Thriller-Autor Stieg Larsson Der Dichter und sein Denker

Ein hervorragender Meinungsmacher, aber nicht unfehlbar: Konnte der Thriller-Autor Stieg Larsson überhaupt schreiben?

Von Thomas Steinfeld

Gut fünf Jahre nach dem Tod des schwedischen Journalisten und Kriminalschriftstellers Stieg Larsson ist um dessen Person und Werk in seinem Heimatland ein heftiger Streit entbrannt. Begonnen hatte er vor einer Woche, als Kurdo Baksi, ein ehemaliger Kollege des Verfassers, ein Buch der Erinnerung unter dem Titel "Min vän Stieg Larsson" ("Mein Freund Stieg Larsson", Norstedts Förlag, Stockholm 2010) veröffentlichte.

Kurdo Baksi hatte im Jahr 1987 die Zeitschrift Svartvitt ("Schwarzweiß") gegründet, ein Magazin wider den Rassismus, während Stieg Larsson seit 1995 in der Zeitschrift Expo, einem Magazin wider Rechtsextremismus und Rassismus, arbeitete. Die beiden Zeitschriften fusionierten 1999. Kurdo Baksis Erinnerungen sind daher auch eine Heimholung des Schriftstellers Stieg Larsson, der seinen Welterfolg nicht mehr erlebte, in die kleinen Zirkel des linken Aktivismus.

Anlass der Erregung sind nun einige anekdotische Passagen, in denen Kurdo Baksi seinen früheren Kollegen als "mittelmäßigen Journalisten" beschreibt. So soll er, um persönliche Anliegen zu dokumentieren, Interviews mit Freunden veröffentlicht und über Ereignisse geschrieben haben, an denen er selbst aktiv beteiligt gewesen war. "Stieg war ein hervorragender Meinungsmacher", erklärte Kurdo Baksi, nachdem Eva Gabrielsson, die Lebensgefährtin des Schriftstellers, sich über den "Rufmord" beklagt hatte, "aber er war nicht unfehlbar."

Aber damit endet die Auseinandersetzung noch nicht: In einem am Freitag erschienenen Artikel für die Dagens Nyheter, Schwedens größte Tageszeitung, erklärt der Journalist Anders Hellberg, in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren habe er neben Stieg Larsson bei der Nachrichtenagentur TT gearbeitet, er als Nachtredakteur, Stieg Larsson als Graphiker.

Oft sei Stieg Larsson, wenn er spät abends an seinen Artikeln schrieb, zu ihm gekommen, um sie redigieren zu lassen: "Und ich musste feststellen, dass er einfach nicht schreiben konnte. Die Sprache war dürftig, es haperte mit der Wortfolge, der Satzaufbau war eintönig und die Syntax manchmal total verrutscht. Damit diese Sprache professionell funktionierte, musste man sie umschreiben." Beide, Kurdo Baksi und Anders Hellberg, erklären, es sei ihnen ein Rätsel, wie Stieg Larsson seine Bücher habe schreiben können. Er habe das Handwerk schlicht nicht beherrscht.

Die Ortsgruppe Umeå

Als Stieg Larsson im November 2004 im Alter von 50 Jahren an einem Herzanfall starb, hinterließ er kein Testament - zwar hatte er 1977 einen letzten Willen verfasst, in dem er den trotzkistischen "Kommunistischen Arbeiterbund", Ortsgruppe Umeå, als Erben einsetzte, aber dieser war juristisch nicht bindend. Weil er mit seiner Lebensgefährtin Eva Gabrielsson nicht verheiratet war, fiel der Nachlass also den nächsten Verwandten zu - wobei die Honorare der vergangenen Jahre sich auf mindestens fünfzehn Millionen Euro belaufen. Ein langer und erbitterter Streit zwischen Lebensgefährtin und Verwandtschaft ist die Folge.

Kurdo Baksi und Anders Hellberg spekulieren nun darüber, ob es zwischen Stieg Larsson und Eva Gabrielsson eine Arbeitsteilung gegeben habe, wobei er für den Plot und das Material, sie für die Sprache gesorgt habe - was zumindest einen Teil der Entschiedenheit erklären könnte, mit der Eva Gabrielsson an ihrem Erbanspruch festhält. Gleichzeitig aber werden andere Probleme eröffnet: Denn in diesem Genre, also dem Kriminalroman, in dem es nicht nur um die Aufklärung eines Verbrechens, sondern auch um die Entlarvung von Kapital und Politik als menschenverachtendes Gewerbe geht, ist es durchaus nicht gleichgültig, wer diese Bücher schreibt. Immer steht der investigative Journalist und dessen professionelle Redlichkeit auch für die Wahrhaftigkeit seines Romans ein.

Stieg Larssons Romane sind, ähnlich wie die Werke Henning Mankells oder Liza Marklunds, eine Fortsetzung der alten Gesellschaftskritik mit fiktiven Mitteln. Deshalb sind solche Enthüllungen so prekär.