Rourke ist aus seinem Apartment in Los Angeles ausgezogen, er wohnt jetzt in einem Townhouse in Greenwich Village, New York. Man stellt sich vor, dass er sehr einsam ist. Weil schwere, komplexe Schicksale Menschen isolieren. Weil niemand nach 15 Jahren Abstieg einfach so in die Normalität zurückkehren kann. Das gibt es nur im Film.

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Ist er einsam?

Rourke wollte immer nur Carré Otis

."Ich habe meine Hunde", sagt er. Ausführlich, ohne jede Ironie, erzählt er von den kleinen Tierheim-Kötern, die seinen Alltag teilen und sein Bett. Sie dürfen sogar ins Schlafzimmer, wenn er sich mal ein Mädchen nach Hause bestellt.

Warum denn eigentlich das: Mädchen bestellen?

"Eine neue Frau will ich nicht." Rourke wollte immer nur Carré Otis.

Rourke ist - heute - Frauen gegenüber ein Gentleman. Er trägt beispielsweise seiner Filmpartnerin Kim Basinger nicht nach, dass sie einst sagte, ihn zu küssen, sei vergleichbar mit dem Kuss eines Aschenbechers. "Kim hatte es schwer", sagt Rourke, seine Stimme wird noch ein wenig sanfter, sogar entschuldigend.

Was soll das heißen? War sie nicht ein B-Model, das durch "9½ Wochen" über Nacht zum Superstar wurde?"

"Aber das war es ja. Wissen Sie, wie schwer das ist, diese plötzliche Aufmerksamkeit, dieser Druck?"

Vorsicht bei den Hollywood-Boys

Bei männlichen Kollegen klingt Rourke anders. Wenn er nicht aufpasst, fängt er wieder an, schlechtzureden, über "diese Hollywood-Boys, Tom C..." Aber halt, stop. Es ist seine zweite Chance. Er wollte ja aufpassen. Oscar-Nominierte sagen vielleicht noch Fuck. Aber sie sagen nicht Faggot. Und sie nennen arrivierte Kollegen auch nicht Hollywood-Boys.

Wie ist sie für ihn, diese plötzliche erneute Aufmerksamkeit? Ist er glücklich, lebt er vernünftig?

Rourke lehnt den massigen Oberkörper vor. "Oh, mein Gott", sagt er so leise, als würde ein paar Meter weiter sein Bewährungshelfer lauschen. "Ich will ausgehen. Trinken. Wieder Spaß haben. Ich zwinge mich, zu Hause zu bleiben. Ich weiß nur nicht, wie lange ich das noch durchhalten kann."

Mickey Rourke ist nicht nur ein Jahrhundertschauspieler. Er ist auch eine tickende Zeitbombe.

Er ist kaputt

Die Menschen lieben ihn wieder. Vor allem aber lieben sie das Comeback. Weil es eine Analogie ist, ein irdischer Ausdruck für Vergebung und Wiedergeburt. Manche sind nach so einem Comeback unantastbar, wie von einer höheren Macht Erwählte. Das Traurige bei Mickey Rourke ist: Es ist nicht so ein Comeback. Es ist keine Phönix-aus-der-Asche-Geschichte, in der der Held neu erstarkt, mit ein paar Kratzern zwar, aber mit dem Strahlen der Erkenntnis wieder auftaucht. Rourke steht nicht für Katharsis, für Aufbruch oder für das Obama-Amerika, er kann auch gar nicht geläutert werden - denn Rourke ist nicht mehr derselbe. Er steht für unwiederbringlich verlorene Vergangenheit. Für Leid. Und Pathos.

Wen soll er im Übrigen künftig spielen? Gerissene Anwälte? Geniale Wissenschaftler? Weltraumhelden? Soll er sich durch sämtliche Talkshows charmieren?

Das geht nicht. Rourke ist kaputt.

An diesem Sonntag tritt Rourke als Nominierter in der Kategorie "Bester männlicher Hauptdarsteller" beim Oscar an. Gegen einen seiner loyalsten Freunde: Sean Penn. "Penn ist ein großer Schauspieler", sagt Rourke. "Ich wünsche mir, dass er diesen Oscar gewinnt."

Wen soll er künftig spielen?

Vielleicht stimmt das nicht. Vielleicht war Rourkes Vater auch nicht so schlimm, wie er sagt. Vielleicht war er sogar schlimmer. Tatsache ist: Rourke fühlt es. Die Menschen, die ihm zusehen, fühlen es auch.

Sean Penn ist übrigens tatsächlich phantastisch in "Milk". Aber wenn es in Hollywood Gerechtigkeit gibt, Selbsterkenntnis und Respekt für Vergänglichkeit, dann werden sie den Oscar diesmal dem Monster in ihrer Mitte überreichen.

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(SZvW vom 21./22.02.2009/holz)