Von Hans-Jürgen Jakobs

Altherrenwitze, fade Wetten und Gedränge auf der Couch - bei "Wetten, dass...?" im ZDF wirkte es, als würde sich Moderator Thomas Gottschalk schon jetzt nach der Sommerpause sehnen.

Heutzutage machen sich viele Menschen gerne zum Deppen im Fernsehen, wenn nur genug andere dabei zuschauen. Keiner weiß darum so genau wie Thomas Gottschalk. Mit seiner ZDF-Show "Wetten, dass...?" bot er am Samstagabend Interessierten eine erschreckend breite Fläche für Vertrottelung.

Villazon, Wetten, dass

Den Plastikbullen bezwingt er nicht: der mexikanische Startenor Rolando Villazon (© Foto: AP)

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Der große Joachim ("Blacky") Fuchsberger zum Beispiel, der in wenigen Tagen 80 Jahre alt wird, konnte es gar nicht erwarten, nach einer verlorenen Wette sein Hemd aufzuknöpfen und in ein weißes Nachthemd zu schlüpfen. So hatte er es ja 1983 schon einmal bei "Wetten, dass...?" gehalten, und so durften Millionen Deutsche nun auf seine behaarte Seniorenbrust und später auf seine nackten Krampfadernbeine schauen. Die Würde des Alters war das nicht.

In der ARD war Fuchsberger eine 80-Jahre-Geburtstagsgala unter anderem mit dem Hinweis versagt worden, man wolle nicht Werbung für dessen Film "Neues vom Wixxer" machen. Das klappte nun im ZDF, und zwar mit flankierenden Altherrenwitzen. Das Wort "Wixxer" komme auch Frauen inzwischen leicht über die Lippen, sagte Fuchsberger, und dann wieder, es könne in der Westfallenhalle gewichst werden - die Schuhe. Hierfür einen Tusch.

Wer den Larry macht

Moderator Gottschalk fabulierte zu diesem Black-Out im Nachthemd, das sei so wie vor "40 Jahren". Er selbst witzelte dankenswerterweise in seiner Show davon, wie man zum Deppen wird und wer für ihn "den Larry macht".

Diese zweifelhafte Ehre hatte auch Florian Henckel von Donnersmarck, der seinen kürzlich empfangenen vergoldeten Oscar mitgebracht hatte und einfach damit weitermachte, mit maskenhafter Miene den deutschen Filmmogul zu geben. Er betätigte sich zunächst im Oscar-Gala-Gewand als Kabelschlepper, was gar nicht so unelegant aussah; am Ende der Sendung schließlich nahm der Hüne des neuen deutschen Films dann eine Parade Dutzernder Dortmunder Männer ab, die nackt und golden und kahlköpfig auf dem Friedensplatz standen - lauter Oscars eben! Die Unglücklichen hatten sich die Kopfhaare scheren lassen, ganz so, als hätten sie zu viel Britney Spears bei ihrem vorletzten Gaga-Auftritt gesehen.

Donnersmarck aber wirkte zunehmend wie ein ferngesteuerter Hollywood-Mogul, der irgendwann Max Headroom ähnelte oder auch Robert-T-Online, alle gewesene Größen des Entertainment-Geschäfts. Sein großartiger Film "Das Leben der Anderen" hat diesen Party-Rummel nicht verdient. Und die ehrwürdige Academy of Motion Picture Arts und Sciences sollte vielleicht einen Passus in ihre Regularien aufnehmen, wonach der Oscar nachträglich aberkannt werden kann, wenn der Preisträger hernach mit dem goldenen Ding wie ein Kirmes-Preisboxer durch die Lande reist.

Mit dem Zweiten beißt man besser

Selten war bei "Wetten, dass...?" die Couch so voll wie an diesem Samstag, und selten waren die Witze so schal und die Dialoge so dünn. Bierdosen wurden in der Diktion des Millionärs von Malibu zu "Hartz-IV-Stelzen" und zu Fuchsbergers Gebiss fiel ihm ein: "Mit dem Zweiten beißt man besser." Die gewisse Klasse, die Gottschalk sonst auszeichnet, fehlte. Symptomatisch, dass der große Blonde mit den schwarzen Lederhosen nach einer Dreiviertelstunde endlich sein albernes Hütchen abnahm, das "very british" wirken sollte. Der Zuschauer vermutete schon, es gebe Probleme mit dem optisch fülligen Haar des TV-Stars.

Alles in allem hat es den Anschein, als sehnte sich Thomas Gottschalk schon Anfang März nach der Sommerpause. Die Drei-Stunden-Sendung, die gefühlte fünf Stunden lang war und eine deutsche Durchschnittsfamilie leicht in den Schlaf brachte, hätte bei konzentrierter Moderationsarbeit die "heute-journal"-Sendung locker um 22.15 Uhr beginnen lassen können.

Zu den Depp-Faktoren an diesem Abend gehörte auch der seltsam aufgedrehte Auftritt der Bestseller-Autorin Susanne Fröhlich, deren "Moppel-Ich" die Schauspielerin Christine Neubauer bald im ZDF darstellen wird. Da durfte ein wenig Cross-Promotion betrieben werden. Als die beiden vollschlanken Damen dann mit Gottschalk auf eine Waage stiegen, wurden bedenkliche 260 Kilo angezeigt. Ein klarer Fall von: "Moppel-Wir"!

Bezeichnend war, dass von den vielen Wetten nur eine funktionierte - ein 14-Jähriger erkannte seine Klassenkameraden durch Befühlen ihrer Ohren. Geradezu absurd war, dass zwei junge Dreher nur am Funkenflug das zu behandelnde Werkstück identifizieren wollten und dabei verloren wirkten wie Gestalten aus einem Kaurismäki-Film. Immerhin imponierte später ein Wettspieler, der Karten von unten in einen Basketball-Ring warf.

Demnächst wie bei "Tootsie"

Der wunderbare Sänger Rolando Villazon kam an einem solchen Abend auch nicht umhin, den Clown zu geben, bewies dabei aber südländisches Temperament und hüpfte gern auf der Couch auf und ab. Villazon wurde von einem rotierenden Plastik-Stier abgeworfen. Lionel Richie schließlich atmete Helium ein und sang sein "Hello" wie ein Kastrat, aber er wirkte in jeder Phase dieser Deppen-Show wie ein Entertainer nach Hollywood-Maß.

Es gab bei "Wetten, dass..." auch Erfreuliches - zum Beispiel den Auftritt des in Bochum aufgewachsenen Herbert Grönemeyer, der ein Lied seiner neuen CD zum Besten gab und anschließend auf Befragen dem Moderator Gottschalk erklärte, im Ruhrgebiet müssen man immer beweisen, "dass man nicht zum Idioten mutiert". Das konnte durchaus als Anspielung auf einige Gäste der ZDF-Show verstanden werden.

Thomas Gottschalk aber, der sich zuletzt im Borat-Kostüm gezeigt hatte, will beim nächsten Mal als Frau auftreten - mit Perücke, Kleid und Büstenhalter. Vielleicht glaubt der 56-Jährige, er könne das so gut machen wie Dustin Hoffman in "Tootsie". The Show must go on.

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(sueddeutsche.de)