Tony Judt über Zensur der Wissenschaften "Noch gibt es die freie Rede, nur nicht unbedingt in Amerika"

SZ: Versucht man also nur in Amerika, die Nahostdebatte einzuengen?

Judt: Der einzige andere Ort, an dem mir das schon begegnet ist, war Deutschland. Ich nehme an, dass es heute nicht mehr so ist, aber vor ungefähr zehn Jahren war ich bei einer Konferenz mit Deutschen, Israelis, amerikanischen und europäischen Juden, die über den Nahen Osten diskutierten. Sowohl die europäischen Juden als auch die Israelis selbst waren viel kritischer gegenüber Israel als die Deutschen, die verlegen wirkten. Natürlich ist dies verständlich, vor allem wenn es um die Frage geht, ob Antizionismus automatisch antisemitisch ist. In Europa ist mir dies sonst nirgends begegnet - außer vielleicht in Polen, wo es eine neue politische Korrektheit gibt, die sich als super-pro-israelisch manifestiert, weil sie pro-amerikanisch sein wollen.

SZ: Bleibt Deutschland nicht ein Sonderfall und sollte deshalb prinzipiell pro-israelisch eingestellt sein?

Judt: Ja schon, aber es sollte keinen blinden pro-israelischen Kurs verfolgen. Sonst hat man das Problem, dass gerade junge Deutsche einwenden, sie verstünden nicht, warum sie sich nicht kritisch über Israels Vorgehen im Libanon oder in Gaza äußern dürfen, schließlich habe das nichts mit dem Holocaust zu tun, sondern mit dem Nahen Osten. Von deutschen Schülern, die ich hier in Amerika treffe, höre ich solche Argumente. Das schadet der Erinnerung an die Geschichte des wirklichen Antisemitismus in Deutschland, weil die jungen Menschen dieses Schweigen verdächtig finden: wenn wir über die Kritikpunkte an Israel schweigen, sprechen wir womöglich auch nicht offen über das Andenken an die deutschen Juden. Man muss sich über die deutsche Vergangenheit und die Vernichtung der Juden in klaren sein, ohne die Kritik an Israel auszublenden.

SZ: Gibt es noch Auswüchse der politischen Korrektheit wie in den neunziger Jahren, als einige Debatten effektiv nicht mehr geführt werden konnten?

Judt: Wenn wir von politischer Korrektheit sprechen, denken wir meist an die politische Linke an den Universitäten. Reden wir aber von Selbstzensur, vom kollektiven Totschweigen heikler Themen, dann ist das an den amerikanischen Hochschulen sehr präsent. In England wurde zum Beispiel bis vor kurzem nicht über die islamische Frage geredet. Jetzt schwingt das Pendel allerdings gerade in die entgegengesetzte Richtung, plötzlich ist es salonfähig, anti-moslemische Einstellungen zu pflegen. Und genau deshalb finde ich diese Formen des kollektiven Schweigens beunruhigend.

SZ: Sind die akademische Arbeit und der wissenschaftliche Austausch in den USA seit dem 11. September allgemein schwerer geworden? Letzte Woche musste ein Symposium der New York University über die Muslimbrüder ohne die beiden Hauptredner stattfinden. Dem einen, der in Kairo als Beirat der Muslimbrüder, aber auch als Vorsitzender des Dachverbands arabischer Mediziner fungiert, wurde kein Visum ausgestellt. Der andere, Gründer der Muslim Association of Britain, wurde in London aus dem Flugzeug nach New York abgeführt.

Judt: Ähnlich ging es ja auch Tariq Ramadan, einem eher moderaten Kopf des modernen Islam, der eine Stelle an der Notre Dame University nicht antreten durfte. Einwanderungsgesetze und Beschränkungen für Veranstaltungen werden zunehmend zu einem Problem. Ich veranstalte solche Konferenzen inzwischen fast immer in Europa, weil ich dort einladen kann, wen ich will. Noch gibt es die freie Rede, nur nicht unbedingt in Amerika.

SZ: Aber gerade das widerspricht dem Grundgedanken Amerikas.

Judt: Wenn sich Amerika bedroht fühlt, neigt es, was Ausländer betrifft, seit je zu Hysterie und Paranoia. Es begann mit dem Ausländergesetz von 1796, ging über die Ausländergesetze von 1918 und 1919 und die McCarthy-Ära bis heute. Ich finde es nicht so beunruhigend, was im Moment geschieht, weil Amerika eben so eine lange Geschichte des Misstrauens gegenüber Ausländern hat, obwohl die Bushregierung sicherlich extremer ist als so gut wie alle Regierungen zuvor. Wirklich beunruhigend ist, dass es keinen Widerstand gibt und es alle kalt lässt. Man darf nicht vergessen, dass die Mehrheit der Amerikaner noch nie ins Ausland gereist ist. Das gilt auch für einen guten Teil der Kongressabgeordneten. Amerika ist ein Land, das ganz froh ist, provinziell und vom Rest der Welt abgeschnitten zu sein. Darum sind juristische Übergriffe gegen die Verbindungen mit der Außenwelt eher willkommen. Eines der beliebtesten Zitate von Bush ist sein Satz, dass wir im Irak gegen sie kämpfen, damit wir nicht hier gegen sie kämpfen müssen. Deshalb interessiert sich auch niemand dafür, ob irgendein Araber nicht ins Land gelassen wird oder irgendein Pakistani sein Recht auf Habeas-Corpus-Recht verliert und fünf Jahre ohne rechtmäßige Anklage festsitzt.

SZ: Nun haben gerade über 150 namhafte Akademiker, Publizisten und Diplomaten eine Erklärung unterschrieben, in der sie die Absage Ihres Vortrages zum Anlass nehmen, gegen die Unterdrückung der Debatte über die amerikanische und israelische Außenpolitik zu protestieren. Von den US-Medien wurde das allerdings nicht weiter wahrgenommen.

Judt: Die New York Times hat mich interviewt, das könnte diese Woche erscheinen. Aber es stimmt. Es war nicht anders, als wir mit dem London Review of Books eine Konferenz zur Israel-Lobby veranstaltet haben. Europäische, israelische, arabische Medien berichteten, aber kein einziges US-Organ. Das ist kein aktives Schweigen. Niemand in Cheneys Büro ordnet an, dass keiner darüber berichtet. Es ist eher ein passives Schweigen. Ich bin fest überzeugt, dass die Universitäten der einzige Ort sind, an dem wir dagegenhalten können. Die Rolle der Universitäten wird in Amerika in den nächsten Jahren äußerst wichtig sein.