Tomas Harlan: "Veit" Veitstanz

In der Psyche eines Nazikünstlers: Thomas Harlan, Sohn des Propaganda-Regisseurs von "Jud Süß", schreibt mit "Veit" einen verzweifelten Brief an seinen Vater.

Von Helmut Böttiger

Capri ist die beste Kulisse für das Dämonische und für steile Abstürze. Im Hintergrund verschwimmt traumhaft die Villa von Curzio Malaparte, des zwiespältigen Mussolini-Chronisten, und im Vordergrund stirbt Veit Harlan, der Regisseur des effektivsten Nazi-Propagandafilms "Jud Süß". Diese Szene aus dem Jahr 1964 grundiert das Buch von Thomas Harlan, des Sohnes, das in seiner schwarzen Aufmachung wie ein Grabstein wirkt und einfach "Veit" heißt. Es wirkt gespenstisch, wie der Sohn nach langem Aufbegehren an das Sterbebett des Vaters kommt und Abbitte leistet.

Thomas Harlan ist 2010 in Berchtesgaden gestorben, im Schatten des Obersalzbergs, und er hat kurz zuvor den Text von "Veit" noch diktiert, "nicht geschrieben", wie er in einer kurzen Vorrede vermerkt. So bildet der Tod von Vater und Sohn ein Doppelmotiv, eine Überblendung der Jahre 1964 und 2010. Es ist ein Movens der pulsierenden, gleichsam liturgisch aufgeladenen Prosa von "Veit", die Schuld des Vaters auf sich zu nehmen - jene Schuld, die die deutschen, vom Nationalsozialismus infizierten Väter zeitlebens nicht bereit waren abzutragen.

Thomas Harlan, geboren 1929, ist noch in den Hofstaat Hitlers hineingewachsen. Er begegnete Hitler, lernte Goebbels näher kennen und wurde 1941 Führer der Marine-Hitlerjugend. In kurzen Rückblenden, die den hohen, pathetischen Ton des Buchs noch steigern, wird deutlich, wie sehr Thomas vom unverkennbaren Charisma des künstlerisch hochfliegenden Vaters bis weit in die fünfziger Jahre hinein geprägt war - sich dann aber auflehnte. Er verdichtet in dieser Bekenntnisschrift sein Leben auf knapp hundert Druckseiten, wechselt zwischen harten Fakten und fast biblisch anmutenden Anrufungen.

Schon früh konstatiert Thomas Harlan für sich als bemerkenswerteste Eigenschaft das "Schweigen", und das wird sekundiert von dem Satz: "Mein Vater selbst schwieg nie". In wenigen Schlaglichtern scheinen die rigorosen Erziehungsmethoden des Vaters auf, vor allem der Sexualterror. Und in einer verzweifelten Aufwallung rufen seine Worte auch die Figur der Dora Gerson wach, einer Jüdin, mit der Veit Harlan von 1922 bis 1924 verheiratet war und die 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Parallel dazu wurden die Wachmannschaften in den Konzentrationslagern durch Vorführungen von "Jud Süß" aufgepeitscht.

Die spezifische Mischung aus Abscheu und Faszination, die viele Deutsche angesichts des NS-Regimes erfasste, konzentriert sich bei der Familie Harlan in einem schicksalhaften Vater-Sohn-Verhältnis. Der Film "Jud Süß" ist deshalb so aussagekräftig, weil er keineswegs nur ein plumper Propagandaschinken war, sondern beachtliche handwerklich-künstlerische Qualitäten aufwies. Veit Harlan erscheint in der Erinnerung des Sohnes als eine Person, die alles Unliebsame routiniert ausblenden konnte und sich auf ihr komödiantisches, gewinnendes Temperament verließ.

Charakteristisch für Veit Harlan und die verwickelte Beziehung des Sohnes zu ihm ist ein Bericht des Hamburger Abendblatts über den Prozess, der 1949 wegen des Films "Jud Süß" stattfand; er wird im ausführlichen Kommentarteil des Buches wiedergegeben: "Kein Wort, keine Feststellung, der Harlan nicht eine scharf pointierte Spitze zu geben verstünde.