinettstück. Und Kraus alles dafür tut, als nicht arbeitsfähig eingeteilt zu werden, beförert er damit die eigene Vernichtung. Novotny wiederum sieht, dass sich Sturmbannführer Kaube und sein Stiefelputzer gleichen. Ist der Stiefelputzer, ein Häftling, Kaubes Bruder? Er war Kommunist. Immer mehr Mitglieder der Runde, die zu Beginn in Prag Karten spielte, geraten unter Druck. Dem Arzt Pokorny, der im Gefängnis sitzt, droht der Transport "nach Polen". Seine Frau schläft mit Kommissar Jänicke, um ihn zu schützen. Eva Pokorna überlebt den Krieg, aber sie ahnt, was ihr droht und vergiftet sich. Die Hausmeisterin, vor deren Denunziation sich Eva gefürchtet hat, kommentiert: "ein durchaus vernünftiger Tod." Es gibt viele Todesarten in diesem Buch.

"Wolke und Walzer" ist nicht nur "einer der wichtigsten tschechischen Romane" wie schon Vaclav Havel sagte. Es ist, von Mira Sonnenschein gut lesbar übersetzt, ein beeindruckender europäischer Jahrhundertroman.