In den Achtzigern hat Randy schon mal den Madison Square Garden ausverkauft, doch mittlerweile ist er über 50. Er hatte einen Herzinfarkt, schleppt sich aber weiterhin zu Kämpfen, weil er muss. Er hat keine Krankenversicherung, keine Rente. Er hat nichts gelernt, und schon sein Erscheinungsbild kappt jeden Zugang zu einem bürgerlicheren Leben. Randys Haare sind lang und gleichzeitig schütter, er hat sie mit Wasserstoffperoxid gebleicht. Billige Steroide haben seinen Körper aufgeschwemmt, seine Haut rau und fleckig gemacht. Gleichzeitig ist sie auf unnatürliche Art gebräunt, denn alle paar Tage schiebt sich dieser große, schwere Mann umständlich zwischen die Grillplatten einer Sonnenbank. Die Unterwäsche lässt er immer an.

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Die Unterwäsche lässt er immer an

Es ist irrational, vielleicht sogar sentimental, aber allein diese sehr frühe Szene des Films, diese intime, verzweifelt um Menschenwürde ringende Existenz bricht dem Zuschauer das Herz. Und es wird zunehmend schwerer, das Ganze mitanzusehen. Nicht nur, weil Randy sich die Haut mit Rasierklingen aufschlitzt, um seine Darbietung dramatischer wirken zu lassen. Schmerzhafter ist mitanzusehen, dass Randy einfach nicht in Würde altern darf. Zumal das auch noch die zutreffendste, deprimierendste Metapher überhaupt für das Hollywood von heute ist. Das ja eben nicht größtenteils aus Superstars besteht, sondern viel eher aus Leuten, die spätestens mit 40, 50 auf der Straße stehen, ohne Lebensversicherung oder Rentenanspruch. Dafür von billigen Implantaten entstellt.

Mickey Rourke war der schönste Junge und gleichzeitig der größte Antiheld der achtziger Jahre. Dem breiten Gewinnergrinsen von Tom Cruise setzte er ein sardonisches kleines Lächeln entgegen. Die greifbare Männlichkeit von Patrick Swayze oder Richard Gere konterte er mit einer rätselhaften, ja verwirrenden Erotik. Und zwischen den unzähligen anderen, stromlinienförmigen Kinohelden der Reagan-Ära wirkte Rourkes Ambivalenz geradezu poetisch.

Sean Penn schlich sich an sein Set, um ihn zu studieren

Rourke war ein Method Actor. Sean Penn, Matt Dillon und Nicholas Cage schlichen sich heimlich an seine Sets, um ihn zu studieren. Ob in "Diner", "Rumble Fish", "Der Pate von Greenwich Village" oder "Angel Heart": Rourke schauspielerte so, wie andere Menschen husten; beiläufig, als sei das alles nicht hart erarbeitet, sondern ihm gerade mal so eben zugestoßen.

Sein Charisma wirkte zu dieser Zeit geradezu zerstörerisch. Nicht nur bei Frauen, auch bei Männern. "Mit einem Blick bricht dir dieser Typ das Herz." Schrieb Bob Dylan, nachdem er Rourke 1988 in "Homeboy" gesehen hatte.

Rourkes Fall war dann so tief, weil seine Fähigkeiten die anderer so meilenweit überragten. Und auch, weil Rourkes Hybris sprichwörtlich war. Er beleidigte alle: Produzenten, Regisseure, Kollegen, das Publikum. Er lehnte Rollen in "Das Schweigen der Lämmer", "Rain Man" und "Pulp Fiction" ab. Stattdessen drehte er den Softporno "Wilde Orchidee", bei dem er seine spätere Frau, das heroinsüchtige Model Carré Otis, kennenlernte.

Den Abstieg umarmen wie einen vermissten Freund

Anfang der Neunziger wollte kein Regisseur, kein Produzent mehr mit Rourke arbeiten. Das Publikum boykottierte seine Filme, die Kritiker gaben ihn zum Abschuss frei. Rourke erklärte, er würde nun, mit Mitte 30, Boxer werden. Es war, als ob er den Abstieg umarmen wollte wie einen lang vermissten Freund.

The Nineties sucked.

Es kostet Rourke Überwindung, über die Stellen im Film zu sprechen, die nicht vom Wrestling handeln. Die Szenen, wo er mit einem Haarnetz als Aushilfskraft im Supermarkt stehen muss, oder die in seinem trostlosen Trailer. Weil sie Rourke an die Neunziger erinnern. Seine Frau hatte ihn verlassen. Seine Hollywood-Millionen: verplempert für Nachtcluborgien, Alkoholexzesse, russische Stripperinnen, Motorräder und Dinge, die ihm falsche Freunde stahlen.

Neurologische Schäden durchs Boxen

Rourke endete in einem Apartment für 400 Dollar. Jahrelang wusste er nicht, woher er das Geld zum Überleben nehmen sollte. Das Boxen hatte neurologische Schäden bei ihm hinterlassen. Er schämte sich beim Anstehen in der Supermarktkasse, da er wusste: Früher oder später würde jemand sagen: Sind Sie nicht...? Das Verlassen seines Apartments kostete ihn größte Überwindung. Andererseits war es überlebenswichtig, denn auf die Art traf er manchmal alte Bekannte, die ihm tageweise Arbeit in ihren aktuellen Projekten verschafften: "Ich lebte in einem permanenten Gefühl der Schande, der Scham."

Irgendwann fand Rourke dann einen Therapeuten. Der ihn auch in den Wochen empfing, in denen er nicht zahlen konnte. Der Rourkes Seele rettete, indem er ihn zurück an die düstersten Orte seiner Kindheit führte.

Rourke wurde 1952 in Upstate New York geboren. Sein Vater verließ die Familie, als Rourke sechs war. Die Mutter heiratete einen Cop, und sie alle zogen nach Miami. Es war dieser Mann, der, wie Mickey Rourke heute sagt, seinen Willen mit Prügeln brach. Der Wut, Scham und Selbsthass in seinen Stiefsohn gravierte. Der der Auslöser war, dass Rourke mit dem Boxen anfing, noch bevor er sich der Schauspielerei zuwandte; um sich und seinen Bruder zu verteidigen.

Dieser Stiefpapa lebt heute noch. Und er behauptete unlängst in der New York Times, dass an Mickey Rourkes Geschichten aber auch gar nichts Wahres dran sei. Mickey sei einfach ein braver, schüchterner Junge gewesen, der Sport liebte. Er selber habe Mickey sogar das erste Paar Boxhandschuhe geschenkt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Mickey Rourke sich Mädchen nach Hause bestellt.

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  1. Das Monster in ihrer Mitte
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