"Transit" im Kino Im Zwischenreich der Zeiten

Anna Seghers Roman "Transit" handelt von der Flucht vor den Nazis. Christian Petzold hat das Buch verfilmt, als spiele es in der Gegenwart. Das ist erschreckend plausibel.

Von Susan Vahabzadeh

Wenn man es richtig anstellt, kann man mit wenigen Pinselstrichen ein eindeutiges Bild malen. Christian Petzold tut das am Anfang von "Transit": Zwei Männer in einer Bar, die so aussieht, wie Bars seit hundert Jahren aussehen. Sie tragen dunkle Jacken, die Unterhaltung am Tresen erscheint ganz klar: zwei Deutsche, die von der Besatzung reden. "Kannst du für mich einen Brief ins Hotel bringen, für mich ist das zu gefährlich", bittet der eine. Das ist unverwechselbar Paris, nach dem Einmarsch deutscher Truppen; die Männer am Tresen sind vor den Nazis geflohen.

Dann wird die Eindeutigkeit erschüttert. Draußen heult die Sirene eines Krankenwagens, die Autos auf der Straße sind von jetzt, da steht ein modernes Telefon am Ende der Bar. Christian Petzold hat Anna Seghers' Roman "Transit" verfilmt, mit ein bisschen dichterischer Freiheit - und einem großen Sprung: Seine Version verwendet den Text von damals. Aber der Film spielt im Frankreich von heute.

Wie nah ist uns diese Geschichte, in der nun plötzlich Deutsche die Flüchtlinge sind? Kann man das in der Gegenwart erzählen, ohne dass es aufgesetzt oder unglaubwürdig wirkt? Das Unternehmen, das im Wettbewerb der Berlinale seine Premiere hatte, galt als riskant - aber es ist in jeder Einstellung geglückt. Eine ganz unaufgeregte Erzählung, und doch hallt sie einem noch lange in der Seele nach.

Alle warten hier auf ein Visum oder eine Schiffskarte, auf die Flucht aus dem Fegefeuer

Georg (Franz Rogowski) ist der Mann aus der Bar, der den Brief überbringen soll. Aber er findet den Adressaten, den Schriftsteller Weidel, nicht mehr in dessen Hotel. Er hat sich umgebracht. Georg nimmt ein paar Dinge des Toten, darunter ein Manuskript, und flieht aus dem besetzten Paris, in die zone libre im Süden. Razzien, Verhaftungen und Deportationen gibt es auch in Marseille, aber da ist der Hafen, der einen Ausweg verspricht.

Wer ist dieser Georg? Er ist von Anfang an der Schatten einer verschwundenen Existenz - wir erfahren nichts über ihn. Nur einmal, da singt er für einen Jungen, mit dem er sich angefreundet hat, ein Kinderlied. Es handelt davon, dass am Abend alle Tiere nach Hause gehen. Seine Mutter habe das für ihn gesungen, sagt Georg. Ein bewegender Moment - und der einzige Verweis darauf, dass er selbst einmal ein Zuhause hatte, ein Leben, vielleicht sogar ein eigenes Kind. Aber das ist unendlich weit weg in diesem Film, ihm unumkehrbar entrissen. Nur den Verlust, den spürt man noch.

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Weil er mit seiner eigenen Identität nichts mehr anfangen kann, übernimmt Georg nun die Identität des Schriftstellers Weidel. Er drückt sich damit auf den Konsulaten herum, in den Gängen, in denen die Menschen darauf warten, dass man ihnen einen Schein ausstellt - ein Visum, eine Schiffskarte -, der ihnen die Flucht aus dem Fegefeuer ermöglicht. Ihm wird, steht in der Romanvorlage von Anna Seghers über den Erzähler, "ganz elend von dem Transitgeflüster".