Theater Welt von vorgestern

Simon McBurney wagt sich in der Berliner Schaubühne an Stefan Zweigs Roman "Ungeduld des Herzens". Die Inszenierung lebt von Effekten - und sie leidet auch darunter.

Von Peter Laudenbach

Als Schauspieler und Regisseur ist Simon McBurney ein Star des internationalen Theaterbetriebs. Seine Compagnie Complicite tourt seit drei Jahrzehnten weltweit mit ihren bildstarken Produktionen. Als Schauspieler schlägt der Brite mit Auftritten in Kino-Blockbustern wie "Mission Impossible" und "Herr der Ringe" problemlos die Brücke zwischen Bühne und Popkultur. Kein Wunder, dass man an der Berliner Schaubühne stolz darauf war, dass McBurney nach zahlreichen Complicite-Gastspielen jetzt erstmals mit heimischen Ensemble-Schauspielern eine Aufführung in der Stadt inszeniert hat. Für sein Schaubühnen-Debüt hat er sich einen etwas abgelegen Stoff aus dem alten Europa ausgesucht: Stefan Zweigs Roman "Ungeduld des Herzens" (1939).

Seinem glänzenden Ruf wurde McBurneys in auftrumpfende Effekte verliebte Inszenierung allerdings kaum gerecht. Ein penetranter Soundteppich und eine Videowand im Hintergrund unterlegen die Handlung mit Atmo-Brei, als würde der Regisseur weder den Schauspielern noch dem Assoziations- und Einfühlungsvermögen des Publikums trauen. Das wird unfreiwillig komisch, wenn bedeutungsschwer ein Käuzchen ruft und der Vollmond vom Videoscreen scheint, eine Geburt mit lautem Babygeschrei vom Mischpult untermalt wird oder - Achtung, Romantik! - die Aufwallungen des Gefühls mit lautstarkem Herzklopfen aus dem Off angedeutet werden. Besonders dramatische Passagen erkennt man zuverlässig daran, dass auf der Videowand Glas in Großaufnahme zersplittert. Dieser Hang zur Überdeutlichkeit ist offenbar der Preis oder die Voraussetzung seines globalisierten Festival-Theaters: Wer von jedem Publikum verstanden werden will, setzt sicherheitshalber auf möglichst plakative Zeichen.

Stefan Zweigs im angenehm leichten Plauderton dahinplätschernder Roman "Ungeduld des Herzens" spielt vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in der österreichisch-ungarischen Bourgeoisie. Geschrieben hat ihn Zweig kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, mit dem ganzen Heimweh nach dieser versunkenen Habsburger-Welt der großbürgerlichen Salons, verschlafenen Garnisonsstädten in der Provinz und liebevoll beobachteten Verwirrungen des Herzens. Christoph Gawenda gibt den sich an diese lang vergangene Geschichte erinnernden Erzähler im altmodischen Dreiteiler vorne am Tisch sitzend. Hinter ihm ist, symbolschweres Vorzeichen kommender Verhängnisse, in einer Vitrine die Kopie der blutbeschmierten Uniform ausgestellt, in der der Thronfolger Franz Ferdinand im Juni 1914 in Sarajevo erschossen wurde - beziehungsweise, in der Erzählzeit des Romans: erschossen werden wird.

Wie kostbare, sorgsam von der Außenwelt und einer nervösen Gegenwart geschützte Museumsstücke wirken auch die Schauspieler, die eher referierend als spielend das Figurentableau aus dem Roman reanimieren. Die querschnittsgelähmte Tochter (Marie Burchard) eines Großindustriellen (ein gemächlicher Österreicher: Johannes Flaschberg) verliebt sich in einen jungen Leutnant (ein begabter Uniformträger: Lorenz Laufenberg). Der lässt sich, halb aus Höflichkeit, halb aus Unreife auf diesen Flirt ein, ohne ihn weiter ernst zu nehmen. Am Beispiel seines eitlen Mitgefühls spielt Zweig ein Moral-Dilemma durch: Das Mitleid, Zweig nennt es eine "instinktive Abwehr des fremden Leids", hat in der Erzählung katastrophale Folgen für die Kranke. Aus Verzweiflung über die nicht erwiderte Liebe, bringt sie sich um.

Als würde er ahnen, dass diese Kombination aus beschaulicher Habsburg-Nostalgie und einem etwas simplen Moral-Konflikt zu banal ist, greift McBurney zu einem brachialen Bedeutungsverstärker: Am Ende ist nicht nur die unselige Kranke tot und der Leutnant im Unglück, am Ende wird auch endlich Franz Ferdinand erschossen, der Erste Weltkrieg bricht aus. Wie ein Ausrufezeichen setzt McBurney eine schnelle Abfolge historischer Fotos ans Ende seiner ansonsten gänzlich apolitischen Inszenierung: Erster Weltkrieg, Weltwirtschaftskrise, Hitler, Zweiter Weltkrieg, Atombombe, 11. September. Und damit auch jeder begreift, dass das verhandelte Mitleidsdilemma nicht nur Großbürger vom Beginn des vergangenen Jahrhunderts angeht, benutzt der Plakat-Künstler McBurney als allerletztes Bild das Foto eines überfüllten Flüchtlingsbootes auf dem Mittelmeer - als würde dadurch seine Aufführung politisch brisant. Wie McBurney das Bild von Menschen in Not benutzt, um seiner Inszenierung ein apartes Schlussbild zu verschaffen, ist nicht frei von gedankenloser Obszönität.