Von Harald Eggebrecht

Mönchen ist die Schönheit ihrer Kunstwerke egal. Mandalas und Gottesbilder sind nur Vehikel auf dem Pfad der Erleuchtung. Erstmals leuchtet die buddhistische Kunst mehrerer Jahrhunderte in Deutschland.

Um es gleich zu sagen: Dies ist eine so außergewöhnliche, verwirrend fremdartige wie unmittelbar anziehende und nachwirkende Schau. Natürlich wäre es vermessen zu glauben, man könne die rund 1500 Jahre währende, auch heute ungebrochen lebendige Geschichte und Kunst des Buddhismus in Tibet mit einer sorgfältig zusammengestellten, kostbaren Ausstellung sozusagen auf einmal umfassen. Und noch vermessener wäre es anzunehmen, mit einem ausführlichen Besuch in der pompösen ehemaligen Industriellen-Villa in Essen sei man in Formen und Wesen dieser an Aspekten überreichen Kultur schon genug eingedrungen.

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Eines der geistlichen Ausstellungsstücke: Der Yidam Guhyasamaja-Akshobhya, 15.-16. Jh. (seidenbesticktes Thangka) (© Foto: Ausstellungskatalog)

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Doch die Begegnung mit Meisterwerken von höchstem ästhetischen und kultischen Rang öffnet und schärft den Blick nicht nur auf Kunst und Kultur Tibets, sondern weitet auch die Sicht auf die vielfachen historisch-politisch-religiösen Verflechtungen der asiatischen Völker untereinander von Indien bis China, von Kaschmir, Nepal bis zur Mongolei. Tibet erweist sich danach nicht mehr als hoch- und abgelegenes Land, sondern viel eher als spirituelles Zentrum mit großer Strahlkraft nach außen und umgekehrt als Gebiet, in dem geistige Strömungen aus all diesen Ländern sich trafen, dort angeeignet und verwandelt wurden.

Gesichter aus Gelassenheit, Offenheit und Klarheit

Im ersten Raum der Schau sitzen neun goldene Meister und die "Himmelswandlerin" Vajra Nairatmya, Statuen aus dem 16. Jahrhundert, deren plastische Präsenz, bildhauerische Individualität und unmittelbare Ausstrahlung sofort gefangen nehmen, auch wenn man nicht weiß, dass es sich dabei um frühe Lamdre-Meister der Sakya-Schule in Tibet handelt.

Es sind buddhistische Lehrer, deren System die Schüler einen Weg der Meditation lehrt, in nur einem Leben die Buddha-Ebene zu erreichen. Die Ursprünge dieser Schule liegen in Indien, wo einst der indische "Mahasiddha", also der "Meister in der höchsten Erleuchtung" Virupa in mystischer Versenkung von eben jener goldenen Weisheits-Dakini, die Lamdre-Offenbarung erfuhr.

Diese Botschaft ist eine der "acht großen Meditationssysteme", die zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert vom heißen Indien ins kalte Tibet getragen wurden. Daher sind die dargestellten indischen Gurus nahezu nackt, während die tibetischen Meister dick angezogen sind.

Was für Gesichter aus Gelassenheit und Offenheit, aus Ruhe und Zugewandtheit, aus Gefasstheit und Klarheit! Die indischen Lehrer sind expressiver in Gestik und Ausdruck, die Tibeter wirken versammelter und stärker in sich ruhend.

In den verschiedenen Richtungen des tibetischen Buddhismus war und ist es üblich, die Linie der Lehrmeister in chronologischer Reihe porträthaft darzustellen. Außerdem werden sie verehrt, weil sie eine dem Buddha gleiche Stellung erreicht haben. Der Bann, der von der Perfektion und Intensität dieser fast lebensgroßen Sitzskulpturen aus feuervergoldetem Kupfer, die Antlitze mit Kaltgold bemalt, ausgeht - die zehn stammen aus dem Kloster Mindröl Ling, wo insgesamt 21 versammelt sind -, löst sich während der ganzen Besichtigung nicht mehr.

Diese einmalige Ausstellung, in der zahlreiche Stücke erstmals außerhalb tibetischer Klostermauern gezeigt werden, verdichtet die Dichte und den Geist des tibetischen Pantheons in überwältigender Lebendigkeit. Die rund 150 Exponate sind ja nicht einfach antik und musealisiert, sondern jederzeit im rituell-religiösen Leben der Tibeter aktivierbar, sie sind unmittelbar gegenwärtig und zugleich Zeugnisse einer andauernden Tradition.

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