Theater Danke, aufgeklärt sind wir schon

Enthüller ohne Botschaft: Nicolas Stemann inszeniert an der Berliner Schaubühne die gefeierte dänische Fernsehserie "Borgen" - aber nur um vorzuführen, dass man ihr nicht glauben kann.

Von Mounia Meiborg

Die Washington Post nannte "Borgen" einmal die beste Polit-Serie aller Zeiten. Das ist, wenn überhaupt, nur leicht übertrieben. Die dänische Fernsehserie erzählt von einer sympathischen Politikerin, Birgitte Nyborg, die durch einen überraschenden Wahlsieg Premierministerin wird. Sie, die anfangs mit dem Rad zur Arbeit fährt, sitzt bald mit starrer Miene auf dem Rücksitz ihres Dienstwagens. Die erste Intrige gegen den politischen Gegner schlägt sie noch aus. Die zweite nicht.

Die Entwicklung der Protagonistin hat einen unwiderstehlichen Sog: Kann sie ihr Versprechen einer menschlicheren Politik in einem knallharten System einhalten? Wie viele Kompromisse kann man eingehen, ohne seine Ideale zu verraten? Und wie vertragen sich 16-Stunden-Arbeitstage mit der Rolle als Ehefrau und Mutter?

Zwei Staffeln lang kann man in dreißig Folgen beobachten, wie Macht einen Menschen verändert; wie die Person nach und nach mit dem Amt verschmilzt. Das unterscheidet "Borgen" von einer Serie wie zum Beispiel "House of Cards", bei der nach vierzig Sekunden klar ist, wie rücksichtslos der Protagonist ist.

Der Theaterregisseur Nicolas Stemann hat "Borgen" nun an der Berliner Schaubühne inszeniert - und wird zum Spielverderber. Die Geschichte der idealistischen Politikerin hält er, wie er vorab in Interviews erklärte, für ein Märchen. Knapp vier Stunden lang versucht er mit großem Aufwand und noch größerem aufklärerischem Gestus, sie zu widerlegen.

Die Schauspieler kommentieren das Geschehen, den Text liefert der Teleprompter

Stemanns Theaterrequisiten sind die üblichen. Ein Tisch. Textbücher. Mikrofone und Bildschirme (Bühne: Katrin Nottrodt). Vier Schauspieler mit Mikroports übernehmen zwei Dutzend Rollen. Die Handlung wird im Fast forward-Modus erzählt. Birgitte Nyborg versucht nach der Wahl, eine Mehrheit für eine Regierung zusammenzukriegen. Bei Stephanie Eidt ist sie eine leere Hülle, eine Frau ohne Eigenschaften, der man die humanitären Grundsätze erst eintrichtern muss. Das übernimmt ihr Spin-Doktor (Tilman Strauß), der zugleich als jovialer Moderator - "Hat das Spaß gemacht, oder was?" - durch den Abend führt. Und die ehrgeizige junge Fernsehjournalistin aus der Serie (Regine Zimmermann) ist hier ein emotionales Wrack, dem man keine Wettervorhersage und schon gar keine Wahlkampfdebatte anvertrauen würde. Das Ganze erinnert an die "Homeland"-Parodie der US-Comedy-Show "Saturday Night live", dauert aber deutlich länger. Die Botschaft ist eindeutig: Liebe Zuschauer, glaubt der Serie kein Wort, "Borgen" ist auch nur ein Unterhaltungsprodukt! Eigentlich funktioniert Politik ganz anders.

Bei der erstbesten Gelegenheit steigen die Schauspieler dann auch aus der Handlung aus und liefern Kommentare, Gedanken und Fußnoten zum Geschehen. Ralf Bönts Buch "Das entehrte Geschlecht" wird erwähnt, demzufolge Männer es heute schwerer haben als Frauen. Ein Arbeiter-Chor in Blaumännern zitiert den angeblichen Ausspruch von Gerhard Schröder, er brauche zum Regieren nur "Bild, BamS und Glotze". Und der Frieden, den die dänische Politikerin zwischen Nord- und Südsudan vermittelt, wird mit den Worten kommentiert: "Es braucht also eine weiße Frau, um in Afrika Frieden zu stiften?"

Die Fragen der Repräsentanz, die Nicolas Stemann in seinen Inszenierungen immer wieder beschäftigen, lassen sich in der Politik natürlich ebenso stellen wie im Theater. In einer Demokratie ist die Tatsache, dass ein Politiker für sein Volk spricht, immerhin durch eine Wahl legitimiert. Aber Stemann und sein Team scheinen tiefes Misstrauen gegenüber der demokratischen Mediengesellschaft zu haben. Wahlen sind hier nur ein Gradmesser dafür, wer die beste Selbstinszenierung hinlegt.

Die Darsteller hantieren mit Handys und Selfie-Sticks, Nebelmaschinen und Kunstschnee. Sie kommentieren die Tagespolitik, führen Pappschilder vor und stellen Fragen: "Kann man aus den falschen Gründen das Richtige tun?" Auf einem Teleprompter läuft der Text des Abends. Politiker, Berater, Journalisten - sie alle sind nur Schauspieler, die einem vorgegebenen Skript folgen. Das ist vielleicht keine völlig falsche Diagnose. Jürgen Leinemann etwa hat in seinem Buch "Höhenrausch" beschrieben, wie wichtig mediale Inszenierungen für Politiker sind. Aber so wie es hier gezeigt wird, ist es doch arg schlicht - und weist erstaunliche Parallelen zu Verschwörungstheorien und rechtspopulistischen Parolen auf. Auch bei Pegida gehört es zum guten Ton, Politiker als Marionetten zu bezeichnen.

Die Schauspieler sind in dem Rollengewusel viel beschäftigt und doch unterfordert. Tilman Strauß lässt Birgitte Nyborgs achtjährigen Sohn Klassenkampf-Parolen sprechen ("Du Mama, der Kapitalismus . . ."). Regine Zimmermann gibt all ihren Figuren eine große Portion kabarettistischer Hysterie. Und Sebastian Rudolph hat als Nyborgs Ehemann einen starken "Truman-Show"-Moment, wenn er erkennt, dass sein emotionaler Ausbruch vom Teleprompter vorgegeben ist.

Immer wieder dienen Lieder als Brechtsche Verfremdungseffekte. Man kann sich an "Die Dreigroschenoper" erinnert fühlen, die Stemann einmal großartig in Hannover inszeniert hat. 2002 war das. Ziemlich lang her. Inzwischen haben sich seine Mittel - Dekonstruktion der Handlung, wechselnde Patenschaften für Figuren statt fester Rollen, Sichtbarmachung des Herstellungsprozesses - etwas abgenutzt. Aus der politischen Feinmotorik von "Borgen" wird ein saft- und kraftloses ironisches Einerlei.

Zwischendurch gibt's brachiale Bilder. Ein Guantánamo-Häftling liegt neben einem Schild mit der Aufschrift "Solides politisches Handwerk". Die Politiker tragen Jacken, auf denen "Gleichheit", "Solidarität" und "Demokratie" geschrieben steht - im Schriftzug von Google, Shell und Coca-Cola. Für den Fall, dass irgendwer die These von der Postdemokratie, in der statt Politiker globale Konzerne regieren, noch nicht verstanden hat. Der Gestus der Entlarvung hat hier allerdings ein Problem, das Lessing und Brecht noch nicht hatten: Das Publikum ist im Jahr 2016 einfach zu aufgeklärt für solche Theaterbesserwisserei.