Benefiz-Aktion für Flüchtlinge Warum Österreicher 60 Sekunden Stille kaufen

  • Der österreichische Künstler Raoul Haspel veröffentlicht ein Lied, das aus 60 Sekunden Stille besteht.
  • Mit "Schweigeminute" will er an das Schicksal der Flüchtlinge in der österreichischen Erstaufnahmestelle Traiskirchen erinnern.
  • Das Lied steht inzwischen an erster Stelle der österreichischen Download-Charts.
Von Ruth Eisenreich und Christoph Meyer

Plötzlich war es still auf Radio FM4, am Dienstagnachmittag kurz vor 18 Uhr. Es war kein technischer Aussetzer: Der österreichische Sender hatte einen kurzen Auszug aus dem Track "Schweigeminute (Traiskirchen)" des Künstlers Raoul Haspel gespielt. Der hält genau, was sein Name verspricht: Er besteht aus einer Minute Stille. Ein Kunstprojekt, mit dem Haspel "gegen das erschütternde Versagen in der österreichischen Flüchtlingspolitik" protestieren will, wie er auf Facebook schreibt.

Und die Idee findet Anklang: Der Track, der offiziell erst am 28. August erscheint, aber schon als Download bei iTunes und Amazon vorbestellt werden kann, steht am Mittwoch zwischenzeitlich auf Platz eins der österreichischen iTunes-Charts. Noch mehr als die Liebe des Lebens, wie sie Rapper Cro in seinem Lied "Bye Bye" besingt (Platz vier), scheint die Österreicher das Schicksal der Flüchtlinge in der Erstaufnahmestelle Traiskirchen zu beschäftigen. Für sie hat Haspel die Schweigeminute als Song eingestellt.

Traiskirchen, das ist eine 20 000-Einwohner-Stadt südlich von Wien, aber wer "Traiskirchen" sagt, meint meist das Erstaufnahmezentrum für Flüchtlinge, das dort steht. Jeder, der in Österreich Asyl sucht, wird zunächst hier registriert und dann weitergeschickt. Weil viele Bundesländer und Gemeinden aber viel zu wenige Asylbewerber aufnehmen, leben in dem auf etwa 1800 Menschen ausgelegten Lager derzeit mehr als 4000 Personen, darunter viele Kinder und Jugendliche.

"Menschenunwürdige" Situation

Frauen und Männer müssen dieselben, völlig überlasteten Sanitärräume benutzen. Seit Wochen schlafen Hunderte auf den Gängen oder unter freiem Himmel auf dem Boden - bei jedem Wetter. Eltern werden von ihren Kindern getrennt. Es gibt zu wenig zu essen und zu wenige Ärzte.

Vor Kurzem untersuchte eine Kommission von Amnesty International das Lager, ihr Ergebnis: Österreich verletze "fast alle menschenrechtlichen Konventionen", die Situation in Traiskirchen sei "menschenunwürdig". Das Problem sei nicht Geldmangel, sondern "administrative Fehler", konstatiert die Organisation: "Ein System, das die Menschenrechte von Asylbewerbern schützt und respektiert, ließe sich ohne wesentlichen Kostenaufwand verwirklichen." Die Politik bekommt das allerdings nicht auf die Reihe - aus Unfähigkeit, sagen manche Kritiker, aus Kalkül, um Asylbewerber abzuschrecken, vermuten andere.

Vielfach springt nun die Zivilgesellschaft ein, um die Lage der Flüchtlinge zumindest ein wenig zu verbessern. Dutzende Initiativen haben sich gegründet, die Kleinstpartei "Der Wandel" hat einen gratis Wlan-Hotspot in der Nähe des Lagers eingerichtet, Privatpersonen sammeln Kleidung oder Zelte und verteilen sie vor dem Lager. Bei all jenen, die von den Zuständen in Traiskirchen entsetzt sind, hat Raoul Haspels Schweigeminuten-Projekt offenbar einen Nerv getroffen.

Wie viel Publicity steckt im Projekt?

"Ich freue mich, wenn Ihr diesen Protest (...) unterstützt. Lasst mich bitte wissen, wenn ihr es gekauft habt! - danke:)", schreibt Haspel auf seiner Facebook-Seite. 99 Cent kostet der Song, die Schweigeminute soll es in die österreichischen Verkaufscharts schaffen. Ist das Projekt also vielleicht einfach ein cleverer Publicity-Stunt?

Dem Künstler Haspel bringt es viel Aufmerksamkeit, die Erlöse aber sollen zur Gänze einer privaten Initiative zugutekommen, die Spenden sammelt und nach Traiskirchen bringt. "Das Label arbeitet kostenlos, die Kosten der Download-Plattformen werden durch mich & Spenden ausgeglichen", schreibt Haspel auf Facebook. Und auch dies: "War am Wochenende wieder in Traiskirchen und es ist wirklich toll, was für Einsatz die privaten Helfer an den Tag legen!"