The Venus Project Ohne Geld wäre die Welt anders

Nach dem Ende der Einführung erklärt Roxanne Meadow aufgeregt, warum wir noch lange nicht in der "Venus- Welt" angekommen sind. Nach ihren Berechnungen hätten wir diese Entwicklungsstufe längst erreicht haben müssen. Das heißt, hätten wir unsere Energie sowie die der Erde seit der industriellen Revolution nicht mit Kriegen, Konsumismus und Religionsgeplänkel verschleudert. Das liege vor allem am Geld: Es sollen diese Papierblätter sein, die zwischen den Menschen und ihren Bedürfnissen stehen. Ohne Geld sähe alles anders aus: Zusammenarbeit statt Wettbewerb, Nachhaltigkeit statt Massenware, Fakten statt Semantik, Lösungen statt Gesetze, ja, sogar Verbrechen verschwinden, da deren Auslöser meist Geld selbst ist.

Nerv der Netzgeneration

Großer Jubel schlägt dem zierlichen, alten Fresco entgegen, als er danach die Bühne betritt und sogleich verkündet: "Ich werde ein System attackieren, an welches zu glauben wir alle erzogen wurden. Die Gesellschaft? Ein steter Wandel, und auch unser System ist eines, das bald Geschichte sein wird. Ihr glaubt zu wissen, was normal ist? Dann lasst mich euch sagen: George Washington hatte 300 Sklaven - heute würde er dafür abgeführt und eingesperrt." Die Annahme, dass alles so bleiben wird wie es ist, nennt Fresco eine Dummheit. Sie sei es, die das Venus-Projekt verhindere: "Viele Interessenten fragen mich: Wie viel wird es kosten? Das ist falsch. Die richtige Frage ist: Haben wir die Ressourcen dazu? Eines ist klar, in der Zukunft werden alle Religionsführer, Banker und Politiker abgeführt und zurück in die Schule geschickt, auf dass sie etwas Nützliches lernen." Das Publikum applaudiert.

Seit sechzig Jahren will Fresco die Zukunft gestalten, finanziert sich mit Arbeiten für eine Air Force Base oder Entwicklungen für medizinische Instrumente. Seit sechzig Jahren kann er nur sporadisch Aufmerksamkeit wecken. Nun ist er ein Star. Ist es die Aktualität der Finanzkrise, die Dringlichkeit des Klimawandels oder das Bewusstsein immer größer werdender sozialer Ungerechtigkeiten, dass er mit seinen verstiegenen Utopien einen solchen Erfolg hat?

Seit dem Jahr 2008 arbeiten Fresco und Meadows mit einer Gruppe zusammen, die sich als "aktivistischer Arm" des Venus-Projektes versteht. Auslöser dafür war ein Film mit dem Titel "Zeitgeist: The Movie", 2007 von Peter Joseph, einem bis dahin völlig Unbekannten, lanciert. Der Film hangelt sich entlang einer Reihe von Verschwörungstheorien zur Macht der Religionen, zum 11. September und zum militärisch-industriellen Komplex und mündet in einen Aufruf, endlich etwas zu tun. Nur was?

Der Film avancierte rasch zum meistgesehenen Clip der Internetgeschichte. Frescos Buch, "The best that money can't buy" (2002, Global Cyber Visions) wurde daraufhin zur Basis für die Verbindung von Peter Joseph und dem Venus-Projekt. Im Jahr 2008 erschien darauf "Zeitgeist: Addendum", ein zweiter, ähnlicher Film, der in einem ersten Teil mittels verzerrter Statistiken und kontextlosen Fakten garniert mit Zitaten großer Denker von Albert Einstein bis Carl Sagan den Hauptgrund für das Elend des modernen Menschen herauszudestillieren meint: die moderne Ökonomie, der "größte Betrug und unhinterfragteste Glaube, den unsere Geschichte je hervorbrachte".

Nach der Konferenz diskutieren die Verbliebenen auf der Straße weiter. Sie sind ganz beseelt. Die Leute haben ihre Helden hautnah erlebt. Sie wissen doch, dass etwas nicht stimmt. Aus dem Internet haben sie sich ihr Wissen zusammengeklaubt. Und so schwirren Wörter wie Illuminati, Alan Greenspan und Chemprem durch die Nachtluft. Viel Energie wird da freigesetzt in der Menge. Eine Richtung bekommt sie allerdings auch an diesem Abend nicht.