Von Burkhard Müller

Das kommt einem sehr menschlich vor: Mal sind Schimpansen so herzensgut, dass es zu Tränen rührt, mal schockieren sie durch Niedertracht - zwei Bücher widmen sich dem "Affen in uns".

Seit einiger Zeit kommt wieder eine Wissenschaft zu Ehren, die ihre beste Zeit hinter sich zu haben und mit ihren unexakten Low-Tech-Methoden, der teilnehmenden Beobachtung vor allem, zur Herablassung einzuladen schien: die Verhaltensforschung. Mit besonderem Interesse richtet sich der Blick auf "unsere nächsten Verwandten".

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Auch Schimpansen schämen sich. (© )

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"Der Affe in uns. Warum wir sind, wie wir sind" nennt der niederländisch-amerikanische Primatenforscher Frans de Waal sein Buch - ein Titel, der den Argwohn weckt, hier würde das Offenkundige mit dem Fragwürdigen zu einem wenig ergiebigen Mus verrührt. Ganz unbegründet ist dieser Verdacht nicht; aber de Waal kennt seine Affen und liebt sie wahrhaftig, und davon wird das Buch am Ende gerettet. Obwohl er auch Beobachtungen an frei lebenden Schimpansen anführt, konzentriert er selbst sich doch vollständig auf die Affen im Zoo. Der Zoo ist für de Waal ebenso weit vom Tiergefängnis entfernt wie von der Arche Noah, eine Einrichtung, die es dem Menschen ermöglicht, mit dem Tier, dem Menschenaffen jedenfalls, Bekanntschaft und selbst Freundschaft zu schließen. Ohne dieses Höchstpersönliche hat keine Erkenntnis statt.

Frans de Waal kann, wie alle guten Verhaltensforscher, gut erzählen; er hat Humor, er weiß, wie man eigene und fremde Erlebnisse in eine Anekdote verwandelt, und er hält seinen Schimpansen und Bonobos die Treue. Viele soziale Tiere begrüßen einander; Schimpansen aber verabschieden sich auch. Man bedenke, was damit vorausgesetzt ist. Kann bei Affen von einer Moral die Rede sein? Dies nimmt de Waal so zwanglos als gegeben hin, dass er es nicht explizit sagen muss. Wer sich von diesem Buch Aufschluss darüber erhofft, wie scheinbar spezifisch menschliche Affekte - Scham, Dankbarkeit - entstanden sein mögen, wird eher enttäuscht sein: bei den Schimpansen finden sich diese Dinge bereits fast im selben fertigen Zustand vor wie bei uns.

De Waal berichtet von der Schimpansenfrau Kuif, die keine Milch hatte und der darum, zu ihrem großen Kummer, die Kinder wegstarben. Er holt einen Schimpansensäugling, der von seiner Mutter verlassen worden ist, und zeigt ihr, wie man ihn mit der Flasche stillt. Dann übergibt er ihr das Kind als ihr eigenes. Kuif traut sich dieses große Geschenk erst gar nicht anzunehmen, dann ist sie überglücklich. De Waal wandert nach Amerika aus; dreißig Jahre später stattet er dem Zoo von Arnheim, wo Kuif zu Hause ist, einen Besuch ab. Kuif erkennt ihn. "Kein anderer Affe der Welt reagiert auf mich, als wäre ich ein lange verloren geglaubtes Familienmitglied, will meine Hände halten und wimmert, wenn ich zu gehen versuche."

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