Von Tobias Moorstedt

Nicholas Zinner, Gitarrist der New Yorker Band "Yeah Yeah Yeahs", schießt zurück. Er wird tausendfach von Handys geknipst. Nun fotografiert er auch sein Publikum. Bei jedem Konzert ein Bild. Wunderbar.

Licht und Musik erwecken das seltsame Wesen zum Leben. Auf vielen Füßen schwankt die schnaufende Masse von links nach rechts, schreit und pfeift, dann schnellen ein paar Dutzend Tentakel in die Luft, um festzuhalten, was weiter vorne passiert. Rockkonzerte sind Festivals der Handy-Fotografie. Einbetoniert zwischen Menschenkörpern strecken die Zuschauer ihre Arme in die Luft - Stielaugen und Teleskope -, um die Stars wenigstens auf dem Handy sehen zu können. Wer weiter hinten in der Menge steht, sieht das Bühnengeschehen viel tausend Mal - gebrochen in den Flüssigkristallen der Handydisplays.

Bild vergrößern

Blick auf die "Wirklichkeit hinter der Musik" - der Backstage-Bereich. (© Foto: St. Martin´s Press)

Anzeige

Nicholas Zinner, der Gitarrist der New Yorker Band Yeah Yeah Yeahs, schlägt das bildersüchtige Monster mit dessen eigenen Waffen. Er fotografiert zurück. Die Yeah Yeah Yeahs bedienen sich im Retro-Rock-Regal zwar eher an Bands wie Cramps oder John Spencer Blues Explosion als an den New Yorker Ikonen Velvet Underground, trotzdem wirken Zinners Fotoarbeiten wie die praktische Umsetzung von Lou Reeds Song "I'll be your mirror" ("Please put down your hands / Cause I see you"). Bei jedem Konzert macht Zinner ein Foto der Zuschauer. Die Publikums-Betrachtungen stehen im Zentrum des Bildbandes "I hope you are all happy now", den Zinner nun herausgegeben hat (St. Martin's Press, New York, 2006. 213 Seiten, 19,95 Dollar). Seit Sonntag sind die Fotografien in der Berliner "Vice Galerie" zu sehen: lächelnde Mädchen aus Japan, die alle das Victory-Zeichen machen, wütende Italiener, ein paar seltsam unbeteiligte New Yorker, und, immer wieder, Menschen mit Kameras. Die Grenzen zwischen Wahrnehmenden und Wahrgenommenen, Fan und Star verschwimmen.

Die Yeah Yeahs Yeahs wurden 2003 mit dem Post-Wave-Album "Fever to tell" und ein paar Songs bekannt, die man am besten über Kopfhörer hört, während man sich mit 25 Stundenkilometern Minimum durch die Gegend bewegt. Fordernde, juchzende, vitalisierende Lärm-Collagen, bei denen die Stimme von Sängerin Karen O. wie eine zweite Lead-Gitarre funktioniert und oft in ein desperat-opimistisches Solo abdriftet.

Bevor Nicholas Zinner ein Rockstar wurde, hat er am Bard College der New York University Fotografie studiert. "Ich führe ein visuelles Tagebuch über die Erfahrung in einer Band zu spielen und zu sein", beschreibt er seine Snapshot-Sammlung. Er fotografiert: die Botschaften der Fans in der Schmutzschicht auf dem Tourbus, die Platzkarten bei der Grammy-Verleihung, Erbrochenes auf dem Gehsteig, die goldene Sonne, wie sie scharf am silbernen Bus vorbei schrammt. Das Arsenal der unverdauten Blicke eines Tages: Banales, Normales, Trauriges, Düsteres, Hübsches und Kitschiges.

Es ist ein seltsames Universum, durch das Nicholas Zinner zusammen mit seiner Band wandert, "die Rock'n'Roll-Welt des 21. Jahrhunderts", wie Jim Jarmusch in seiner Widmung für Zinner schreibt. Die Yeah Yeah Yeahs sind Teil der amerikanischen Rock-Avantgarde aus Brooklyn und Detroit. Für einen Ethnographen, der diese fremde Kultur erforschen möchte, stellten die Fotodokumente unschätzbares Material dar: Leoparden-Bodys, Lippen-Tatoos, Kriegsbemalungen, rosafarbene Kaninchenkostüme, Halloween-Skelette, Dildos, Gummipuppen, und, nicht weniger ironisch als die anderen Hardcore-Zitate, blaue Flecken, Schnitte und kleine Wunden.

Haben die amerikanischen Rock-Musiker den Europäern etwas voraus in Sachen Bild-Produktion und visuellem Band-Branding? Die White Stripes haben ausschließlich mit den Farben Rot und Schwarz ihr Corporate Design entworfen. Und auch die Yeah Yeah Yeahs sind bekannt geworden durch die visuelle Wucht ihrer sexuell aufgeladenen Auftritte. Für das gerade veröffentlichte Album "Show your Bones" entwarfen die Fans im Internet eine Fahne, "die den Vibe der Band" einfangen sollte. Nun flattert die Flagge auf dem Cover, eine Antenne auf lila-gelbem Grund. Dass die Yeah Yeah Yeahs in Bildern denken, merkt man nicht nur an den plakativ-rockigen Songs wie "Gold Lion", die man sofort mitpfeifen kann, will, muss. Die Texte werden im Booklet nicht abgedruckt, stattdessen wird jeder Track mit einer Foto-Collage sichtbar gemacht.

Das US-Magazin Rolling Stone verspricht sich von Zinners Foto-Band einen Blick auf die "Wirklichkeit hinter der Musik", in Backstage-Bereich, Studio und Nightliner hinein. Zwar hat man gelernt, den Selbstauskünften der Medien zu misstrauen und in den Making-of-Produktionen der DVDs nur eine weitere Fiktionsschicht des Gesamtkunstwerks zu erkennen, in Nicholas Zinners Bildern aber kann man weder Stilisierung noch Pose erkennen: ein müder Marylin Manson, Bright Eyes-Sänger Conor Oberst raucht nach dem Glastonburry-Festival zufrieden eine Zigarette, Jack White sitzt leise in einem Pariser Hotelzimmer, daneben ein Gitarrenkoffer, darauf der Aufkleber "Fragile". Rein zufällig, versteht sich. "Ich fotografiere aus einer super-subjektiven Perspektive", meint Zinner selbst und wandelt weiter durch Hotel-Gänge und Airport-Lounges.

Wie schon in seinem ersten kleinen Photoband "Slept in Beds" dokumentiert Zinner auch hier wieder jedes einzelne Bett, in dem er auf Tour geschlafen hat. Anaheim, Padua, Kopenhagen. Das Touristen-Auge sucht nach kulturellen Markern in Bett-Stil und Hotel-Dekoration. Genau wie man die Menschen-Montagen der Konzert-Bilder nach nationalen Stereotypen abtastet. Wo sind die Menschen am schönsten? Wo am unnahbarsten? Wo am coolsten? Nur manchmal erzeugen die Spezialeffekte Euphorie, Alkohol und das Stroboskop verzerrte, unheimliche Gesichter. Die meisten Bilder aber sind geprägt durch Zinners Empathie und Respekt und ein Lebensgefühl zwischen Intensität und Flüchtigkeit. "Ich habe eine Nostalgie gegenüber Dingen, die in der Gegenwart passieren", sagt er, "ich schau mich um und weiß, dass ich die Hälfte der Leute nie wieder sehen werde und wahrscheinlich sterben sie auch vor mir. Oder umgekehrt."

Bis zum 10. April in der "Vice Gallery", Berlin. Telefon: 030 24 63 22 36

Leser empfehlen 

(SZ v. 31.03.2006)