Treffen mit Mickey Rourke Das Monster in ihrer Mitte

Hollywood hat ihn groß gemacht. Fallen gelassen. Und nun für den Oscar nominiert. Mickey Rourke feiert sein Comeback in eine hoffnungslose Zukunft. Treffen mit einem kaputten Helden.

Von Rebecca Casati

Er stemmt sich aus der Couch, bis er seine beeindruckende Bärenstatur erreicht hat. Langsam fährt einem eine Art Hand entgegen. Die Finger sind gewölbt wie Klauen, die Nägel um die Kuppen herum gewachsen. "Herzlich willkommen", sagt er feierlich. Der eigentliche Händedruck von Mickey Rourke hingegen, er ist überraschend zart.

"Ich habe es nicht besser verdient": Mickey Rourke lebte 15 Jahre am Existenzminimum, ließ sich das Gesicht zertrümmern - und könnte am Sonntag mit einem Oscar ausgezeichnet werden.

(Foto: Foto: rtr)

Er wohnt schon seit einigen Wochen im Londoner Hotel Blakes. Trotzdem wirkt er, als sei er soeben unfreiwillig in dieses seidentapetenbespannte Ambiente versetzt worden. Als sei er in Wahrheit aus einer Zeit, in der Schauspieler noch nicht in schnöseligen Londoner Hotels organische Säfte bestellten, sondern mit Planwagen über Land rumpelten und auf Märkten auftraten.

Rourke ist - heute - der wärmste, herzlichste Schauspieler seiner Prominenz. Er ist groß und stämmig, er sieht sein Gegenüber unverwandt an, und in diesem Blick, in seinen fast kohlschwarzen Augen liegt nichts Lauerndes, Neurotisches, sondern eine sonderbare Tiefe, und dann liegt in diesen Augen noch: Neugier. Mickey Rourke schaut tatsächlich wie jemand, der zum ersten Mal die Welt bereist.

Sein Gesicht nun ist, man kann es nicht anders sagen, schockierend. Vier Operationen und 15 Jahre Erfolglosigkeit haben Rourke entstellt. Seine feinen Wangenknochen hat er sich beim Boxen wegprügeln lassen, sie sind nun begraben unter Narbengewebe. Sein Atem geht schwer. Seine Augenlider spannen sich stramm wie Segel über seine Augäpfel. Seine Nase besteht im Wesentlichen aus Knorpelmasse, die man seinem Ohr entnommen hat. Nicht einmal seine Stimme, früher ein heiserer Bariton, ist ihm geblieben; heute klingt sie tief, voll, brummend, so als komme sie vom Grund eines Whiskeyfasses.

"Es war alles kaputt."

Nur wenn er lächelt und den Kopf mit dem sonderbaren Spitzbart in den Halbschatten dreht, dann huscht, viel zu kurz und wie ein Geist, noch einmal der alte Mickey über sein Gesicht.

Wen sieht er im Spiegel?

Er sieht sich selbst. Aber: "Ich erkenne mich in meinen früheren Filmen nicht mehr." Mit dem Zeigefinger fährt er sich in den Mund, zieht das Fleisch der rechten Wange beiseite, "hier hinten, da, sehen Sie?"

Nein. Man sieht nicht vorbei an seinen groben Fingern, die das Fleisch auch gar nicht richtig zu fassen bekommen.

"Es war alles kaputt."

Das menschliche Schlamassel

Alles und nichts, siegen oder verlieren: In Rourkes Leben läuft es immer auf ein Match hinaus. Seine ärgsten Kritiker reden nun von dem größten Comeback, an das sich überhaupt ein Mensch erinnern kann. Rund zweihundert von ihnen hatten sich zum Beispiel zur Pressevorführung seines neuen Films "The Wrestler" in London eingefunden, der am 26.2.09 bei uns anläuft. Die Vorschadenfreude und die Spannung auf das menschliche Schlamassel Mickey Rourke hielten sich die Waage. Und dann? Hatte Rourke sie - als Wrestler Randy The Ram - niedergerungen. Sprachlos gemacht. Jeden Einzelnen.

Hinterher waren beide überraschend auf die Bühne gekommen: Der nüchterne, selbstbewusste junge Regisseur Darren Aronofsky, hinter ihm Mickey Rourke, an einem Gehstock mit silbernem Knauf; wie ein größenwahnsinniger Zirkusdirektor.Sie hatten ein bisschen Schlagabtausch gemacht, ein paar Fragen beantwortet. Ganz am Ende, beim Rausgehen, hatte Rourke sich noch einmal umgedreht und ins Mikrophon gebrummt: "So, Aronofsky. Du schuldest mir 100 Dollar. Ich hab's hier heute abend geschafft, nicht ein einziges Mal ,Fuck' zu sagen. Also, Fuck!" Und dann war er rausgehumpelt, an seinem Stock, in seiner unmodernen, schwarzen Zaubererkleidung.

Ein beschissenes Jahrzehnt, die Neunziger

Das Wort "Fuck" ist momentan Rourkes letzte, kleine Rebellenbastion. Viele, sehr viele Sätze auf der Hotelcouch beginnen mit einer Selbstanklage:

"Ich war so arrogant damals..." "Ich habe mir alles versaut..." "Ich habe es nicht besser verdient."

"The Nineties sucked", sagt Randy im "Wrestler". Ein beschissenes Jahrzehnt, die Neunziger. Spätestens an dieser Stelle ist es dem Zuschauer unmöglich, Rourkes echtes und Randys Leinwandschicksal auseinanderzuhalten: Spielt Rourke Randy oder hat sich diese Figur ihren Spieler gesucht, um ihn aus dem Reich der lebenden Toten zurückzuholen?

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Mickey Rourkes Stiefvater mit seinem Abstieg zu tun hat.