Zum vierten Mal scheitert die Vierteljahreszeitschrift Kursbuch, Organ der linken Intellektuellen, an ihren Verlegern. Tilman Spengler, Herausgeber und Autor, sucht nach Antworten.
sueddeutsche.de: Im August 2005 hat Die Zeit mit großem Brimborium die Herausgabe des Kursbuch übernommen. Mitherausgeber Michael Naumann sprach von einem "Geschenk des Himmels". Warum musste dieses Geschenk schon drei Jahre später wieder vom Markt genommen werden?
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Mit dem Münchner Literaturpreis ausgezeichnet: Herausgeber und Autor Tilman Spengler (© Screenshot: literaturfestival.com)
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Tilman Spengler: Geschenke haben offenbar eine kurze Halbwertszeit. Ich nehme selbstverständlich alle herausgeberische Schuld auf mich, was den Inhalt angeht. Aber ein Produkt muss auch von denen, die es vertreiben, gemocht werden. Und wenn das Produkt nirgendwo vorgestellt wird, dann hat es natürlich Schwierigkeiten, sich auf dem Markt zu behaupten. Früher hatte das Kursbuch eine eigene Abteilung auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig, und das war in den letzten Jahren nicht mehr der Fall. Wir hatten uns auch einen Internetauftritt erhofft, auf dem die Aufsätze der letzten 50 Jahre, die das größte Kapital des Kursbuchs darstellen, hätten veröffentlicht werden können. Aber dafür haben wohl leider die Mittel gefehlt.
sueddeutsche.de: Wie haben Sie sich für den Erhalt Ihrer Zeitschrift eingesetzt?
Spengler: Ich habe natürlich mein Möglichstes getan. Aber Sie müssen sehen, dass ich nur für die intellektuelle und nicht für die institutionelle Seite zuständig war. Und erstere hat manchmal schwächere Karten.
sueddeutsche.de: Nachdem Die Zeit die Herausgabe übernommen hat wurde die Druckauflage von 8.000 auf 20.000 erhöht. Gab es die erhoffte Steigerung der Verkaufszahlen?
Spengler: Das kann ich Ihnen nicht genau sagen, aber ich bin davon überzeugt, dass die tatsächlich verkauften Exemplare näher an den 8.000 lagen. Wenn nicht sogar gewaltig darunter. Falsch war vielleicht auch, dass nicht im großen Rahmen Werbung gemacht wurde.
sueddeutsche.de: Wie hat das Zusammenspiel mit dem Holtzbrinck-Verlag und Zeit funktioniert?
Spengler: Ich muss natürlich dankbar sein, dass die das zwei Jahre gemacht haben. Und deswegen spucke ich nicht auf den Finger - wir wollen nicht sagen die Hand -, die mir ein Stückchen Würfelzucker reichte.
sueddeutsche.de: Gemeinsam mit Michael Naumann haben Sie das Kursbuch modernisiert. Dennoch blieben die Leser aus.Warum?
Spengler: Das ist ganz komisch. Die Modernisierung war deshalb notwendig, weil das Kursbuch traditionell im Programmbuchhandel vertrieben wurde. Inzwischen gibt es aber 50 Prozent weniger Programmbuchhandlungen als noch vor 15 Jahren. Da ist also etwas weggestorben, und die großen Haifische wie Hugendubel belasten sich nicht mit so intellektueller Ware. Die unauffällige Buchform, in der das Kursbuch traditionell erschienen ist, fand keine Abnehmer mehr. Es musste also ein kioskförmiges Format gefunden werden. Wir hatten jetzt zum Beispiel die Möglichkeit, Fotoessays zu machen. Trotzdem hat es nicht funktioniert.
sueddeutsche.de: Hat das Kursbuch mit dem zeitweiligen Weggang Michael Naumanns in die Politik seinen wichtigsten Fürsprecher verloren?
Spengler: Nun ja, sagen wir es so: Das Kursbuch musste eben auch für den Hamburger Wähler Opfer bringen.
sueddeutsche.de: Sie halten inzwischen die Rechte an dem Namen. Wie geht es mit dem Kursbuch weiter?
Spengler: Wenn Sie an Geld kommen, können wir das zusammen machen. Mein Herz hängt natürlich immer noch an dem Projekt und es könnte weitergehen...
sueddeutsche.de: Der Historiker Götz Aly und Alexander Fest, Geschäftsführer des Rowohlt-Verlags, halten das Kursbuch für überholt. Ist es zum verstaubten Organ der 68er verkommen oder braucht Deutschland das Kursbuch weiterhin?
Spengler: Ich könnte Ihnen jetzt meine Meinung über Götz Aly sagen und das wäre nicht schmeichelhaft. Ich meine, es gibt nirgendwo sonst in Deutschland diesen unschattierten Zusammenschluss. Schauen Sie mal ins Kursbuch-Impressum, wer da Autoren sind und waren. Diese Art von Klubgeschehen der etwa 400 intelligentesten männlichen und weiblichen Köpfe unserer Republik, plus eine Kooperation mit dem New Yorker und der New York Review of Books, ist einzigartig in Deutschland - und das alles praktisch zum Gratispreis. Das wird es so schnell nicht mehr geben.
sueddeutsche.de: Kommenden Montag wird Ihnen der "Große Münchner Literaturpreis" verliehen. Nicht nur, aber auch wegen Ihrer jahrzehntelangen Verdienste um das Kursbuch. Ironie des Schicksals?
Spengler: Jedenfalls kann man darüber lachen, ja. Ob es allerdings Schicksal war, weiß ich nicht.
sueddeutsche.de: Und was sagen Sie in Ihrer Dankesrede?
Spengler: Dankesreden sind der unendlich langweiligste Teil einer solchen Veranstaltung. Ich werde mir erst einmal anhören, was zu meinem Lob gesagt wird und ob das auch stimmt.
(sueddeutsche.de/korc)
Umweltstiftung WWF in der Kritik
Schade drum.
Tja, ohne umfangreiche bunte "Bild-Strecken" geht's wohl heute nicht mehr.