Theater Diese Inszenierungen fahren zum Berliner Theatertreffen

Das Burgtheater ist mit "Die Welt im Rücken" vertreten, Jan Bosses Umsetzung des Krankheitsromans von Thomas Melle mit Joachim Meyerhoff in der Hauptrolle.

(Foto: Reinhard Maximilian Werner)

Frank Castorfs großartiger Abschied aus der alten Volksbühne ist noch einmal zu sehen. Von den Münchner Kammerspielen hat die siebenköpfige Jury zwei Produktionen ausgewählt.

Von Christine Dössel

Große Freude: Frank Castorfs "Faust", seine vorletzte Inszenierung als Intendant der Berliner Volksbühne, ist zum 55. Theatertreffen eingeladen. Damit erhält diese schauspielerisch wie interpretatorisch fulminante, ja geradezu epochale Produktion die Chance, aus dem Orkus hervorgeholt und noch einmal - beziehungsweise: endlich - gesehen zu werden. Seit im vergangenen Sommer Chris Dercon die Volksbühne übernommen hat, sind die Inszenierungen aus der Castorf-Ära ja allesamt weg. Bei der Wiederaufführung im Mai wird Castorfs "Faust", diese umfassende Auseinandersetzung mit dem französischen Kolonialismus auf Goethes Spuren, im Haus der Berliner Festspiele gezeigt. Die Volksbühne kommt dafür unter dem neuen Hausherrn nicht infrage. Obwohl man dort gewiss Kapazitäten frei gehabt hätte. Dercons Spielplan ist mager, und von seinen wenigen Eigenproduktionen ist keine zum Theatertreffen eingeladen, auch nicht "Women in Trouble" von Susanne Kennedy.

Es sind die zehn "bemerkenswertesten" deutschsprachigen Inszenierungen, die eine siebenköpfige Jury jedes Jahr zum Berliner Theatertreffen nominiert. Die Einladungen bilden Trends und Ästhetiken ab, bestimmen Karrieren. Aber sie sind natürlich auch anfechtbar und oft nicht nachzuvollziehen. Dass die Münchner Kammerspiele gleich mit zwei Arbeiten eingeladen wurden, ist, gelinde gesagt, erstaunlich und in der Gesamtschau nicht wirklich gerechtfertigt. Erwählt wurden Christopher Rüpings Brecht-Rekonstruktion "Trommeln in der Nacht" und die Inszenierung "Mittelreich" von Anta Helena Recke, die eine exakte Kopie jener "Mittelreich"-Uraufführung von 2015 ist (nach dem Buch von Josef Bierbichler), die auch damals schon zum Theatertreffen kam. Nur dass in dem Remake alle Beteiligten schwarz sind. Was einmal eingeladen war, muss wieder eingeladen werden? Wohl eher nimmt diese Schwarzkopie im Tableau die Diskurs-Position ein. Stichwort: Whiteness, Appropriation Art, struktureller Rassismus.

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Endlich ist der Bann gegen Thomas Ostermeier aufgehoben

Aber zurück nach Berlin, von wo noch zwei bemerkenswerte Arbeiten kommen: Das Extremkünstlerduo Vegard Vinge und Ida Müller ist mit seinem "Nationaltheater Reinickendorf" nominiert, das es voriges Jahr in einer Lagerhalle erbaut und bespielt hat - exzessives Totaltheater, von der Jury als "Gesamtkunstwerk der Besessenheit" beschrieben. Außerdem kommt von der Schaubühne Thomas Ostermeiers Adaption von Didier Eribons Rechtsruck-Buch "Rückkehr nach Reims". Womit endlich der Ostermeier-Bann aufgehoben wäre, den die Theatertreffen-Jurys über mehr als zehn Jahre verhängt zu haben schienen. Auch die Nominierung von Falk Richters Uraufführung "Am Königsweg", dem Trump-Stück von Elfriede Jelinek am Schauspielhaus Hamburg, geht trotz massivsten Bilderbeschusses sehr in Ordnung. Außerdem aus Hamburg (Thalia Theater): "Die Odyssee", inszeniert vom Theaterbudenzauberer Antú Romero Nunes.

Das Burgtheater ist mit "Die Welt im Rücken" vertreten, Jan Bosses Umsetzung des Krankheitsromans von Thomas Melle. Aus der Schweiz kommt Ulrich Rasches düster wortopernsoghafter "Woyzeck", choreografiert auf einer monumentalen Scheibe (Theater Basel) sowie "Beute Frauen Krieg" vom Schauspielhaus Zürich: eine Arbeit, in der Karin Henkel den Trojanischen Krieg aus weiblicher Sicht erzählt. Womit wenigstens ein paar Frauen zu Wort kommen. Die sind mal wieder unterrepräsentiert.

Und die Provinz ist erst gar nicht vertreten.

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