Theater: "Onkelz" Feindbild Nummer eins

Sie grölten einst "Türken raus" - nun bringen "postmigrantische" Regisseure sie zurück auf die Bühne: Wie am Berliner HAU-Theater aus der berüchtigten Band "Böhse Onkelz" ein Theaterstück wurde.

Von Peter Laudenbach

Vor dem Berliner HAU-Theater sitzt Stephan Weidner an einem lauen Sommerabend und unterhält sich auf das Charmanteste mit fünf Mädchen aus der benachbarten Hector-Peterson-Oberschule. Stephan Weidner ist Rockmusiker, er war 25 Jahre lang Bassist, Texter und Kopf der Böhsen Onkelz, der Band, bei der fast jedem sofort reflexhaft der Satz "Waren das nicht mal Nazis?" einfällt.

Da waren sie gerade auf dem Weg, von der ehemaligen Rechtsrock- und Oi!-Band zu Musikern zu werden, die ein Benefizkonzert für die Opfer rechter Gewalt geben: Die Boehse Onkelz zur Jahrtausendwende, von links: Kevin Richard Russell, Schlagzeuger Peter "Pe" Scharowsky, Gitarrist Matthias "Gonzo" Roehr und Bassist und Songschreiber Stephan Weidner.

(Foto: AP)

Die 14-jährigen Mädchen sind noch ganz aufgeregt, sie haben eben in einem Theaterstück von Tamer Yigit und Branka Prlic mitgespielt. Zwei der Mädchen tragen ein Kopftuch, zwei sind Schwarze, sie heißen Jamila Iraqi, Dalia Hibish, Manuela Oforiatta, Hanan El-Ali und Adyan Al-Zohaery.

Das Stück, in dem sie mitgespielt haben und bei dem Weidner am Premierenabend im Publikum saß, hieß "Onkelz". Es ist eine vielschichtige Auseinandersetzung mit der vor sechs Jahren aufgelösten Band und eine schöne Kollision: ein linkes Avantgardetheater trifft auf zwei Regisseure, die gerne in die Schublade "postmigrantisches Theater" einsortiert werden, und eine Band, die in ihren Anfängen als Frankfurter Skins "Türken raus" gegrölt und seitdem ein Imageproblem hatte.

Auch wenn die "Onkelz" sich unmissverständlich distanzierten und in ihren Konzerten schon mal dazu aufriefen, nicht auf "die Wichser von der NPD" reinzufallen oder von der Bühne herab Fans, die beim Konzert den Hitler-Gruß übten, drohten, ihnen "persönlich eine aufs Maul" zu hauen - der schlechte Ruf blieb.

Zumal ihn die Band kultivierte. Sie sang etwa: "Hier sind neue Schweinereien vom Feindbild Nummer Eins, Ihr solltet uns belohnen, sonst hättet ihr keins." Fans mit rechtem Weltbild konnten das auf ihre Weise interpretieren. Genau auf der anderen Seite des politischen Spektrums machte diese wütend-depressive Härte aber auch Leute wie Tamer Yigit und Branka Prlic zu Fans: Weit wichtiger als die Links-rechts-Kodierungen war für sie die Underdog-Perspektive. Und an die war ihr eigener Erfahrungshintergrund voll anschlussfähig.

"Onkelz"-Star Stephan Weidner fühlt sich vor dem Kreuzberger HAU mit den aufgekratzten Teenies und dem Regisseur Tamer Yigit sichtlich wohl. Es ist eine Szene, in der sehr entspannt jede Menge Klischees mit einem sanften Plop zerplatzen. Genau an diesen Klischees und den Ausgrenzungsmechanismen der Political Correctness arbeiten sich Branka Prlic und Tamer Yigit in ihrem Stück ab. Dass sie das nicht aus einer abgesicherten und selbstzufrieden aufklärerischen Außenperspektive tun, sondern aus der Innenperspektive, dem eigenen Fantum, den eigenen Biografien und ihren Widersprüchen, macht den Abend so vertrackt und so spannend.

Das ist der Teufel!

Gleich zum Einstieg der Show macht sich Yigits Bühnenpartner Danny Bruder, mit Rockermähne, Sonnenbrille und breitem Berliner Gossen-Dialekt der Inbegriff eines Metal-Fans, mit ausgestrecktem Zeigefinger und hysterischem Geschrei über das gängige "Onkelz"-Mobbing lustig: "Der da! Der da! Das ist der Teufel! Der da! Das ist der Nazi!" So etwa stellt sich offenbar aus "Onkelz"-Fan-Perspektive die Mainstream-Rezeption der verruchten Band dar.

Und weil Bruder schon bei Rollenspielen ist, schlüpft er auch gleich noch in die Rolle des in die Drogensucht abgestürzten "Onkelz"-Sängers Kevin Russell, der an Sylvester 2009 zugekokst bei einem Autounfall fast zwei Menschen umgebracht hätte, anschließend wegrannte, statt den Opfern zu helfen, und heute im Gefängnis sitzt. Da bekommt das "böhse" im Bandnamen dann gleich eine nicht besonders lustige Bedeutung.

So funktionierte der ganze Abend: Einerseits Hohn über die arroganten Zuschreibungen der Mehrheitsgesellschaft, selbstbewusstes Underdogtum, andererseits keine Romantisierungen, stattdessen ein Zuspitzen der Härten und Widersprüche.

Was ist mit Black Metall-Musikern, neben denen die "Onkelz" Waisenknaben sind, wie dem Norweger Varg Vikernes, der in der Szene hochgeschätzt wird, obwohl er ein verurteilter Mörder, bekennender Rassist und Nazi-Aktivist ist? Es sind die alten Fragen nach den Grenzen zwischen Ethik und Ästhetik.

Yigit verbindet sie mit seiner Biografie, wenn er erzählt, wie er vor 20 Jahren mit anderen Linken gegen ein "Onkelz"-Konzert in Berlin demonstrierte, wie sich Punks, Heavy Metall Fans und Linke prügelten, wie sich subkulturelle Abgrenzungsmanöver in Gewalt übersetzten: Die Schlägerei als mehr oder weniger normale Form der Kommunikation. "Und die Kanaken prügelten sich mit allen, weil sie einen Hass auf alle hatten." Er erzählt das weder angeberisch noch reumütig, sondern einfach sachlich: So war das.

Das seltsame und schöne an diesem Abend über harte Themen und Milieus ist, dass er in seiner bohrenden Ernsthaftigkeit entschieden menschenfreundlich ist - und dass Tamer Yigits beeindruckende Mutter mit Kopftuch auf der Bühne sitzt und das Geschehen kommentiert: "Ausländer rein, Rheinländer raus."

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