Von Von Tim Cole

Konsequent schreiben ist wichtiger als "richtig" schreiben. Die engstirnige Forderung nach einheitlichen Regeln ist eine typisch deutsche Untugend. Etwas für Kommissköpfe. Ein Greuel, von mir aus auch: Gräuel. / Von Tim Cole

Das Streben der Deutschen nach Einheit hatte in der jüngeren deutschen Geschichte meist tragische Begleiterscheinungen. Die Überwindung der Kleinstaaterei löste gleich zwei Weltkriege aus, die so genannte "Wiedervereinigung in Freiheit" kostete den Deutschen die wirtschaftliche Vormachtstellung in Europa.

Anzeige

Die Rechtschreibreform ist nicht anderes als der Versuch, alle Deutschzüngigen auf orthografische Einheit einzuschwören. Tragisch ist aber nicht, dass sie vor dem Scheitern steht, sondern dass man sie überhaupt in Angriff genommen hat.

Warum sollen alle gleich schreiben? Wieso feiern wir einerseits die Vielfalt regionaler Sprachfärbungen, mühen uns um aussterbende Dialekte, zwingen uns aber andererseits in eine Korsett einheitlicher Schreibweisen? Warum nicht auch hier Vielfalt? Deutschland braucht nicht mehr, sondern weniger Vorschriften bei der Rechtschreibung.

Zur Erklärung sei gesagt, dass der Schreiber dieser Zeilen Amerikaner ist. Einer zwar, der seit mehr als 40 Jahren in Deutschland lebt. Von gelegentlichen Ausrutschern abgesehen nimmt er auch für sich in Anspruch, das Deutsche so gut zu beherrschen wie die meisten Deutschen.

Muttersprache auf der Zunge

Aber wer nicht nur zwei Herzen in seiner Brust, sondern sozusagen zwei Muttersprachen auf der Zunge trägt, der sieht die gegenwärtige Diskussion um Reform und Gegenreform der hiesigen Rechtschreibung mit einer gewissen Distanz, um nicht zu sagen mit Kopfschütteln.

Der deutsche Wunsch nach einheitlicher Rechtschreibung muss einem, der aus dem angelsächsischen Sprachraum kommt, ebenso überflüssig wie urkomisch vorkommen. Haben die Deutschen denn keine andere Sorgen? Werden die Systeme der deutschen Wirtschaft, Politik oder Bildung deshalb reibungsloser funktionieren, weil alle gleich rechtschreiben?

Der größte und mit Abstand mächtigste Wirtschaftsraum der Welt macht es vor, wie man sich trotz verschiedener Schreibweisen immer noch bestens verstehen und miteinander umgehen kann.

Der Brite schreibt "colour" oder "flavour" und trägt es mit "humour", dass sein amerikanischer Kollege bei solchen Begriffen das "u" weglässt. Der Kanadier hingegen steckt irgendwo dazwischen und schreibt einfach so, wie ihm der Schnabel, respektive die Feder gewachsen ist.

14 Versionen von "Word"

Nicht umsonst kennt die Rechtschreibkorrektur des populären Textprogramms "Word" nicht weniger als 14 verschiedene Einstellungen für regionale Ausprägungen des Englischen von "Australien" bis "Zimbabwe".

Angelsächsische Stilführer raten, sich für die eine oder die andere Form zu entscheiden und dabei zu bleiben: "Be consistent!", sagt die Englischlehrerin zu ihren Schülern - nicht "be right!"

Während der Deutsche sich seinem Duden in der Hoffnung zuwendet, Hinweise auf eine "richtige" Schreibweise zu bekommen, dienen die englischsprachigen Pendants dies- und jenseits des Atlantiks vor allem der Konsistenzprüfung. So behält sich das "Oxford Dictionary" das letzte Wort in Sachen britischer Rechtschreibung vor (was die Herausgeber des "Cambridge Dictionary" nicht gerne hören).

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Weg mit dem Zwang zur Richtigschreibung!
  2. Seite 2
Leser empfehlen