Theater Gewalt im Spiel

Autokratisch, fast feudal geht es an deutschen Bühnen zu, klagen Künstler. Der Ton ist rau, die Bezahlung miserabel. Ein Gespräch mit Johannes Maria Schatz, Gründer der Initiative Art but Fair, über mehr Rechte für Künstler.

Interview von Michael Stallknecht

Zu autokratisch, fast noch feudalistisch" gehe es zu an deutschen Theatern, klagte jüngst der Schauspieler Shenja Lacher, nachdem er am Münchner Residenztheater gekündigt hatte. Im vergangenen Jahr verkündete die Mezzosopranistin Elisabeth Kulman, für szenische Produktionen nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Vor wenigen Wochen sprach das bisherige Startänzerpaar der Bayerischen Staatsoper über die Angst vieler Tänzer vor der Kündigung durch den neuen Ballettchef Igor Zelensky: Hinter der Bühne brodelt es.

Bereits vor drei Jahren hatte eine Debatte auf Facebook den Blick auf die soziale Situation der Bühnenkünstler gelenkt. Entstanden ist daraus die Künstlerinitiative Art but fair, die sich für faire Arbeitsbedingungen und Gagen einsetzt. Im Interview spricht der Gründer Johannes Maria Schatz über alles, was sich ändern muss.

SZ: Art but fair hat eine Studie über die Arbeitsbedingungen von Künstlern im Bereich Musik und Darstellende Kunst vorgestellt. Darin beklagen 35 Prozent der Befragten den Machtmissbrauch durch Vorgesetzte. Wie kommt es dazu?

Johannes Maria Schatz: Es geht zunächst um so etwas Simples wie Arbeitszeiten. Die Künstler stecken oft über Tage hinweg in Proben und Aufführungen. Mit einer Familie lässt sich das kaum vereinbaren.

Was aber auch finanzielle Gründe haben dürfte.

Ja. Die Mindestgage für Bühnenkünstler beträgt 1760 Euro brutto im Monat. Steigerungen müssen mit dem Arbeitgeber direkt ausgehandelt werden, was schwer ist. Jahresverträge können quasi nach Belieben gekündigt werden. Für freischaffende Künstler mit Stückverträgen gibt es überhaupt keine Mindestgage. Wir fordern sie schon seit drei Jahren, auch die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger GDBA tut es. Aber der Deutsche Bühnenverein, der die Intendanten vertritt, kann sich mit der GDBA nicht einigen.

Viele Theater haben nicht gerade Geld im Überfluss.

Die ganze Spardiskussion läuft in die falsche Richtung. Mehrere Studien haben gezeigt, dass die Theater den Städten wirtschaftlich mehr einbringen, als diese für sie zahlen. Aber die meisten Finanzpolitiker betrachten die Theater als reine Kostenfaktoren. Unserer Ansicht nach sollte ein freiberuflicher Künstler, der auch seine eigenen Sozialversicherungsbeiträge zahlen muss, mindestens 400 Euro pro Aufführung bekommen. Momentan fordert die GDBA 200 Euro pro Abend, der Bühnenverein bietet aber nur 110 Euro an.

Gewerkschaftlich organisiert sind in der Regel sowieso nur die Ensembles, Chöre und Orchester. Warum eigentlich?

Orchestermusiker und Chorsänger sind Teamplayer, Solisten gehen oft als Einzelgänger durch den Beruf. Sie stehen den Gewerkschaften misstrauisch gegenüber, auch weil die GDBA lange geschlafen hat. Deshalb verdient der Tuttigeiger im Orchester meistens deutlich mehr als die Sopranistin. Aktuell scheint sich aber manches zu bewegen. Neben Art but fair hat sich das Ensemble-Netzwerk gegründet, das sich bezeichnenderweise auch nicht als Gewerkschaft versteht.

Was ist das Ensemble-Netzwerk?

Es besteht aus festangestellten Schauspielern, Regisseuren und Dramaturgen, die zum ersten Mal versuchen, sich deutschlandweit zu vernetzen, um Arbeitsverhältnisse und Gagen zu vergleichen. Sie haben einen Forderungskatalog an den Bühnenverein erstellt, was sich alles ändern müsste, etwa die Partizipation am künstlerischen Prozess. Partizipation heißt dabei nicht, dass man den Regisseur abschafft.

Sondern?

Dass man einem erfahrenen Schauspieler durchaus zutrauen darf, eine eigene Position zu einem Stück zu äußern.

Der Schauspieler Shenja Lacher hat beklagt, dass im Theater nicht normal miteinander geredet werde.

Es wird ständig an uns herangetragen, dass man sich an deutschen Bühnen Sachen gefallen lassen muss, bei denen jeder normale Arbeitnehmer vor Gericht ziehen würde. Es gibt viele vernünftige Intendanten und Regisseure. Aber es gibt kaum eine öffentliche Organisation, die so viel Macht in einer Hand ballt wie die Theater. Wenn ein Intendant will, kann er in die Vollen greifen. Vielleicht hat Shenja Lacher zu lange an einem Haus gearbeitet, wo der Ton etwas rauer ist.

Das Argument lautet oft, dass Schauspieler dazu da seien, emotionale Grenzsituationen darzustellen und es deshalb in einer Theaterproduktion emotional nicht so geordnet zugehen kann wie bei der Herstellung eines Autos.

Diese Auffassung hat sich überholt. Ein Schauspieler muss nicht morden, um einen Mörder spielen zu können. Er hat das gelernt. Viele Regisseure entwickeln heute die Stücke schon partnerschaftlich mit den Schauspielern. Aber es gibt auch die anderen, die sagen: Ich weiß, wie das Stück geht, und du hast zu springen.

Art but fair fordert eine Art Gütesiegel für die Theater. Wie soll das funktionieren?

Die Kulturpolitik müsste den Mut haben, Geld nur noch an Theater und freie Projekte zu zahlen, bei denen die Arbeitsbedingungen fair sind und die Gagen angemessen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sich eine unabhängige Organisation entwickeln ließe, die ein Gütesiegel für faire Arbeitsbedingungen ausstellt. Bisher vertreten die Kulturpolitiker allerdings die Position, dass die Politik sich nicht einmischen darf und sich die Gagen in einem freien Markt selbst regulieren. Ich habe darüber auch schon öffentlich mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters gestritten, denn ich glaube, dass sich von selbst gar nichts regeln wird. Die Kulturpolitik müsste sich mit den Tarifpartnern, dem Bühnenverein und den Gewerkschaften, gerne auch mit uns und dem Ensemble-Netzwerk zusammensetzen und überlegen, wie man das deutsche Theatersystem im 21. Jahrhundert neu aufstellen kann und wie sich die Macht der Intendanten beschränken lässt.

Die Intendanten werden von Kulturpolitikern ausgewählt. Diese verlassen sich aber häufig auf Berufungskommissionen, die ihrerseits oft mit besonders einflussreichen Intendanten besetzt sind. Beißt sich da die Katze nicht in den Schwanz?

Deswegen kann ich mir gut vorstellen, dass die Ensembles in Zukunft ein Mitspracherecht bekommen. Sie bestehen aus Künstlern mit jahrelanger Berufserfahrung. Warum ist es unvorstellbar, sie zu fragen, wen sie als Intendanten haben möchten? Momentan ist das Gegenteil der Fall: Kommt ein neuer Intendant, wechselt oft das gesamte künstlerische Personal.

Fordert mehr Rechte für Künstler: Johannes Maria Schatz.

(Foto: )

Ein neuer Intendant möchte das künstlerische Profil seines Hauses formen.

Der Bühnenverein begründet das mit der Kunstfreiheit. Aber es ist Feudalismus pur. Man kann nicht ein ganzes Haus auf die Straße setzen, nur weil der neue Intendant der Ansicht ist, dass die Künstler nichts taugen.

Exakt diese Diskussion gab es um Igor Zelensky, den neuen Ballettdirektor der Bayerischen Staatsoper, der knapp der Hälfte der Tänzer gekündigt hat. Sein Vorgänger war 18 Jahre lang am Haus, in einem solchen Zeitraum entstehen Strukturen, die auf den jeweiligen Chef zugeschnitten sind. Kann ein neuer die so einfach für sich nutzbar machen?

Das kann doch jeder neue Unternehmenschef auch. Er kann auch nicht die ganze Crew auswechseln, nur weil sie nicht in seine Pläne passt. Natürlich kann es im Einzelfall angezeigt sein, getrennte künstlerische Wege zu gehen. Aber der Regelfall müsste sein, dass er zuerst einmal schaut, wie er mit dem bestehenden Ensemble zurechtkommt. Das Publikum einer Stadt hängt ja auch an seinen Künstlern.

Der beständige Austausch von Künstlern ist auch deshalb möglich, weil es viel zu viele gibt. Viele Intendanten beschäftigen hauptsächlich Studienabgänger, weil sie diesen auf jeden Fall nur die Mindestgage zahlen müssen. Warum werden überhaupt so viele Sänger, Schauspieler und Tänzer ausgebildet?

Gerade im Musical-, aber auch im Schauspielbereich schießen private Schulen wie Pilze aus dem Boden. Sie spielen mit den Träumen von jungen Menschen und lassen sich viel Geld für die Ausbildung zahlen. Am Ende produzieren sie aber nur arbeitslose Künstler. Die renommierte Hamburger Stage School beginnt in der Musicalausbildung mit neunzig Schülern pro Jahr, schleift sie zweieinhalb Jahre lang mit, um das Schulgeld zu bekommen. Im letzten Ausbildungsjahr werden die meisten dann hinausgeworfen, weil die Schule weiß, dass sie keine Chance auf dem Markt haben. Dann sind es aber immer noch dreißig Abgänger pro Jahr.

Wie wollen Sie das ändern? Wollen Sie Privatschulen verbieten?

Das nicht, aber ich wünsche mir, dass der Staat ein wacheres Auge darauf hat, wer wie ausbildet.

Sie fordern ziemlich viel von der Kulturpolitik.

Ich bin meiner politischen Grundeinstellung nach ein Liberaler und habe Eingriffe des Staates in den Markt immer abgelehnt. Aber im speziellen Fall der Kunst habe ich die Erfahrung machen müssen, dass es wohl nicht mehr anders geht, als dass irgendjemand Verantwortung für eine Neuregelung übernimmt. Das kann niemand anders sein als der Staat. Bisher haben es die Tarifpartner, also der Deutsche Bühnenverein und die Gewerkschaften, jedenfalls nicht hinbekommen.