Der Mainstream ist tot und das Streben nach Anderssein ist so uniform geworden, dass Pop heute vor allem angestrengt Absonderlichkeiten produziert: Niemals gab es soviel Musik, die unbedingt und sofort unglaublich seltsam sein wollte.
Es gab einmal Anfang der Neunziger Jahre eine Buchreihe, die nie über Band zwei hinaus gekommen ist, "Incredibly Strange Music" war ihr Titel. Er wurde zum Instant-Fachterminus und bezeichnete viel eher als eine Musikrichtung eine bestimmte Art der Musikbetrachtung: Unglaublich seltsam wurde demnach Musik erst im Bewusstsein distinktionssüchtiger Connaisseure und Jahrzehnte nach ihrem Entstehen, weil sie sich als pophistorische Sonderbarkeit erwiesen hatte und nun ironisch konsumierbar geworden war - Lounge-Exotica von Martin Denny etwa, die Sehnsuchtsmelodien der Carpenters oder gar uns' Heino.
Der eigentlich längst vergessene Begriff "Incredibly Strange Music" müsste dringend für die Gegenwart revitalisiert werden. (© )
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Der eigentlich längst vergessene Begriff "Incredibly Strange Music" müsste dringend für die Gegenwart revitalisiert werden, nun aber als Bezeichnung für eine Musikerhaltung. Denn der Mainstream ist tot und das Streben nach Anderssein so uniform geworden, dass Pop heute vor allem angestrengt Absonderlichkeiten produziert: Niemals gab es soviel Musik, die unbedingt und sofort unglaublich seltsam sein wollte.
So rückt die "Unglaublich seltsam"- Hype-Maschine nun die Detroiter Indie-Plattenfirma Ghostly International nach vorn, die die vorletzten Restbestände der achtziger Jahre herauskramt: Echt kaputter elektronischer Industrial-Lärm (Kill Memory Crash, "American Automatic") und die Stadionsynthesizerorgien à la mittlerer Jean-Michel Jarre (Solvent, "Elevators and Oscillators") - aber das werden wir dann wohl höchstens zwei Monate lang seltsam finden. Ebenso nur noch kurze Zeit merkwürdig: die Neuinterpretation der frühen New Order auf Manheads "The Album" (Relish/Universal). Bislang galten deren Alben aus dieser Epoche als wirr und eher mittelmäßig - der Schweizer Robi Insinna findet das nicht und erweitert das allgegenwärtige New-Wave-Revival um die Ausplünderung der schlechten Stellen auf den ersten drei New Order-Platten.
Das Debüt des anonymen Musikerkollektivs Lansing-Dreiden aus Miami hingegen gibt sich mit der Verwertung einer musikalischen Mini-Epoche nicht zufrieden, sondern ist auf den größtanzunehmenden stilistischen Flurschaden hin konzipiert: Auf "The Incomplete Triangle" (Kemado/Rough Trade) werden Metal, Electronica und HipHop-Beats verwurstet, freundlicherweise aber hübsch hintereinander, damit man sich dran gewöhnen kann. Nitin Sawhney wiederum übertrifft diese Art der musikalischen Wahllosigkeit mit noch viel ominöseren Vermischungen, die auf seiner CD "Philtre" stattfindet. Da wird alles zusammengeschmissen, R&B, Flamenco, indische Volksmusik, Drum'n'Bass, weil, und das ist eine der liebsten Ausreden fürs Crossover-Seltsamsein: Die globalisierte Welt braucht globalisierte Musik. Also Mischmasch.
Ein ähnliches, wenngleich erheblich prominenter diskutiertes Phänomen ist die Ein-Frau-Protesttruppe M.I.A.: Die zwangsglobalisierte Biografie von Maya Arulpragasam zwischen London, Indien und Sri Lanka ist anlässlich der Veröffentlichung ihres Debütalbums "Arular" (XL Rec.) in den letzten Wochen von fast allen deutschen Feuilletons ausgiebig nachgebetet worden. Dummerweise las man wenig über ihre Musik, die den britischen Dance-Hype Grime mit Folklore-Klimbim verschneidet. Sonst hätte dort stehen müssen: Die ist lausig. Aber natürlich hundert Prozent unglaublich seltsam und mit einem echten, harten Leben beglaubigt. Wer dem M.I.A.-Hype bislang widerstanden hat, sollte noch zwei Wochen warten, bis "Demon Days" (EMI), das zweite Album der postapokalyptischen Comic-Truppe Gorillaz erscheint: So klingt gut erfundene britische tanzaffine Popmusik. Und lustig ist sie auch noch.
In Sachen skurriler Humor ist das nur noch schlagbar durch das größte Komiktalent der deutschen Musik, nebenbei auch noch der bester DJ dahier: "Wo die Rammelwolle fliegt" (Buback/Indigo), die neue Platte von DJ Koze, die unter seinem Pseudonym Adolf Noise erscheint, ist Musik als universelles Hörspiel. Besser geht "seltsam" eigentlich nicht, nur authentischer: Pascal Platinga setzt seinem Vorbild Martin Denny mit "Arctic Poppy" (ata tak) ein Plastikpop-Denkmal, das nur etwas daran krankt, dass Platingas Stimme nicht so fluffig ist wie seine Melodien.
Wirklich unglaublich seltsam wird es, wenn Musiker noch einmal ganz ernsthaft den alten Mainstream beschwören. Wunderbar funktioniert das bei Benjamin Diamond, den alle Welt als Sänger des French-House-Überhits "Music Sounds Better With You" kennt. Er hat nun überraschenderweise mit "Out of Myself" (!K7) ein wunderschönes Singer/Songwriter-Album aufgenommen: Pop! Ähnlich merkwürdig, aber musikalisch ganz unüberraschend ist das Comeback von Laidback, dem dänischen "Sunshine Reggae"-Duo, das auf "Happy Dreamer" (edel) so klassisch einfache Popmusik macht, dass einem ganz schummerig wird. Und, zum guten Schluss, noch ein zugegeben fauler Witz: Bruce Springsteen, "Devils & Dust" (Sony). Ernst gemeinter Mundharmonika-Folk und Gitarren-Blues. Tief, ganz tief. Man wirft einen Stein rein und hört keinen Aufprall. Dass es so was noch gibt. Seltsam.
(SZ v.11.05,.2005)