"The Wolverine" im Kino Lockrufe aus dem Jenseits

Diese monomanische, monotone Verpflichtung, die Welt zu retten, wieder und wieder: Hugh Jackman als Superheld in "The Wolverine".

(Foto: AP)

Der neue "Wolverine"-Film ist eine Studie zu Müdigkeit und Melancholie. Hugh Jackman verkörpert mit grimmiger Entschiedenheit den traurigsten aller X-Men, einen entschlackten Superhelden mit Todestrieb. Dem Marvel-Universum verleiht er damit endlich Shakespeare'sche Größe.

Von Fritz Göttler

Manchmal schaut er aus wie ein Penner, wenn er im Norden des amerikanischen Kontinents herumstreicht, nur ab und zu aus seinen Wäldern in ein kleines Holzfällerstädtchen kommt. Er hat einem großen Grizzly, den mutwillige Rednecks mit Giftpfeilen anschossen und liegen ließen, den Gnadenstoß verpasst, nun trifft er diese schlimmen Typen im Drugstore des Ortes wieder . . . Und dann steht plötzlich auch noch dieses katzenhafte japanische Mädchen im Raum, Yukio (Rila Fukushima), wie aus einem wilden Manga gefallen.

Das Genre der Superhelden ist womöglich das allertraurigste, spätestens seit Frank Miller es radikalisierte mit seinen finsteren Erzählungen. Diese Berge von Einsamkeit, diese monomanische, monotone Verpflichtung, die Welt zu retten, wieder und wieder, und dabei diejenigen nicht zu vergessen, die einem nahe sind, die man liebt, womöglich. Der neue Wolverine-Film hat am vergangenen Wochenende dem katastrophal angeschlagenen Blockbusterbusiness in den amerikanischen Kinos, mit 55 Millionen Dollar Einspiel, eine Art Ehrenrettung bereitet.

Wolverine, der Macbeth der Marvel-Superhelden

Der einsame Logan, genannt The Wolverine, ist womöglich der traurigste aller Marvel-X-Men, er ist gezeichnet von all den Kriegen, in die er geschickt wurde, und zu Beginn des neuen Films sieht man, wie die Feuerwalze von Nagasaki über ihn hinwegrollt, die den Pazifikkrieg beendete. Am Drehbuch hat Christopher McQuarrie mitgeschrieben, er hat schon die Wege einiger anderer Krieger fürs Kino skizziert, Tom Cruise als Stauffenberg und als Jack Reacher, zuletzt der ritterliche Jack, der auf einer gigantischen Bohnenstaude ins Land der Riesen hochklettert.

Der neue Wolverine, von Hugh Jackman verkörpert mit grimmiger Entschiedenheit, scheint entschlackt, nicht was die Statur angeht, die ist immer noch gedrungen und massiv, mit tierisch-hanseatischem Backenbart, der das Gesicht breit und eckig macht. Entschlackt ist das Geschehen, das Logan nach Japan führt, wo er in seinem kurzen Fünfzigerjahremantel noch fremder wirkt als sonst, ein bisschen wie Jean Valjean, den Jackman eben in den "Misérables" spielte, den Gutmenschen par excellence, der von seiner Sträflingsvergangenheit nicht loskommt.

In Japan trifft Logan auf Kampfcodes und -rituale, mit denen jeder Mann im Herzen sich als ein Krieger fühlen kann, und manche Frau dazu, und wo die Action sich in schöner Strenge und Reinheit entwickelt. Nur manchmal forciert vom Blockbusterwahn und gezwungen zum Shinkansen-Tempo, auf dem Dach eines japanischen Hochgeschwindigkeitszugs.

James Mangold hat den Film inszeniert als eine Studie zu Müdigkeit und Melancholie - durch sein Adamantskelett ist der Mutant Wolverine quasi unsterblich, und durch diese Unsterblichkeit getrennt von der geliebten toten Jean Grey (Famke Janssen), die nachts an seiner Seite liegt, sirenengleich ihn ins Jenseits lockt.

Der Todestrieb steht da für eine fast groteske Gradlinigkeit in einem Gewirr heimtückischer Hintergedanken, mit dem die andern Männer operieren. Einmal lässt sich Wolverine, auf einem Vormarsch im Schneeland, von einer Bande Bogenschützen nicht beirren, Pfeil auf Pfeil versenken sie in seinen Körper, bis er an Toshiro Mifune erinnert, dem wahnsinnigen Pfeilregen ausgesetzt in Kurosawas Macbeth-Film. Und dem Marvel-Universum endlich shakespearische Größe verleiht.

The Wolverine, USA 2013 - Regie: James Mangold. Buch: Christopher McQuarrie, Mark Bomback. Kamera: Ross Emery. Musik: Marco Beltrami. Mit: Hugh Jackman, Famke Janssen, Rila Fukushima, Tao Okamoto, Svetlana Khodchenkova, Ian McKellen, Patrick Stewart. Fox, 126 Minuten.