Theater Zeitreise ins Eisschollenland

Jossi Wieler inszeniert am Schauspiel Stuttgart Fritz Katers "Kriegsfuge" als Gefühlskrimi. Alles, auch die Liebe, zerbricht in den westdeutschen Sechzigerjahren an der Vergangenheit. Überraschend ist es nicht.

Von Christine Dössel

Von Anfang an ist man an diesem Stuttgarter Theaterabend in so einer existenzialistischen Schwarz-Weiß-Stimmung drin, als sähe man einen Film der Nouvelle Vague. Die Videos von Chris Kondek besorgen zu einem Großteil die ästhetische Grundierung, sie bedienen sich eines eleganten Retro-Looks. So sieht man gleich zu Beginn die beiden Hauptdarsteller, André Jung und Fritzi Haberlandt, in schwarz-weiß-dramatischer Großaufnahme: ein Liebespaar wie in Godards "Außer Atem". Dazu leise Jazzmusik. Später wird noch viel Film-noir-Ästhetik zitiert werden, und für die Szenen, die in Berlin während des Krieges spielen, wird die Aufnahme einer zerfallenden Häuserfassade von der Rückwand schon mal übergreifend auf den Boden projiziert: aparte Kriegs- und Trümmerfeldsymbolik.

Da die Ausstatterin Anja Rabes den Bühnenboden im Stuttgarter Kammertheater mit zerbrochenen weißen Schieferplatten wie Eisschollen übersät hat, ist der Raum ohnehin eine einzige Sollbruchstelle. Die Platten knirschen und scheppern wie Scherben, wenn man darauf tritt. Was in diesem hoch ästhetischen Kunstraum gespielt - um nicht zu sagen: bemüht - wird, ist das neue Stück von dem Autor, der sich Fritz Kater nennt: "I'm searching for I:N:R:I (eine Kriegsfuge)" - der Titel ist selbst schon eine Kunstanstrengung. Mit dem Kreuzestod Jesu Christi hat das nichts zu tun, mit Krieg und Fugenkunst schon eher. Erzählt wird, mit vielen Anleihen beim Spionagethriller, die Geschichte eines Paares im Nachkriegsdeutschland der Sechzigerjahre, dessen Liebe betont schicksalhaft an der Vergangenheit scheitert. Es ist eine Geschichte, so kalt und bruchstückhaft wie die Eisschollenlandschaft auf der Bühne, erzählt auf drei Zeitebenen, in teils verwirrenden Sprüngen und Rückblenden zwischen 1941 und Sommer 1989. Schauplätze der Handlung, wenn man es denn so nennen will, sind neben West-Berlin: Havanna, Tel Aviv und Bonn-Bad Godesberg.

Wie im Film noir: André Jung als Journalist namens Maibom gibt den Möchtegern-Bogart, Fritzi Haberlandt ist seine Geliebte, die plötzlich verschwindet.

(Foto: Thomas Aurin/dpa)

Fritz Kater ist das Autoren-Pseudonym von Armin Petras, dem Stuttgarter Schauspielintendanten. Der führt bei seinen Stücken oft selber Regie, meist assoziativ wuchernd, ohne zu viele Konzessionen an sein Schreiber-Ich zu machen. Diesmal aber hat ein anderer Stuttgarter Intendant die Uraufführung übernommen und große inszenatorische Vorsicht (oder: allzu viel Rücksicht) walten lassen: Opernchef Jossi Wieler, der nach sechs Jahren zum ersten Mal wieder am Sprechtheater arbeitet.

Wieler ist als Regisseur bekannt für seine klugen chirurgischen Feinarbeiten, er ist ein stil- und geschmackssicherer Textlauscher mit großem musikalischen Gespür. All das zeigt sich durchaus auch wieder an diesem Abend, und doch stellt sich nichts von der soghaften theatralischen Magie und der erschütternden Lebensabgrundtiefe ein, wie sie einige der schönsten, erinnerungswürdigsten Arbeiten Wielers ausmachen, man denke etwa an Elfriede Jelineks "Rechnitz", herausgekommen an den Münchner Kammerspielen.

Große Gefühle, aber schon auch philosophisch: Die Geliebte stürzt sich auf den Journalisten.

(Foto: Thomas Aurin/dpa)

Das Stück will großes Gefühlskino sein, aber schon auch philosophisch

Jetzt in Stuttgart wirken Wielers Subtilkunstmaßnahmen einigermaßen artifiziell und nostalgisch aufgesetzt. Das liegt zum einen an der hochtrabenden, bedeutungsschwer aufgeladenen, das große Melodram ebenso wie den Film noir sich anmaßenden Textvorlage, die den eigenen Anspruch nicht erfüllen kann. Das liegt aber auch an der Ergebenheit, mit der Wieler dem so handlungsarm wie wortreich im poetisierenden Fritz-Kater-Sound durch die Zeiten stromernden Textfluss folgt und vertraut - statt hier und da Wellen zu schlagen, ihn zu stauen oder komisch-ironisch gegenzusteuern. Einmal tut er das zaghaft: Wenn das Stück den Journalisten Maibom auf der Suche nach seiner vermissten Freundin in eine Bonner Villa mit männlicher Leiche führt, inszeniert Wieler das per Live-Video als Chandler-Parodie im Stil der Schwarzen Serie, mit André Jung als Möchtegern-Bogart ("Was die Frau erzählte, überzeugte mich") und Manja Kuhl als cooler Hitchcock-Blondine. Dieser ständig vor sich hin monologisierende Maibom, von André Jung in einer extrem manierierten Sprechweise mehr behauptet als gespielt, ist ein jüdisch-polnischer Reporter, Mossad-Agent und Nazijäger mit Holzbein. Als er 1960 von einem Auslandsjob nach Berlin zurückkehrt, ist seine Freundin Rieke verschwunden. Auf der Suche nach ihr tappt er mit Taschenlampe übers Trümmerfeld, dazu wird als Erzählung aus dem Off der Mythos von Orpheus bemüht. Wie der will Maibom die Geliebte zurückholen, folgt ihr ins Reich der Schatten - hier: in die Vergangenheit.

"Sie ist zurückgekehrt in den Krieg", heißt es über Rieke, deren Geschichte sich allmählich zusammenpuzzelt. Die Durchlässigkeit, die Fritzi Haberlandt dieser Frau schenkt, ist faszinierend. Sie hat etwas Sterntalermädchenhaftes, aber auch jenen Trotz, mit dem das Mädchen überlebte. Aufgewachsen als Flüchtlingskind in Berlin, wurde Rieke, die mal Rosa hieß, vergewaltigt, landete auf dem Straßenstrich und arbeitete für die Nazis. Dass sie ihre Liebe ans Messer lieferte, ist ein Verrat, der sie nun einholt. Sie wird dafür bezahlen.

Liebe, Lüge, Verrat. Es gibt nicht die eine Wahrheit, keiner kennt den anderen, immer ist Krieg: Fritz Katers kontrapunktisch diese Themen umkreisendes Stück will großes Gefühlskino sein - und landet im Gefühlskitsch. Dass Bachs "Kunst der Fuge" dafür als Theoriekitt ebenso herhalten muss wie Philosophisches von Hobbes, Descartes und den Pythagoräern, verschlimmbessert die Sache nur. Orpheus verliert Eurydike, Maibom seine Rieke und der Zuschauer den (Gedulds-)Faden.