Theaterfestival Spielart Zuviel des Guten

Das Münchner Spielart zeigte heutige Protestkunst - und verlor dabei ebenso den Überblick wie sein Alleinstellungsmerkmal etablierten Bühnen gegenüber.

Von Christine Dössel

Spielart ist kein glamouröses Theaterfestival, zu dem aus aller Welt Spezialisten und Touristen anreisen, aber eines von lokaler Bedeutung und Nachhaltigkeit. Seit 1995 bietet es den Münchnern alle zwei Jahre ein Forum für internationale Gruppen und innovative Theaterformen jenseits des üblichen Ensemble- und Repertoirebetriebs. In einer Stadt, in der es keine freie Produktions- und Spielstätte à la Kampnagel in Hamburg oder HAU in Berlin gibt, hat das Spielart-Festival stets eine Lücke gefüllt und eine nicht zu unterschätzende Entdecker-, Vermittler- und auch Wegbereiterfunktion übernommen. Wichtige Namen und Entwicklungen in der Performing-Arts-Szene wären sehr wahrscheinlich an München vorbeigegangen, würde es dieses Festival nicht geben.

Spielart läuft Gefahr, sein Alleinstellungsmerkmal zu verlieren

Nun jedoch, da Stadttheater und freie Szene allenthalben enger zusammenrücken, bekommt Spielart ein Problem. Gruppen wie Gob Squad, Rimini Protokoll oder She She Pop, die das Festival schon vor zehn, fünfzehn Jahren in München vorstellte und immer wieder einlud, gehören neuerdings fest in den Spielplan des neuen Kammerspiele-Intendanten Matthias Lilienthal. Der strebt ein Hybridtheater aus Repertoire und freier Szene an. Lilienthal hat in Rabih Mroué außerdem einen Regisseur am Haus, dessen libanesisch-palästinensische Olympia-Attentat-Performance "Ode to Joy" plötzlich als Spielart-"Sondervorstellung" im Festivalprogramm firmiert, obwohl sie ohnehin an den Kammerspielen läuft. Begleitend gab es als Gastspiel eine frühere Produktion des Libanesen, "Riding on a Cloud". Spielart als Kammerspiele-Unterstützungs-Programm? Wie ein künstlerisches Beiboot wirkt das Festival auch im Fall des Residenztheaters, dessen hauseigene Live-Dokutheater-Produktion "The Dark Ages" von Milo Rau nun ebenfalls als Spielart-Setzung auftaucht, flankiert von dem Gastspiel "The Civil Wars", einer ähnlichen, 2014 in Zürich herausgekommenen Inszenierung von Rau, die den Auftakt für dessen Europa-Trilogie bildet.

Das Publikum mag von solchen Nachlieferungen zu aktuellen Münchner Inszenierungen zunächst einmal profitieren, Spielart aber läuft Gefahr, dadurch sein Alleinstellungsmerkmal zu verlieren. Was tut es gegen diese drohende Profilschwammigkeit? Klotzt es und protzt es mit seinen Theatermuskeln, wie nur ein Festival es kann? Nein, es ergießt sich in üppigste Kleinteiligkeit. Statt zwei, drei große, bedeutende Inszenierungen von überregionaler Strahlkraft einzuladen, suchten Tilmann Broszat und Gottfried Hattinger ihr Glück im Überangebot dessen, was sie "transnationale Vielstimmigkeit" nennen. Heißt im Klartext: Und hier, aus diesem Winkel der Welt, hätten wir auch noch was Interessantes.

Dass dies auch und vor allem für jenen Schwerpunkt gilt, mit dem sich Spielart diesmal besonders hervortun wollte, die Reihe "Art in Resistance", federführend betreut von Sophie Becker, ist bedauerlich. "Art in Resistance" meint Kunstformen des politischen Widerstands. Angekündigt als "Grundlagenforschung" und beworben mit einer umfangreichen eigenen Zeitung, litt dieses Widerstands-Festival im Festival an beflissener Überladenheit, an der Fülle seines politischen Wohlmeinens - und damit letztlich auch an Unentschiedenheit. Dabei musste hier durchaus ausgewählt und entschieden werden: Bei einem weltweiten "Open Call", das ist Kuratoren-Deutsch für "Ausschreibung", zum Thema "Artivismus" (eine Kombination aus "Art" und "Aktivismus") gingen fast 800 Bewerbungen ein. 50 davon wurden ausgewählt und in geballter Ladung im Münchner Kulturzentrum Gasteig präsentiert.

Dort hängen nun an Bauzäunen im tristen Foyer vor dem Carl-Orff-Saal Bilder des Auf- und Widerstands aus aller Welt (noch bis Samstag). Zum Beispiel von den Graffiti und Straßenmalereien in Ägypten zur Zeit des Arabischen Frühlings, als Künstler Mauern und Wände zu einer Volkszeitung der Revolution machten. "Walls of Freedom" heißt diese Hängung - nach dem gleichnamigen Buch von Basma Hamdy und Don Karl, aus dem die Fotografien stammen. Oder das chilenische "Museo a cielo abierto", das sich in La Pincoya, dem Elendsviertel von Santiago, als soziale Intervention im Stadtraum versteht und sich dabei des "Muralismo" bedient: der sozialkritischen Mauermalerei. Da sieht man etwa ein Symbolbild der Straßenkünstler Aner und Fixa, auf dem die tiefblaue Mähne einer Frau expressionistisch die Häuser umströmt. Das Wandgemälde träumt davon, wie es wäre, "wenn jedes Haus in unserem Slum fließendes Wasser hätte".

Die Schwarzweiß-Porträts syrischer Aktivisten von Jaber Al-Azmeh, Dokumente vom "Mauermuseum" in Bethlehem, Fotos von den Protestkundgebungen in Mexiko im Zusammenhang mit dem Verschwinden der 43 Lehramtsstudenten in Iguala - die Fülle an globalem Krisenherdmaterial ist so beeindruckend wie erschlagend. Die Fotos sind außerdem zu kleinformatig, als dass sie wirken könnten. Es ist eine Ausstellung, die vor allem Hinweischarakter hat. Jeder Bauzaun eröffnet ein neues Problemfeld der Welt, ohne dieses auch nur annähernd vertiefen zu können. Und die Kunst? Die Kunst im Widerstand, so lernen wir erschöpft, ist manchmal einfach nur eine soziale Maßnahme, eine direkte Protestaktion oder schlicht: Fotojournalismus.

Aber es gibt auch andere Spielarten des künstlerischen Widerstands, zum Beispiel "performative Interventionen", wie sie das Institut für Widerstand im Postfordismus (WiP) in Verbindung mit dem Performancelabel Müller***** in einer mobilen Zeltstation betrieb. Ausgehend von der Prognose, dass wir in den nächsten 15 Jahren zielsicher auf eine Revolution zusteuern, konnte sich der Zeltbesucher schon mal auf sein persönliches revolutionäres Potenzial hin testen lassen.

Oder man nimmt teil an einer "partizipativen Performance", wie sie der Libanese Rani Al Rajji (Studio Beirut) gemeinsam mit den Performerinnen Franziska Pierwoss und Sandra Teitge unter dem Titel "Once upon a sweet Levantine Evening" zelebrierte. Da saß das Publikum an einer gedeckten Tafel und hörte dem fade auf Englisch referierenden Al Rajji zu, wie er in historischen Siebenmeilenstiefeln von den Anfängen des osmanischen Reiches über dessen Aufteilung durch britische und französische Diplomaten im Jahr 1916 (Sykes-Picot-Abkommen) bis hin zu heutigen Ansprüchen der IS-Terrormiliz. Während dieser Kolonialismus-Lektion reichten die Damen arabische Köstlichkeiten wie "Gâteau Turc" oder "Bombe Orientale", deren Rezepte sie aus alten Kochbüchern vortrugen. Satte Europäer teilen sich die Welt auf wie einen Kuchen - die Botschaft war so schnell verstanden wie gegessen. Daneben gab es Kurzvorträge wie den von Ogutu Muraya aus Kenia. Titel: "Nobody knows my name". Darin spürt der Autor mittels surrealistischer Videocollagen und von ihm selbst eingesprochener Textaufzeichnungen dem ersten Kongress schwarzer Künstler und Schriftsteller 1956 an der Sorbonne in Paris nach. Mit der Pointe, dass dieser Kongress von der CIA unterwandert war. "No one is innocent", folgert Muraya. "Niemand ist unschuldig." "Du kannst nicht nicht politisch sein", heißt es in der "Proletenpassion 2015 ff." vom Wiener Theater Werk X, mit dem die Reihe "Art in Resistance" eröffnet wurde. Knapp 40 Jahre nachdem der Österreicher Heinz R. Unger 1976 mit der Band Schmetterlinge die erste "Proletenpassion" bei den Wiener Festwochen vorstellte, lässt Regisseurin Christine Eder diese revuehafte Geschichte der Klassenkämpfe noch einmal aufleben, erweitert um die Kapitel Faschismus und Neoliberalismus bis hinein ins Europa der Kapitalmärkte von heute. Das ist vor allem musikalisch eine Perle der Widerstandskunst - Knarf Rellöm und Eva Jantschitsch alias Gustav wirken mit. Sie atmet, ganz unmodisch, den Revoluzzergeist des guten alten Brecht.

Am Ende sind es nach all den Foto-Dokumentationen, Performance-Lectures und Begehungen doch die theatralisch verspielten, ästhetisch oder poetisch überhöhten Produktionen, die den größten Eindruck hinterlassen, nämlich den von Kunst. Dazu zählt "Archive", die schmerzhaft großartige Körperstudie des israelischen Choreografen Arkadi Zaides, in der er sein Repertoire an Gesten und Bewegungen unmittelbar aus Videos von Übergriffen israelischer Siedler auf Palästinenser zieht.

50 Einzelbeispiele zeigen, wie sich Künstler überall auf der Welt an Missständen abarbeiten

Dazu zählt aber auch das Roadmovie-Projekt "Transit Monumental", mit dem das Künstler-Kollektiv K.A.U. und die Regisseurin Małgorzata Wdowik auf den erstarkenden Nationalismus in Polen reagieren. Wie sie da eine weiße, 500 Kilogramm schwere Wandtafel von zehn Metern Länge mit selbst erfundenen Emblemen schmücken und als nationales Monument behaupten, ist an sich schon lustig. Dass sie damit aber nun eine Woche lang unterwegs sind, bis sie am Samstag in Warschau ankommen, und dass sie unterwegs täglich ein Video drehen, auf dem sie ihr Monument in irgendeinem Dorf aufstellen und es von Chören oder Blaskapellen zeremoniell feiern lassen, hat neben Witz auch inszenatorische Verve (www.kau-kollektiv.de).

"Art in Resistance" führte in 50 Einzelbeispielen vor, wie sich Künstler überall auf der Welt an Missständen und supranationalen Ideen ebenso wie an ihrer eigenen Rolle als "Artivists" abarbeiten. Das ist Puzzlearbeit. Ein großes Protestgemälde ergibt es nicht. Das Festival Spielart ist wahrscheinlich gut beraten, sich wieder mehr mit dem Wald statt mit den Büscheln und Bäumen darin zu beschäftigen. Und sollte es in Zukunft gar auf große Schauspielkunst setzen, kriegt am Ende noch Matthias Lilienthal ein Problem. Der tendiert an den Kammerspielen ja eher dazu, das bisherige Spielart-Programm zu machen.