Theater Die Volksbühne atmet mehr den Geist eines Museums als den eines Theaters

Spröde Lippen? Nur der geschminkte Mund der Schauspielerin Anne Tismer ist während der Theaterperformance mit Einaktern von Samuel Beckett und Arbeiten von Tino Sehgal in der Volksbühne in Berlin zu sehen.

(Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Am ersten Wochenende unter dem umstrittenen Intendanten Chris Dercon werden die letzten Castorf-Geister ausgeräuchert - sehr minimalistisch, installativ und spröde.

Von Christine Dössel

Das Beste kommt noch", heißt es in Samuel Becketts Minidrama "He, Joe". Es ist die Stimme des Optimismus, die da spricht, ein urmenschlicher Grundton - die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Aber: Sie stirbt. "Du hast das Beste gehabt", heißt es denn auch am Ende der bitteren Lebensabrechnung, der sich Becketts Joe in einer Art innerem Monolog stellt. Und exakt das ist auch das Gefühl, das sich an diesem umfänglichen Theater-Eröffnungswochenende in der Berliner Volksbühne mit zunehmender Ernüchterung beim Zuschauer einstellt: Wir haben das Beste längst schon gehabt.

Die fragwürdige Entscheidung, das Haus nach der epochalen Ära von Frank Castorf und den Seinen an den Museumsdirektor Chris Dercon zu vergeben, ist bis zum Umfallen diskutiert worden. Der Kulturkampf, der darum tobt, ist noch nicht ausgestanden. Daher war es höchste Zeit, dass die Neuen mal richtig anfangen - und zwar endlich im Stammhaus am Rosa-Luxemburg-Platz, dieser großartigen Trutzburg der Theaterkunst, und nicht nur, wie bisher, auf dem Flugfeld Tempelhof. Dass sie dies erst im November tun, ist ohnehin fahrlässig spät. Welche Bühne kann sich einen so langen Stillstand erlauben?

Man läuft an diesem Abend wie auf einer Vernissage herum und macht Smalltalk

Umso größer waren die Erwartungen. Nach all den Attacken und Vorverurteilungen würden sich Chris Dercon und seine Programmdirektorin Marietta Piekenbrock doch gewiss nicht lumpen lassen. Jetzt würden sie es allen zeigen! So die Hoffnung, die wie gewöhnlich zuletzt stirbt. Aber sie stirbt. Der erste Eindruck nach drei Einaktern von Samuel Beckett und diversen "Interaktionen" von Tino Sehgal: Die Volksbühne atmet an diesem Abend, man wagt es kaum hinzuschreiben, tatsächlich mehr den Geist eines Museums als den eines Theaters.

Das ist schon alles sehr minimalistisch, installativ und spröde, irgendwie auch asketisch-esoterisch. Und wahnsinnig konzeptlastig. Wo bleibt die Sinnenfreude? Wo die Leidenschaft, die Lust? Von der Grundstimmung her hatte diese seltsam unfrohe, von dezent sich zurückhaltenden Polizisten bewachte Theatereröffnung etwas von einer Geisterbeschwörung - und von einer Geisteraustreibung. Die letzten Castorf-Gespenster sollten ausgeräuchert, neue Götter gerufen werden.

Am Anfang laute, peitschende Elektro-Beats zu flackernden Lampen und Lichtern: die Geisterburg als Rockschuppen. Im großen Theatersaal, aus dem die metallisch hämmernde Live-Musik kommt (Soundkomposition: Ari Benjamin Meyers, Konzept: Tino Sehgal), ist die Bestuhlung abgebaut wie zuletzt zu Bert Neumanns Zeiten selig. Die Zuschauer pflanzen sich auf den Boden und staunen nicht schlecht über die Beeindruckungsnummer, die nun beginnt. Scheinwerferbatterien machen flackernd auf Disco, Lichtbalken erstrahlen, Hubpodien fahren rauf und runter - da sage noch einer, die Gewerke hätten unter dem Gastspiel-Einkäufer Dercon nichts zu tun!

Auf dem Höhepunkt der Technik-Show fährt der imposante Lüster im Zuschauerraum langsam von der Decke herab wie ein blinkendes Ufo. Aber nein, es springen keine grünen Männchen heraus und auch keine Theaterfunken über - es ist jetzt erst mal nur Pause. Zeit, sich in den Foyers die Arbeiten von Tino Sehgal anzusehen.

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Die gezeigten Sehgal-Arbeiten sind alle älter

Der deutsch-britische Künstler Sehgal ist ein Darling der internationalen Kunstszene mit ganz hohem Marktwert. Seine Kunst ist flüchtig, er erzeugt Dynamiken in Räumen, bringt Menschen in "Situationen" zusammen. Im Sternfoyer der Volksbühne werden die Zuschauer von einzelnen Sehgal-Jüngern gebeten, mit ihnen über Marktwirtschaft zu diskutieren. Man erhalte dann zwanzig Prozent des Eintrittspreises zurück. Es ist dies eine ältere Performance Seghals mit dem Titel "This is exchange" (2003). Überhaupt sind die gezeigten Sehgal-Arbeiten alle schon älter, die Berliner kennen die meisten aus einer Retrospektive im Martin-Gropius-Bau.

"Ann Lee" zum Beispiel, aufgeführt im linken Seitenfoyer vor einer Videoinstallation von Philippe Parreno, stammt aus dem Jahr 2011. Ein superdünnes Mädchen bewegt sich mit somnambuler Gestik wie eine zum Leben erweckte Manga-Figur und erzählt von seiner Menschwerdung. Doch man versteht nichts, die Worte gehen unter im allgemeinen Gebrabbel und Getümmel. Es ist an diesem Abend nun mal wie auf einer Vernissage, wo die Menschen mit einem Getränk in der Hand durch die Räume wandeln und Smalltalk machen. Die Kunst: eher Nebensache. Zumal Sehgals Konfrontationen, herausgerissen aus dem White Cube des Museums, kaum noch Intimität und Irritation erzeugen.

Der ganze Abend? Eine Fehlzündung.

Man hastet weiter, immer in dem Gefühl, in einer anderen Ecke etwas zu verpassen. Aber dem ist nicht so. Geboten wird nämlich gar nicht viel. Ohnehin stellen sich alle rechtzeitig an, um im großen Theatersaal, der inzwischen bestuhlt wurde, einen guten Platz für die Beckett-Einakter zu bekommen. Endlich nun also: Theater.

Was Beckett in den gezeigten Minidramen betreibt, ist allerdings eher eine Auflösung von Theater oder dessen strenge Rückführung auf Elementares: Raum, Stimme, Sprache, Körper, Licht. Die absolute Reduktion. Nach den Exzessen des Castorf-Theaters, nach all den Bilderstürmen, Tollheiten und Kreischanfällen nun das komplette Gegenprogramm. Alles runterfahren auf Null und ganz klein von vorn anfangen - das mag der Grundgedanke der neuen Leitung gewesen sein. Tabula rasa.

Hatten sie beim Techno-Beat-Intro noch demonstriert, was die gigantische Bühne alles kann, ist bei Becketts "Nicht ich" nur ein Mund zu sehen, der rote Mund der Schauspielerin Anne Tismer, der aus dem Dunkeln hervorsticht und spricht. Sonst nichts. Das ist auf dieser Riesenbühne durchaus eine Provokation, stellt sich aber, wie der ganze Abend, als Fehlzündung heraus. Der minimalistische Beckett ist hier viel zu groß dimensioniert. Es fehlt die Intimität, die Konzentration. Der Raum schluckt viel von der Sprache, jeder Huster stört.

Der Mund ist für alle, die keine Adleraugen haben, nur ein roter Leuchtpunkt. Anne Tismer bewegt ihn ungeheuer schnell, spricht mit hektischer, mädchenhafter, manchmal schrill hochfahrender Stimme. Sie tut das sehr gewandt. Es ist der Wortschwall einer leidgeprüften alten Frau, die sich durch ihr manisches Sprechen ihrer Existenz vergewissert. Sie spricht über sich in der dritten Person Singular, ein Wesen, dessen Ich-Verlorenheit es mit Tino Sehgals Ann Lee verbindet. Es gibt da durchaus Querverbindungen.

Dann "Tritte", eine von Beckett minutiös getaktete Wort-Schritt-Abfolge einer Frau, Mary, die im Dialog mit ihrer alten Mutter ihren beengten Lebenskosmos ausschreitet und am Ende buchstäblich erlischt. Jetzt sieht man Anne Tismer in voller Gestalt auf der dunklen Bühne. Sie trägt ein langes weißes Kleid wie eine Ahnfrau, hat die Hände vor der Brust gekreuzt und spricht, wenn sie gebeugt ihre jeweils neun Schritte nach rechts und nach links macht, mit verstellter Gruselstimme den Text der Mutter gleich mit.

Beckett als erster großer Meister der Moderne im Volksbühnen-Museum?

Schließlich "He, Joe", von Beckett 1965 als Fernsehspiel konzipiert. Ein Mann allein in einem Raum, angesprochen von einer Stimme (wieder die von Anne Tismer, jetzt suggestiv-sirenenhaft), die ihm das tragische Ende einer vergangenen Liebe in Erinnerung ruft. Der alte dänische Schauspieler Morten Grunwald ("Die Olsenbande") sitzt im Dunklen auf einem Stuhl und lauscht der Stimme, während die Kamera sein zerfurchtes Gesicht immer näher heranzoomt bis zur Großaufnahme. Zuckte er anfangs gerade mal mit der Wimper, schlägt er am Ende die Hände dramatisch vors Gesicht. Mensch, Joe!

Der 76-jährige Walter Asmus, der die drei Dramolette inszeniert hat, war mal Assistent von Beckett und hat sich als Regisseur dessen Werk verschrieben. Er erlaubt sich kleine Abweichungen, aber seine Umsetzung dient weniger der Verlebendigung als der feierlichen Rekonstruktion: Beckett als erster großer Meister der Moderne im Volksbühnen-Museum. Nur was sollen wir da mit ihm?

Am Ende der spiritistischen Beckett-Beschwörung strömen singende Menschen herein, um den Zuschauern die Schalenstühle wegzuziehen. Sehgal-Performer, eine ganze Schar. Ihr freundlicher A-cappella-Singsang hat etwas Erweckungskirchliches. Sie schwärmen aus auf die freigeräumte Bühne, schauen einem ins Gesicht, erzählen kurze Geschichten, rennen wieder davon. Das geht ziemlich lange so. "These Associations" heißt diese Arbeit Tino Sehgals, uraufgeführt 2012 in der Turbinenhalle der Tate Modern. Deren Direktor damals hieß Chris Dercon.

Was im Londoner Museum ein Hit war, wirkt im Theaterzusammenhang schal und bemüht. Empathie oder gar Euphorie kommt jedenfalls nicht auf an diesem Eröffnungswochenende. Aber Enttäuschung und Sorge. Der Beckett-Dreier wird bis Ende Dezember noch drei Mal gezeigt.

Ansonsten ist im Großen Haus vorerst nicht viel geboten, nur Lesungen, Konzerte, ein paar Filme. An sieben Tagen im November hat es ganz zu. Nur im Roten Salon gibt es regelmäßig kleine Programmformate. Am Samstag wurde auch der Grüne Salon wiedereröffnet, den künftig das Künstlerduo Calla Henkel und Max Pitegoff bespielen wird. Ob das Beste vielleicht doch noch kommt? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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