Theater Castorf und der Eindringling

Chris Dercon: Kommunikation zählt nicht zu seinen Stärken. Auch das lässt ihn - zumindest äußerlich - einigermaßen kalt.

(Foto: Johannes Simon)

Der neue Volksbühnen-Intendant Dercon erklärt sich in Berlin. Doch eigentlich schaut er die meiste Zeit über an die Decke, glättet Papier und spricht von horizontaler Dramaturgie statt von Spielplänen.

Von Thorsten Schmitz

Chris Dercon sitzt im Veranstaltungsraum des Berliner Brecht-Hauses, vor sich einen Stapel Papiere und Zeitungsseiten, die er im Verlauf des Abends unermüdlich falten, geradebiegen, glätten wird. Der umstrittene Volksbühnen-Intendant strahlt aus: Ich habe alle Zeit der Welt. Den Blick ins Publikum meidet Dercon. Wenn er redet, schaut er zur Decke oder auf den Papierstapel. Rund 70 Zuhörer möchten erfahren: Wer ist dieser Belgier, der zuletzt das Londoner Museum Tate Modern geleitet und seit September jenes Theater in eine Performanceanstalt umfunktioniert, das zuvor 25 Jahre lang von Frank Castorf beherrscht wurde?

Kommunikation zählt nicht zu Dercons Stärken, daher versucht es der Moderator mit einer gefühligen ersten Frage: Woher nehmen Sie Ihre Gelassenheit? Halt gäben ihm sein Team, seine Familie, seine Frau, sagt Dercon. Er ist bemüht, an diesem Abend das Image des Unnahbaren zu korrigieren. Man müsse schon sehr entspannt sein, wenn die jüngste "missratene Premiere" mit Ingrid Caven und Helmut Berger in den Hauptrollen "von 15 Zeitungen zerrissen wird". Er bleibe optimistisch. Gerade habe er einen ganzen Tag mit dem Regisseur des Liberté-Stückes, Albert Serra, verbracht, "um zu überlegen, wie das Stück besser werden kann". Was eher nach Off-Theater klingt.

Dercon räumt auch ein, dass das Stück "Iphigenie", das an der Volksbühne auf Arabisch gespielt wird, wohl nichts für den großen Saal ist, es verlören sich nur 150, 200 Zuschauer darin. Es gebe ein neues Volksbühnenpublikum, ja, aber es erscheine leider noch nicht in Scharen. Immer wieder aber fällt Dercon in seine seltsame Kuratorensprache zurück, bei der man sofort abschalten möchte. Wenn er Tanz "Bio-Politik" nennt und den Spielplan als "horizontale Dramaturgie" bezeichnet.

Dercon scheint sich selbst ziemlich nah. Befeuert ihn die Kritik? Er selbst charakterisiert sich, an diesem Abend nicht zum ersten Mal, als "Eindringling". Schon immer sei er ein Eindringling gewesen, gute Kunst sei wie ein Eindringling, der aufgenommen wird. "Mich interessieren besonders die Eindringlinge, an die ich mich gewöhnen muss." Alles also eigentlich eine Frage der Zeit, bis sich Berlin daran gewöhnt hat, dass ein hoch subventioniertes Theater in der Hälfte seiner Spielzeit nur drei Eigenproduktionen herausbringt? Eine Zuhörerin sagt: "Herr Dercon, so etwas dürfte sich kein Stadttheater erlauben!"

Das Publikum bat er um Zeit. Fünf Jahre dauere sein Vertrag, "und diese Zeit braucht man, 25 Jahre Castorf sind einfach nicht nichts". Fürchten Sie denn nicht, wurde er gefragt, finanzielle Probleme zu bekommen, weil die Volksbühne so oft zu hat? Dercon lächelte, schaute an die Raumdecke und sagte, das Jahr 2017 habe man gut abgeschlossen. Manche Stücke liefen gut, andere schlechter. Vielleicht aber weiß er das alles auch gar nicht so genau. Denn die Volksbühne sucht gerade, wie man auf der Internetseite von Bund.de nachschauen kann, seit ein paar Tagen eine neue Leitung für ihre Finanzbuchhaltung.