Titanic-Covergirl Zonen-Gaby packt aus

Wer ist eigentlich die Frau, die uns vor genau 20 Jahren als "Zonen-Gaby" auf dem Titanic-Titel erfreute? Ein Geheimtreffen in Worms.

Von Martin Zips

Deutschland, Anfang November 1989. In wenigen Tagen fällt die Mauer. Noch immer reisen Zehntausende DDR-Bürger auf abenteuerlichsten Wegen nach Deutschland ein. Auf der Titelseite des nicht immer komischen "endgültigen Satiremagazins Titanic" prangt eine Frau in Jeans-Jacke. Sie hat rot leuchtende Minipli-Haare und hält eine geschälte Gurke in der Hand. Eine Träne rollt ihr über das Gesicht. Daneben steht: "Zonen-Gaby (17) im Glück (BRD): ,Meine erste Banane'."

Zu Wendezeiten hing Zonen-Gaby in unzähligen Partykellern und Studentenzimmern der noch geteilten Republik. Die Frau mit der Gurke wurde zum Star, Zeitungen in der ganzen Welt druckten das Titelbild nach. Bis heute erfreuen sich Berlin-Touristen an Gaby als Postkartenmotiv. Und in einem Zürcher Hotel findet sich auf dem Rezeptionstisch die Musteranmeldung "Name: Zonen-Gaby, Wohnort: Im Glück." Journalisten benannten die ehemalige PDS-Bundesvorsitzende Gabriele Zimmer nach ihr.

Aber wer ist eigentlich die Frau, die sich mit der Gurke in der Hand fotografieren ließ? Jeder kennt ihr Gesicht, niemand kennt ihren Namen. Vor vielen Jahren hat einmal ein Journalist herausgefunden, dass Zonen-Gaby in Wirklichkeit Dagmar heißt und in Worms lebt. Seitdem hat man fast nie wieder etwas von ihr gehört oder gelesen.

Es braucht viele Wochen Zeit, viele Telefonate müssen geführt, viele E-Mails geschrieben werden. Dann meldet sich Dagmars alter Bekannter Bernd Fritz. Der war 1989 Titanic-Chefredakteur und hatte kurz zuvor die ganze Nation gegen sich aufgebracht, weil er in der ZDF-Show "Wetten, dass..?" so tat, als könne er Buntstifte am Geschmack erkennen. Ging natürlich nur, weil er spickte. Es folgte ein langer Streit, an dessen Ende sich das ZDF bereit erklärte, Fritz nicht mehr als "Betrüger", sondern nur noch als "Schummler" zu bezeichnen.

Am Telefon tut Herr Fritz jetzt sehr geheimnisvoll. Er müsse erst selber recherchieren, was aus seiner alten Freundin Dagmar geworden ist. Er brauche Zeit.

Eigene Recherchen in Worms bleiben ergebnislos, niemand scheint zu wissen, was aus Dagmar geworden ist, auch ihr aktueller Nachname bleibt unbekannt. Nach Wochen meldet sich Fritz: "Am Montag sitzt Dagmar um 17 Uhr mit alten Freunden in ihrer Lieblingskneipe in Worms. Es wird das erste Treffen dieser Art seit fast 20 Jahren sein. Kommen Sie vorbei." Fritz tut superwichtig. Ohne ihn, so viel ist sicher, geht in Sachen Zonen-Gaby gar nix. Also ab zum Geheimtreffen nach Worms.

Als um 17 Uhr die Kneipe öffnet, ist weder Dagmar noch Herr Fritz da. Dafür steht Norbert am Tresen und bestellt sich sein erstes Bier. Norbert sagt, er sei ein Freund von Dagmar, er habe die Kneipe hier jahrelang geführt. "Heute fahre ich Lastwagen." Dann kommt Thilo. "Vor 20 Jahren haben wir fast jeden Abend mit Dagmar hier gefeiert", berichtet er unaufgefordert, "aber jetzt sind viele weggezogen." Thilo arbeitet in einem Atomkraftwerk.

Das Geheimtreffen, es hat begonnen!

Es sei ja alles nicht mehr so wie 1989, sagt Thilo und schaut sich um. Dort, wo einst Tischfußball und Flipper standen, wo das Werner-Plakat an der Wand hing, da befindet sich heute ein bitter kaltes Nichtraucherzimmer. Viel sei nicht mehr los, auch den Speisekarten-Klassiker "Croque Monsieur" gebe es nicht mehr.

Dann betritt Dagmar die Kneipe, eine kleine freundliche 49-jährige Frau in ärmelloser Glitzerjacke und mit sehr kurzen Haaren. Sie bestellt sich ein Weißbier. "Isch wollt' eigentlich absagen", sagt sie auf Wormser Platt. "Vorhin hatt' isch furchtbare Kreislaufprobleme." Dagmar mag keine Interviews. Nur einmal, vor 14 Jahren, da habe sie eins einem Magazin gegeben. "Großer Fehler! Großer Fehler!" Der Typ habe sie falsch zitiert und dann seien ihre Tanten in Sachsen-Anhalt sauer auf sie gewesen. Vor allem wegen der Passage mit dem Solidaritätszuschlag.

Dagmar freut sich, dass auch Norbert und Thilo zum Geheimtreffen gekommen sind. Sanft streichelt sie Thilo über den Ärmel seiner St.-Pauli-Jacke. Früher, als Dagmar nur zwei Häuser weiter weg wohnte, da hätten sie hier noch jeden Abend einen drauf gemacht, Bier und Freunde geteilt. Heute wohnt Dagmar, die als medizinisch-kaufmännische Angestellte in einer Klinik arbeitet, mit ihrem zweiten Mann in einem Wormser Vorort. Kinder hat sie keine.

Und jetzt? Jetzt ist es genau 20 Jahre her, da die Mauer gefallen ist. Und es ist genau 30 Jahre her, dass die erste Titanic am Kiosk lag. Zonen-Gaby bleibt bis heute der mit Abstand berühmteste, am häufigsten nachgedruckte Titanic-Titel.

Mittlerweile ist auch Bernd Fritz in der Kneipe eingetroffen. Er hat seinen 14-jährigen Sohn mitgebracht. Als der Vater beginnt, die Zonen-Gaby-Geschichte zu erzählen, zieht sich der Junge etwas genervt mit seinem Handy zum Spielen in die hinterste Tischecke zurück. "Von meinen Freunden", sagt er, "kennt niemand Zonen-Gaby."

Die Zeiten ändern sich.

Mit dem Foto jedenfalls, das war so: Kurz bevor die Mauer fiel, überlegten einige Titanic-Redakteure, wie man das Thema in der Novemberausgabe 1989 satirisch aufgreifen könnte. Kein leichtes Unterfangen, schließlich war vor dem 9. November noch keinem Deutschen zum Lachen zumute. Die Demonstrationen, die angespannte Situation in den Städten, diese geisterhaften SED-Führungskader.

Die Sache mit der Jeans-Jacke

Die Satiriker unterhielten sich über die kruden Fernsehbilder, auf denen zu sehen war, wie Bundesdeutsche an über Ungarn ausgereiste DDR-Bürger Bananen verteilten. Da soll Titanic-Ur-Vater Robert Gernhardt gesagt haben: "Wir zeigen einfach eine junge Frau, die eine Banane in der Hand hält. Zonen-Gaby im Glück." Bernd Eilert spann die Idee weiter: "Und statt einer Banane drücken wir ihr eine Gurke in die Hand." Große Begeisterung an der Spaßfront! Bernd Fritz wurde angewiesen, nach einer geeigneten Gaby zu suchen. Da fiel ihm Dagmar aus seiner Wormser Lieblingskneipe ein.

"Er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, 300 Mark als Fotomodell zu verdienen", erzählt Dagmar. "Er hat irgendetwas von ein paar Gurken und einer Jeans-Jacke geredet, die man zuvor noch in Frankfurt besorgen werde. Die Jeans-Jacke müsse so aussehen, als sei sie aus der DDR." Dagmar, damals 29 und Arzthelferin, ging mit Bernd also Gurken und Jacke kaufen, ein Friseur drehte ihr ein paar Locken.

Weil gerade kein Pressefotograf greifbar war, fuhren Dagmar und Bernd in ein sehr, sehr ländliches Fotostudio im Taunus, welches auf Feuerwehr-Gruppenbilder und Hochzeitserinnerungen spezialisiert war. Während Bernd versuchte, die Gurken möglichst bananengerecht zu schälen, leuchtete eine Fotografin Dagmar vor rosa Hintergrund aus. Mit einer Pipette verteilte Bernd Glückstränen in Dagmars Gesicht. So wurde Dagmar zur Gaby. Man kann das lustig finden, oder nicht. Dagmar und Bernd jedenfalls hatten großen Spaß. Und als irgendwann der Mann der Fotografin auftauchte, ein DDR-Flüchtling ausgerechnet, suchten sie schnell das Weite.

Es wird viel gelacht an diesem Abend. Nicht immer versteht man, warum. Sicher ist: Weil Dagmar auf dem Gurken-Foto so vollkommen anders aussah, wurde sie auf der Straße von Fremden später nie als Zonen-Gaby erkannt. Selbst die Wormser Supermarktkassiererin, bei der Dagmar vor 20 Jahren die Titanic, ihre Titanic, kaufte, erkannte sie nicht. Dagmar findet das wunderbar.

Irgendwann verschwinden Thilo und Norbert wieder, auch Bernd Fritz und Sohn brechen auf, das Geheimtreffen geht zu Ende. Nur Dagmar bleibt noch. Lange. Sie macht sich Gedanken über die Wiedervereinigung.

"Weißt du", sagt sie, "ich war ja seit der Wende nie mehr in Ostdeutschland". Vor dem Mauerfall habe sie mit ihren Eltern noch oft die DDR-Verwandtschaft besucht. "Unser Auto war bis zur Decke mit Geschenken vollgestopft." Doch als Kind habe sie vor den Grenzposten so schreckliche Angst gehabt. Und einmal habe ein DDR-Grenzer einen Groschenroman in ihrem Koffer gefunden. "Das darf nicht eingeführt werden!", habe der Grenzer sie angeblafft und das Heftchen konfisziert. "Jaja", sagt Dagmar. "Ich weiß schon, heute ist das nicht mehr so. Aber das ist halt meine Erinnerung, und die ist gar nicht schön."

Viel schöner sind ihre Erinnerungen an die Sache mit der Jeans-Jacke. Die Jacke, sagt Dagmar, die ziehe sie heute noch gerne an.

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