Theater Der Mensch als Nomade

Zwei Frauen im dunklen Papier-Blätterwald: Julia Schmidt (links) und Susanne Abelein.

(Foto: Kai Wido Meyer)

Eine kluge Annäherung an Gertrude Steins "The Making of Americans" im Pathos-Theater

Von Sabine Leucht

Vor einem Planwagenzelt liegt eine grün gekleidete Frau. Drei Metronome ticken auf ihrem Bauch, ein paar weitere um sie herum und auf den Plätzen, zwischen denen sich die Zuschauer im Schwere Reiter verteilen. Auf Einladung des Pathos zu Gast ist eine so fordernde wie kluge Annäherung an ein zweifaches Phänomen: An Gertrude Stein, die wohl "berühmteste ungelesene Autorin" der literarischen Moderne. Und an die Seele der Amerikaner, die Stein in ihrem Roman "The Making of Americans" so beharrlich umkreist, dass sie selbst beschloss, ein Buch "über alle und alles" geschrieben zu haben, das das gesamte Sein des Menschen erklärt. Und dieser Mensch ist ein Nomade. Stein schildert auf rund 1000 Seiten in gegenläufiger Richtung zu heutigen Migrationsbewegungen den Auszug der Europäer in die Neue Welt. Die Perspektivlosigkeit wohnte, man vergisst es leicht, im 19. Jahrhundert auf anderen Kontinenten als heute.

Der Schweizer Marcel Schwald, der bereits mit seinem Diskussionsformat "Host-Club" in München war, und seine Darstellerinnen Ariane Andereggen, Susanne Abelein und Julia Schmidt haben sich mit Getrude Steins als Familiensaga verkleideter Menschheits-Erklärmaschine in eineinhalbjähriger Residenz am Züricher Theater Winkelwiese befasst. In einem Töpfer-Workshop entstanden Eigenschafts-Skulpturen, an der Kaserne Basel eine 62-stündige Lesung aus 100 Mündern.

Letztlich auf die Bühne gefunden hat ein herrlich respektloser historisch-kritischer Prolog über das Phänomen Gertrude Stein, der ihre Vorliebe für das "present progressive" beleuchtet und ihr nicht nur darin "eine gewisse Beharrlichkeit" attestiert. Der von Ariane Andereggen performte Text unterschlägt weder die analytische und literarische Kraft noch die Eitelkeit der Stein oder die blinden Flecken, die ihre Zeit (1874-1946) ihr bescherte: "Einspruch, Frau Stein! Haben Sie da nicht den Genozid an den "native americans" und die ganze Sklaverei ausgelassen?" Ästhetisch bedient sich die Performance aus der Schweiz am Nachdrücklichkeits-Gestus des pädagogischen Kindertheaters, kippt ins Fast-Hysterische, wo das Material sich als besonders hermetisch erweist, glänzt aber auch mit beiläufig platziertem Witz. So wird etwa ein "O-Ton Stein" verbreitender Kassettenrekorder wie ein Weihrauchfass geschwenkt. Danach spuckt eine lampenartige Installation aus zwölf Druckern Papier auf die Bühne und zwei betont unkleidsam gewandete Frauen mit Fönfrisuren servieren eine auf etwa ein Fünfzigstel reduzierte Roman-Essenz.

Eine der beiden Frauen hält in ihrer linken Hand ein Weinglas mit einem bläulichen Licht darin. Die andere formt Inseln aus dem Papier, die sie erneut mit Metronomen bestückt. Das Setting ist extrem reduziert. Dafür dringt ungehindert durch, wie penetrant Gertrude Stein Indefinitpronomen aneinanderreiht und warum sie "das Sein und Tun" ihrer Figuren von außen wie innen beschreibt: "Jeder", heißt es da etwa, "ist er selbst in seinem Inneren und jeder ist anderen ähnlich."