Sie werden immer nur als Teenie-Phänomen und Weichspül-Rocker bezeichnet. Warum versucht niemand, Tokio Hotel einmal als Musiker zu betrachten?
Wer einen Artikel über die Band Tokio Hotel schreibt, der muss mit kreischenden Teenies beginnen, mit ohnmächtigen Fans in ausverkauften Hallen und genervten Eltern vor den ausverkauften Hallen - und einem genervten Thomas Gottschalk, weil kreischende Teenies in der ausverkauften Halle in Ohnmacht fallen und eben keine Eltern im Saal sind.
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Dann muss man unbedingt das Wort "Teenie-Phänomen" benutzen und sollte über die Frisur des androgynen Sängers Bill schwadronieren und den Grunge-Style seines Bruders Tom kulturgeschichtlich einordnen. Man sollte ein lockeres "Gus-tav, Gus-Gus-tav" anstimmen und erwähnen, dass man den Namen des vierten Bandmitglieds eh nicht kennt - damit drückt man aus, dass man alt und intellektuell genug ist, um sich von Tokio Hotel zu distanzieren.
Wenn man schließlich über ihre Musik schreibt, könnte man gut die Worte "Weichspüler-Protorock", "Belanglosigkeit" und "pubertärer Pathos" einfließen lassen. Dann sollte man noch anmerken, dass die Texte anderer, unabhängiger Bands inspirierter klingen und einen Satz zur dünnen Stimme von Bill sollte man auch noch verlieren. Damit hätte man das "Teenie-Phänomen Tokio Hotel" feuilletonistisch umfassend abgehandelt.
Man könnte die kulturjournalisische Hochnäsigkeit aber auch mal ablegen und sich ernsthaft mit der Band auseinandersetzen.
Gerade hat Tokio Hotel das schwierige zweite Album herausgebracht: "Zimmer 483". Erste Auffälligkeit: Sänger Bill hat den Stimmbruch hinter sich und bewegt sich gesanglich eine Oktave tiefer - was zur Folge hat, dass er bei Live-Konzerten nicht mehr alle Partien des ersten Albums singen kann.
Seine Stimme ist unverkennbar, Bill hat ihren nervig-nöligen Klang zur Marke entwickelt. Sie verkörpert weniger Rock denn hauchenden Pop. Sie steht im Gegensatz zu den harten Gitarren-Riffs der Band - was oft als Unentschlossenheit ausgelegt wird, welcher Stilrichtung sich Tokio Hotel verschreiben will. Tatsächlich ist es aber so, dass die Gruppe durch diesen Konrast nicht aufweicht, sondern einen eigenen Stil erschafft.
Durchgeknallt auf der Britney-Skala
Der Song "Ich Brech Aus" ist ein Paradebeispiel für den Sound von Tokio Hotel. Da bricht zu Beginn des Stücks ein Riff über den Hörer herein, das durchaus mit Vertretern des Heavy-Metal mithalten kann. Man fühlt sich an Motörhead erinnert. Dann aber kommt der Gesang von Bill, der seine Texte haucht, der einzelne Töne durch das Tremolo seiner Stimmbänder jagt. Das macht den Song nicht verwaschen, sondern unverwechselbar. Deshalb legt Bill in seinen Gesang weniger Emotion als die Texte und Liedtitel vermuten lassen. Man muss nicht jammern, um Verzweiflung auszudrücken. Man muss nicht herumbrüllen, wenn man "Ich Hasse Dich" sagen möchte.
Die Texte von Tokio Hotel sind keine Lyrik, es sind die Berichte von pubertierenden Jugendlichen, die von Erlebnissen mit Groupies, Drogenmissbrauch und dem Leben als Popstar berichten. Musikalisch beherrschen alle vier Bandmitglieder ihr Handwerk. Das Potential ist deutlich erkennbar - man darf gespannt sein, was passiert, wenn die vier mehr eigene Songs schreiben dürfen als nur das eine Stück "Wir Sterben Niemals Aus" auf dem aktuellen Album.
Mehr denn je muss man Popstars als Einheit von Musik und Image betrachten: Die Skandale um Britney Spears lassen Zeitschriften eigene "Britney"-Ressorts entwickeln, Robbie Williams verkauft sich nicht als Liedermacher, sondern als letzter echter Popstar. So auch Tokio Hotel: Sänger Bill Kaulitz ist eine der charismatischsten Figuren der Musikwelt. Er hebt sich ab von anderen deutschen Sängerinnen und Sängern, die mit ihrer Durchschnittlichkeit und Eigentlich-komm-ich-von-nebenan-Attitüde kokettieren. Bill Kaulitz hat die besten Voraussetzungen, um es mit Robbie Williams und Britney Spears in der Kategorie Durchgeknalltheit aufzunehmen - und damit auch auf dem Gebiet Popstar.
Das Gleiche gilt für Bills Zwillingsbruder Tom - und doch ist er eine andere Art Star: Sein Aussehen erinnert an die Gitarristen der1990er - Steven Goddard von Pearl Jam etwa oder Tom Morello von Rage Against the Machine. Die Band komplettieren die eher biederen Gustav und Georg. Sie müssen weniger Star sein - die Kaulitz-Brüder genügen. Mehr kann eine einzelne Band nicht vertragen.
Tokio Hotel spielt im Sommer in ausverkauften Häusern in ganz Europa, die Lieder sollen bald auch in Englisch aufgenommen werden. In den Hallen werden Teenies in Ohnmacht fallen, vor den Hallen aber stehen keine genervten Eltern, sondern erwachsene Menschen, die rhythmisch mit dem Kopf nicken, wenn das Konzert beginnt und die Schalldruckwellen durch die geschlossenen Türen nach draußen dringen.
Man kann Tokio Hotel "Phänomen" nennen, "Pop-Wunder" oder "Teenie-Band". Man könnte sie aber auch einfach als Musiker bezeichnen.
(sueddeusche.de)
Venizelos kritisiert IWF-Chefin
Ja, ich weiß, dass ich ein paar Wörter vergessen habe und nen Lektor bräuchte.
An diesem Artikel stören so viele Dinge, man weiß nicht, wo man beginnen soll. Zunächst vielleicht eines vorweg: die Musik und das Auftreten von Tokio Hotel sind mir persönlich grundsätzlich egal und interessieren mich nur als Phänomen der heutigen Pop-Kultur, um das ganze etwas schwammig zu halten. Nun aber zur Kritik:
Einen Artikel, damit zu beginnen, dass man ihn eigentlich mit gängigen Klischees beginnen müsste, diese dann der Reihe nach aufzählt und dann schreibt, dass man das aber auch anders machen könnte, das - nun ja - ist weder originell, noch sonderlich kritisch oder so etwas, sondern genauso einfallslos wie die Klischees selbst. Die ersten vier Absätze sind meiner Ansicht nach Quatsch, zumal im zweiten auch noch steht: Gittarist Tom würde sich im Grunge-Style (Stil bitte schön) kleiden, also da kommt meinen Holzfällerhemden aber das Mittagessen hoch. Wenn das überhaupt ein Stil ist, kommt der aus der Hip-Hop-Ecke, dafür braucht weder intellektuell noch nicht-intellektuell zu sein, um das zu erkennen.
Es folgen dann tatsächlich einige gute Absätze, bis zu den letzten drei. Und da muss sich der Journalist schämen! Tom würde aussehen wie die Gitarristen der 90er. Da höre ich aber Günther Beckstein von Computerspielen reden. Mal abgesehen davon, dass Tom Morello und WER? Steven Goddard nicht ähnlich sehen, heißt Steven Goddard gar nicht Steven Goddard, sondern Stone Gossard! Da könnte Lordi Vader aber böse werden. Und auch der sah niemals in irgendeiner Weise wie Tom aus. Das sage ich nicht als Pearl Jam-Fan, sondern als Mensch mit funktionierendem Sehvermögen. Die beiden sehen sich so ähnlich Bilder von Pollock und Dali.
So, nun möchte ich mich für die "polemischen" Teile entschuldigen, aber wie bereits gesagt: Pearl Jam und RATM-Fan. Der Artikel hat ja durchaus gute Passagen, aber ein bisschen Recherche und Mühe beim Korrekturlesen sollte dann doch aufgebracht werden und wenn andere Bands zum Vergleich herangezogen werden, sollte auch ein Minimum an Wissen über diese vorhanden sein.
Danke.