Theater Die wahren Ungeheuer sind im Kopf

Nicholas Ofczarek (vorne) füllt die Rolle des gewalttätigen Polizisten Johnson gekonnt aus. Ebenso versiert: August Diel als mutmaßlicher Vergewaltiger.

(Foto: Bernd Uhlig)

Andrea Breth hat für das Wiener Burgtheater den Bühnenschocker "Diese Geschichte von Ihnen" ausgegraben.

Von Wolfgang Kralicek

Sergeant Johnson ist ein Bad Cop. 20 Jahre Polizeiarbeit haben ihn kaputtgemacht. Er trinkt zu viel, er schlägt seine Frau, und letzte Nacht hat er einen mutmaßlichen Kinderschänder im Verhör so hart rangenommen, dass der Verdächtige es nicht überlebt hat. "Diese Geschichte von Ihnen" (1968) ist einer der englischen Bühnenschocker, die in den Sechzigerjahren Furore machten. Autor John Hopkins (1931 bis 1998) hat vor allem Drehbücher für BBC-Serien und Kinofilme geschrieben; unter anderem war er am Skript des Bond-Films "Feuerball" beteiligt. "This Story of Yours" ist sein erstes Theaterstück, unter dem Titel "The Offence" hat Sidney Lumet es 1973, mit Sean Connery als Sergeant Johnson, verfilmt.

In der deutschsprachigen Erstaufführung, 1969 in Stuttgart, spielte Traugott Buhre die Hauptrolle, die Inszenierung (Regie: Peter Palitzsch) wurde zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Dass das Stück in Vergessenheit geriet, liegt einerseits daran, dass der Bühnenrealismus der Sixties zwischendurch aus der Mode kam. Andererseits ist es aber auch eine Zumutung von einem Drama, eine Herausforderung für Theatermacher und Publikum. Jeder der drei Akte dauert ungefähr eine Stunde, das ergibt schon einmal einen ziemlich langen Abend. Dazu kommt, dass physische Gewalt auf der Bühne immer schwierig ist und die Schauspieler auch sonst stark gefordert werden.

Ofczarek spielt das monströse Wrack so schonungslos, dass man den Mann irgendwie versteht

Im Wiener Akademietheater, der intimen Zweitbühne des Burgtheaters, hat Andrea Breth das Stück nun aus der Versenkung geholt. Zwischen Werken aus dem klassischen Kanon inszeniert Breth gern auch mal ein hartes Well-made Play; die dafür nötige Präzision hat sie ja. Den Bad Sergeant spielt Nicholas Ofczarek, und es gibt derzeit nur wenige Schauspieler, die für diese Rolle besser geeignet wären. Er bringt nicht nur die spieltechnischen Voraussetzungen mit, sondern auch die gefährliche Präsenz purer physischer Gewalt und den Mut zum Ekelhaften. Ofczarek spielt das monströse Wrack so schonungslos, dass man den Mann zwar irgendwie versteht - aber trotzdem nicht mit ihm mitfühlen mag.

Für den Hauptdarsteller ist das Stück Schwerarbeit, Johnson steht die gesamten drei Stunden Spielzeit auf der Bühne, in jedem Akt mit einem anderen Partner. Wenn das Stück beginnt, ist das Unglück gerade erst passiert, Johnson kommt mitten in der Nacht nach Hause. Die Bühne (Martin Zehetgruber) ist ein spießiges 60er-Jahre-Wohnzimmer im Breitwandformat; der hellbraune Wandverbau ist mit Nippesfiguren bestückt.

Obwohl der Sergeant offenbar bereits hackedicht ist, kippt er einen großen Whiskey nach dem anderen. Seine Frau Maureen kommt im Morgenmantel und mit Lockenwicklern aus dem Schlafzimmer; Andrea Clausen spielt sie als erloschene Frau, die schon so oft verletzt wurde, dass es nicht einmal mehr wehtut. Sie will mit ihm reden, doch anstelle eines Gesprächs entwickelt sich zunächst nur eine Rangelei. Es fliegen Gläser, Aschenbecher und Schallplatten, sie verpasst ihm eine Ohrfeige, und er schlägt so heftig zurück, dass sie kurz das Bewusstsein verliert. Als der Mann dann doch zu reden beginnt und von den traumatischen Tatorterlebnissen berichtet, die er nicht aus dem Kopf kriegt, muss sie gleich einmal kotzen. Szenen einer kaputten Ehe.

Zweiter Akt: Auf dem Polizeirevier, das offenbar gerade im Umbau ist - unverputzte Isoplatten, Plastikfolie -, wird Johnson vom höherrangigen Officer Cartwright (Roland Koch) zu dem Vorfall befragt. Im stockenden Gespräch mit dem eitlen und selbstgerechten Vorgesetzten wird immer deutlicher, dass Johnson nicht bloß ein überforderter Cop ist. Was mit dem Mann eigentlich los ist, zeigt sich aber erst im dritten Akt, in dem endlich die Szene nachgeliefert wird, um die sich alles dreht: das Verhör von Baxter (August Diehl), dem mutmaßlichen Vergewaltiger von vier sehr jungen Mädchen. Er leugnet zwar kategorisch, aber dass er der Täter ist, erscheint recht offensichtlich. Diehl wirkt dünnhäutig und blass wie ein Gespenst und balanciert die Figur so gespenstisch gut zwischen Aggression und Verzweiflung, dass ihr alles zuzutrauen ist. Aber: Ob er's war, ist gar nicht die Frage. Der Täter, um den es hier geht, ist Johnson. Der Sergeant versucht es erst auf die nette Tour, greift aber bald zu nackter Gewalt. Der gefolterte Baxter windet sich vor Schmerzen, schreit um Hilfe, winselt um Gnade. Und doch hat er Johnsons wunden Punkt erkannt: Der Cop wird selbst von abgründigen Fantasien gepeinigt.

Breth verzichtet darauf, die Mordszene - wie vom Autor vorgesehen - mit weiblichen Orgasmusschreien zu unterlegen, das war ihr wohl zu platt. Und man kapiert auch so, dass Johnson mit Baxter zugleich das Ungeheuer töten will, das in seinem Kopf steckt. Anders als das Publikum weiß er noch nicht, dass das nicht funktionieren wird. Und erlöse uns von dem Bösen? Nicht an diesem Abend, nicht in diesem kühlen Stück Theater der Grausamkeit.