Theater Drama, Baby!

Bei Shakespeare gab es definitiv noch Handlung und Charaktere: Der Schauspieler Christopher Nell als Hamlet in einer Leander-Haußmann-Inszenierung am Berliner Ensemble aus dem Jahr 2013.

(Foto: Stephanie Pilick/dpa)

Dem Theater fehlt es an Geschichten, an Figuren, an Charakteren. Dabei sehnen sich Publikum und Schauspieler doch danach.

Gastbeitrag von Moritz Rinke

Vor ein paar Jahren bin ich an das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig berufen worden, um ein Semester Drama zu lehren. Schon bei der Vorstellung der Seminarthemen befielen mich schreckliche Zweifel: Kann man überhaupt Drama lehren? Kann man, darf man Dramen überhaupt noch schreiben? Die Postdramatik, die ja das Ende von Dramenfiguren quasi wie mit dem Fallbeil verkündet hatte, geisterte noch immer durch manche Debatte. Die wenigen Stücke, die wirklich als Stücke mit Figuren zur Uraufführung kamen, wurden zu Well-Made-Plays erklärt, was im Gegensatz zu englischen Standards hierzulande nicht unbedingt als Kompliment zu werten war.

Ich hatte in Vorbereitung auf das erste Seminar alle theoretischen Schriften über das Drama gelesen: von Aristoteles, Lessing, Schiller, Goethe, von den Franzosen Corneille und Diderot, natürlich von Brecht, Dürrenmatt, Peter Szondi. Ich las sogar Adornos offenen Brief an Rolf Hochhuth, dazu Theoretisches von Handke, Heiner Müller oder Jelinek mit dem Titel "Ich schlage sozusagen mit der Axt drein". Als ich alles gelesen hatte, fragte ich mich, ob mir das bei der Lehre wohl helfen würde. Und ob ich jetzt, nach der Lektüre, selbst noch schreiben könne.

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Mein Literaturprofessor, bei dem ich als Student in Gießen das Seminar zur "Ästhetischen Theorie" von Adorno besuchte, konnte Adorno auswendig, jeden Adornosatz, Walter Benjamin auch: Kunstwerk, Ursprung, Aura, dazu Lukács, Romantheorie, alles. Als er dann seinen ersten Roman begann, wurde er angeblich in die Psychiatrie eingewiesen, seitdem möchte ich von ästhetischen oder literarischen Theorien lieber nichts mehr wissen.

Trotzdem sollte ich nun ein ganzes Semester lang Drama lehren, da musste irgendwas Lehrbares her, wenigstens Aristoteles mit seinen "sechs Elementen der Tragödie" könnte ich zitieren, dachte ich: "Handlung und Dramatische Situationen", "Charaktere", "Rede", "Gedanke", "Schau und Szenerie" und "Gesang und Musik" - mit diesen "sechs Elementen" würde ich beginnen.

Die Postdramengläubigen gegen die Dramengläubigen

Wie allerdings auf Drama-Studenten reagieren, die mir erklären, dass die "sechs Elemente" ziemlich retro seien, und dass man heute Theater ohne "Handlung" mache, ohne "Charaktere", ohne "Rede", eigentlich ohne alles?

Vielleicht, dachte ich, müsste ich im Seminar eine Art Glaubenskrieg ausrufen: die Postdramengläubigen gegen die Dramengläubigen! Wie bei Luther, Zwingli, Calvin und den Protestanten, deren Streit um die Frage, ob beim Abendmahl Christus real anwesend sei, schließlich ja sogar in den Hugenottenkriegen endete, in der Bartholomäusnacht ...

An diese erbitterten Kämpfe unter den reformierten Hugenotten musste ich denken, als ich in der Vorbereitung des neuen Berliner Ensembles ein Autoren-Programm nach dem Vorbild des National Theatre in London entwerfen sollte. Ich bin viel ins Kino und in Autorenlesungen gegangen. Jedes Mal, wenn ich aus guten Filmen oder Lesungen wieder herauskam, ging es wieder zurück in den Theaterbetrieb und in den fünftausendsten "Sommernachtstraum", ins "Käthchen von Heilbronn", den "Faust", den "Kirschgarten".

Alles tolle Stücke, die ich bewundere, aber wenn es das Kino so machen würde wie die Theaterleute, dann sähen wir wahrscheinlich immer nur noch denselben Film!

Dass viele Theatergänger offenbar immer noch nicht das Gefühl haben, ständig denselben Film zu sehen, hat mit dem deutschen Regiewunder zu tun. Das deutschsprachige Theater ist reich an wundervollen Regisseuren, deren spezielle Ästhetik wir lieben, und die ihnen schon einigen Theaterruhm eingebracht hat. Wir lieben auch das Wiedererkennbare ihrer Handschrift, bis wir ihrer eines Tages überdrüssig werden, aber dann kommen neue mit neuen Handschriften.

Wir lieben vor allem die Gabe dieser Regisseure, in alten Texten die Gegenwart aufscheinen zu lassen, entweder durch die Schauspieler, deren Präsenz und heutiger Körpergestus in Spannung zu den alten Texten steht. Oder durch Bearbeitungen der alten Texte, durch die mittlerweile gängige Doppelberufung des "Dramasseurs", durch Um- oder Überschreibungen.

Manchmal gibt es auch allerlei herangeschleppte Einfälle, um die Zuschauer mit der Brechstange vom alten Text in die Gegenwart zu stoßen, aber im Großen und Ganzen ist es ein immerwährendes und endloses Fest, das die Regisseure mit den alten Dramatikern feiern. Und die Leistung der Regie bemisst sich dabei in aller Regel an der Sichtbarmachung des Dazugekommenen, an dem erkennbaren Abstand zwischen der als bekannt vorausgesetzten Vorlage und deren formaler oder inhaltlicher Veränderung. Die Regieleistung bemisst sich im Wagemut des Regisseurs, wie ein schwindelfreier Restaurator unter dem Kuppelbau der alten Stücke herumzuturnen und dabei aber zugleich neue Nuancen unter der alten Fassade freizulegen.