Theater Ein heiteres Servus auf der Metaebene des Diskurses

Armin Petras, der scheidende Schauspielintendant in Stuttgart, verabschiedet sich mit Orwell und einer "Publikumsbeschimpfung".

Von Christine Dössel

Stuttgart und Armin Petras - das war keine Liebesbeziehung. Nach fünf Jahren als Schauspielintendant verlässt der 54-Jährige die baden-württembergische Landeshauptstadt wieder Richtung Berlin und Brandenburg, wo seine Frau und die drei Kinder leben. Sein Vertrag war bis 2021 verlängert worden, Petras geht aus "familiären Gründen". In den nächsten Jahren wird er frei arbeiten, in Düsseldorf, am Deutschen Theater Berlin und - als "artist in residence" - am Theater Bremen, weil er dort pro Spielzeit nicht nur ein Schauspiel, sondern auch eine Oper inszenieren darf. Das reizt ihn als Regisseur. Was ihn nicht reizt, und Petras' blaue Augen blitzen unterm Käppi, wenn er das sagt: die Berliner Volksbühne zu übernehmen. Gerüchteweise wird er ja immer noch als Kandidat gehandelt. Auch wenn - oder gerade weil - Petras' künstlerischer Direktor und langjähriger Weggefährte Klaus Dörr dort nun übergangsweise die Geschäfte führt. "Ich würde niemals Frank Castorf beerben wollen, auch nicht in zehn Jahren", beteuert Petras, der wie viele aus seiner Generation an Castorfs Volksbühne seine theatrale Sozialisation erfuhr. "Das wäre, als kehrte man auf seinen Spielplatz zurück." Von 2006 bis 2013 hat der Westdeutsche mit der Ost-Biografie - 1964 geboren im Sauerland, 1969 mit den Eltern in die DDR übergesiedelt - das Berliner Maxim-Gorki-Theater geleitet. Als er damals den Ruf nach Stuttgart annahm, fragten ihn alle, ob er verrückt sei. Petras, der nach einer "neuen Herausforderung" suchte, sagte öffentlich: "Stuttgart ist der fremdeste Ort auf der Welt, den ich mir vorstellen kann." Schon dieser Satz flog ihm in Stuttgart um die Ohren. Später kamen andere Vorwürfe: Er sei zu oft absent, lasse sich bei Premieren nicht blicken, mache zu viele Ko-Produktionen, die anderswo herauskommen, und überhaupt sei sein Theater zu sperrig, zu insidermäßig, zu sehr von Jungregisseuren wie Robert Borgmann, Martin Laberenz, Christopher Rüping dominiert, die sich nach Gusto austoben dürfen. Dass Petras aus Stuttgart gehasst und gescheitert geht, wie manche unken, lässt sich trotzdem nicht behaupten. Die Zuschauerzahlen haben sich konsolidiert - 80 Prozent Auslastung im Schauspielhaus, 93 in den kleineren Spielstätten vermeldet Petras stolz -, das Ensemble kann sich bundesweit sehen lassen, und die Stuttgarter wurden mit so mancher (auch regional orientierten) Erzählung befriedigt. Zuletzt hat Petras ihnen sogar ihren geliebten Ex-Intendanten Claus Peymann zurückgebracht, der "König Lear" inszenierte. Petras selbst rückt zum Abschied dem Publikum mit seinem Theater schier umarmungsselig auf die Pelle: wanzt sich ran, spricht es an, strahlt es an - übergriffig, übertourig, überschwänglich. Von wegen künstlerischer Hochmut! Von wegen Berührungsängste mit dem Schwabenland! Das fängt schon mit Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" in der Nebenspielstätte Nord an, wo Martin Laberenz, Jahrgang 1982, das skandalumwitterte Hyper-Theaterstück aus den Sechzigerjahren inszeniert hat. Und zwar als fröhliches Sit-in mit Impro-Einlagen und Popkonzert im Gedenken an die alten Zeiten: Studentenrevolte, Peymann, die berühmte Uraufführung 1966 am Frankfurter "Theater am Turm". Als man im und mit Theater noch etwas aufmischen konnte. Auf kleinen Fernsehbildschirmen am Bühnenrand sieht man Ausschnitte aus Peymanns Originalinszenierung mit einer Vierer-Boygroup im Beatles-Look. Faszinierend.

Das könnte die Jugend im Schwabenland begeistern: Szene aus „1984“ nach George Orwell mit Christian Friedel und Robert Kuchenbuch.

(Foto: Thomas Aurin)

Man würde gerne die ganze Aufzeichnung sehen. Es ist an diesem bunten Anti-Theaterabend ein bisschen wie in einem interaktiven Museum mit spielerisch pädagogischem Ansatz. Die Zuschauer, von den freundlichen Schauspielern in ihren lustigen Showkostümen ständig angesprochen und angespornt und zum eigentlichen Ereignis des Abends erklärt ("Sie sind im Brennpunkt!"), sitzen auf dem Boden oder später auch auf Stühlen und widmen sich mit geradezu theaterarchäologischem Interesse diesem Text, der einmal eine Provokation war. Weil er die gewohnten Abläufe des bürgerlichen Theaters - Vorhang, Bühne, Handlung, identifikatorisches Rollenspiel - total verweigert und im Sinne einer radikalen Unmittelbarkeit gegen Konventionen aufbegehrt, die es im postdramatischen Theater von heute längst nicht mehr gibt. Würden Laberenz und seine Schauspieler mit anderen, neuartigen Formen der Provokation dagegenhalten (können)?

Trotz einer bereits ausgehandelten Verlängerung seines Vertrags entschied sich Armin Petras, Jahrgang 1964, seine Intendanz am Schauspiel Stuttgart doch schon 2018 zu beenden

(Foto: imago/Lichtgut)

Nein, sie vollführen einen heiteren, sehr unterhaltsamen, aber auch grandios harmlosen Metaebenen-Diskurstanz, wobei sie sich immer wieder selber in ihren Anti-Illusionsbemühungen verheddern. So ist es eben im Theater: Da kommt keiner um ein Als-ob herum, und wenn er sich noch so sehr verweigert und zum Beispiel - wie der selbstgenüssliche Peter René Lüdicke - minutenlang nur ein Müsli löffelt.

Die Angst vor diesem Stück und dem, was es mit uns Zuschauern anstellen würde, war letztendlich sehr viel größer als die Schmäh- und Reibungsverlusthöhe in Laberenz' gut gelaunter Retro-Show. Vor der tatsächlichen Beschimpfung des Publikums am Ende des Stückes drückt sich der Regisseur, die kommt nur via Bildschirm aus der Uraufführung von 1966. Puh, noch mal davon gekommen. Darauf einen Wodka! Der wurde zuvor in Plastikgläschen verteilt und ist im Eintrittspreis inklusive. Auch in seiner eigenen Abschiedsinszenierung, einer Adaption von George Orwells dystopischem Zukunftsroman "1984", rückt Armin Petras dem Zuschauer zu Leibe, ohne ihm weh zu tun. Da dringen plötzlich der "große Bruder" Christian Friedel und sein glatzköpfiger Gedankenpolizist O'Brian (Wolfgang Michalek) ins Parkett und klettern röhrend durch die Reihen, einen phonstarken Power-Popsong singend. "Steht auf und hasst!", lautet die schmetternde Aufforderung. Lichter zucken, auch manche Zuschauer, vor lauter Schreck. Es ist sehr laut. Ein Paar und eine ältere Dame nehmen genervt Reißaus, andere sind schon in der Pause gegangen. Dabei hat Petras' Orwell-Adaption nun wirklich nicht das Zeug zum Aufreger, es sei denn, man ärgert sich über den allzu schlichten, das Geschehen so deutlich und auch ein wenig billig ausstellenden Jugendtheater-Impetus, mit dem der Regisseur - vor allem im ersten Teil - sehr hauruckartig zu Werke geht. Gegen Ende, bei den Folterszenen, wird es dann ernst und blutig. Aber sein Publikum zu verschrecken, hat der scheidende Intendant nicht im Sinn. Im Gegenteil, Petras ist im Versöhnungsmodus, er sagt, "1984" sei sein "Abschiedsgeschenk an die Stadt", deshalb habe er es als "Musical" konzipiert: "Ich möchte, dass da viele 16-Jährige reingehen." Die Inszenierung, eine Koproduktion mit dem Schauspielhaus Düsseldorf, ist tatsächlich ein richtig gutes Rockkonzert. Frontmann und diabolischer Master of Ceremony ist der Schauspieler Christian Friedel ("Das Weiße Band", "Georg Elser"), der mit seiner Band Woods of Birnam das Geschehen musikalisch vorantreibt und begleitet. Die Lieder aus der schönen neuen Welt hat er selber geschrieben, fulminante Rockballaden und ohrenbetäubende Einpeitschsongs, mal suggestiv-manipulativ, dann wieder heiß und fetzig. Petras hat Orwells neuerdings wieder viel gelesenes Buch über die Umwertung aller Wahrheiten und Werte in einem gnadenlosen Überwachungsstaat selber bearbeitet. Seine Fassung spielt in einer Zukunft, die beherrscht wird von Algorithmen, künstlicher Intelligenz, Big Data. Die Maschinen scheinen an der Macht zu sein, für soziales Wohlverhalten bekommt man "Likes" im "Faceheft", Tiere gibt es nur noch als Replikationen. Es ist der kritische Geist Winston Smith (Robert Kuchenbuch), der zum Gedankenverbrecher wird, weil er anfängt ein Buch zu schreiben. Er verliebt sich in Julia (Lea Ruckpaul), die hier eine juvenile "Traumdesignerin" ist. Auf Olaf Altmanns nachtschwarzer Bühne mit einer mächtigen Zylinderröhre in der Mitte toben die beiden ihre subversive Liebe eher gymnastisch aus. Anders als bei Orwell kommen sie am Ende wieder zusammen, und einer nimmt den anderen Huckepack. So versöhnlich verlässt Armin Petras Stuttgart.