Theater Aufklärung mit Krawall

"Warst du in der Silvesternacht in Köln dabei?" Volker Lösch inszeniert in Bonn Lessings "Nathan" mit einem Chor aus jungen deutschen Muslimen.

Von Cornelia Fiedler

"Warst du bei den Übergriffen beteiligt, in Köln?", fragt ihn der Vermieter bei der Wohnungsbesichtigung, in der U-Bahn bleibt der Platz neben ihm leer. Seit der Silvesternacht steht der junge Mann mit dunklem Haar und Siebentagebart offenbar unter Generalverdacht. Er ist einer von zwölf jungen muslimischen Deutschen, die der Regisseur Volker Lösch für den Sprechchor in seinem "Nathan" an den Kammerspielen Bad Godesberg, einer Spielstätte des Bonner Schauspiels, gecastet hat. Die Lage hat sich zugespitzt seit Probenbeginn im Dezember, und so hat die Premiere der krawalligen Überschreibung von Lessings Aufklärungsklassiker "Nathan der Weise" nicht nur politisch, sondern auch emotional eine ganz schöne Wucht.

Die Aufklärung bricht geradezu wörtlich über eine Schulklasse herein: Diese streitet lautstark und durchgängig im Chor mit ihrem überspannten Lehrer (Glenn Goltz), warum sie eine Schweigeminute für die Toten der Anschläge von Paris und nicht von Beirut einlegen sollen. Unter Donnern und Lichtblitzen birst die Rückwand (Bühne: Cary Gayler), ein riesiger gelber Bühnenkeil spaltet den Raum, die Schülerinnen und Schüler springen und stürzen nun wild durcheinander. Auf der zerstörerischen Plattform fährt eine heroisch hochnäsige Figurengruppe herein und rezitiert voller Inbrunst Lessings gute alte Ringparabel. Dumm nur, dass die zwölf muslimischen Schülerinnen und Schüler so gar nicht das Gefühl haben, ihre Religion sei dem Christen- und Judentum gleichgestellt, wie Lessing es fordert. Weshalb sie die folgende Best-of-Aufführung des "Nathan" ständig unterbrechen.

Gruppenbild vor Migrationshintergrund: der Bonner "Nathan"-Chor.

(Foto: Thilo Beu)

Die Dramenszenen sind stark gekürzt, aggressiv komisch gespielt und voller stereotyper Darstellungen. Daran entzünden sich Diskussionen über religiöse und säkulare Erziehung, Vorurteile, strukturellen Rassismus, Homosexualität, Verschleierung und die Frage, wie die örtlichen Salafisten zur Anlaufstelle für die Abgehängten unserer Gesellschaft werden. Die Texte des Chors haben Lösch und sein Dramaturg Stefan Bläske aus Gesprächen und Improvisationen mit den jungen Laien kompiliert. Solche "Bürgerchöre" sind das Markenzeichen des 52-jährigen Regisseurs, zuletzt zu sehen in seiner Anti-Pegida-Inszenierung "Graf Öderland" in Dresden. In den "Nathan" sind zudem Passagen aus Interviews mit radikalen Bonner Muslimen eingeflossen, solchen, die Lösch definitiv nicht in sein Team holen wollte. Dass deren Zitate von den Jugendlichen gesprochen werden, ist strukturell problematisch, soll hier doch eigentlich das Bild von "den Muslimen" als einer homogenen Einheit dekonstruiert werden.

Die besten Momente entstehen dann, wenn sich der beeindruckend präzise Sprechchor in Gruppen spaltet und streitet. Dann zeigt sich eine Bandbreite an Meinungen und Lebenswelten, die einer Pauschalisierung vehement widerspricht. Die Ratlosigkeit, ja Verzweiflung darüber, dass die Debatte um Flucht, Migration und Integration derzeit zu kippen droht, durchzieht den Abend. Wie leicht rechte Positionen salonfähig werden, belegen auch die Ergebnisse einer schriftlichen Umfrage beim Bonner Theaterpublikum in den letzten Wochen. Daraus liest der Lehrer, der sich im Laufe des Stücks als Islamhasser und Asylfeind outet, mit stolzer Brust vor: Ob eine Besucherin schreibt, sie habe seit Januar Angst vor Männergruppen, oder ein Besucher alle Grenzen dichtmachen will - sie alle sind dem hysterischen Abendlandverteidiger hoch willkommen.

Trailer: "Nathan"

Einen Trailer zu dem Stück gibt es hier.

Dieses polemische Finale ist verständlich angesichts der Abgründe, die die Fragebögen sichtbar machen. Der interessantere Teil des Abends, die individuellen Zwischentöne, werden damit allerdings ziemlich überbrüllt.