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The Venus Project Tag am Meer

Der Erfinder Jacque Fresco wird mit seinen kühnen Plänen für eine bessere Welt als Star gefeiert. In seiner futuristischen Vision verrichten emotionslose Maschinen die Arbeit, während die Menschen sich weiterbilden.
Désirée Waibel

Werden die Kinder unserer Nachkommen ungläubig in den Museen der Postmoderne wandern und es kaum fassen können, wie beschränkt, ja, wie unzivilisiert wir waren? Am vergangenen Sonntagabend beschäftigten sich in den Sälen der Pariser Moulin Rouge über dreihundert Köpfe mit dieser Frage. Je länger sie darüber nachdachten, desto überzeugter waren sie: Ja, gar lachen werden sie über uns, die Zukünftigen. Denn noch keine Gesellschaft zuvor produzierte und konsumierte in solch alltäglicher Manier geistige und materielle Güter, ohne Besinnung auf den Bestand, die Erneuerungskapazität sowie die natürliche Ordnung ihrer Umwelt.

Könnten wir zukünftig in solch maritimen Städten leben, oder hat die Menschheit schon zu viele Ressourcen verschleudert? So zumindest stellt sich Jaques Fresco das moderne Leben vor. 

Schon eine Stunde vor Präsentationsbeginn des Venus-Projektes stehen die Anhänger der Bewegung auf dem Boulevard de Clichy. Das Venus-Projekt ist ein selbst erklärter futuristischer Think Thank, der aus dem Futuristen Jacque Fresco und seiner Partnerin Roxanne Meadows besteht. Im April haben die beiden Futuristen ihre kuppelförmigen Häuser in der tropischen Wildnis Floridas verlassen, um einem größtmöglichen Publikum ihr Lebenswerk vorzustellen: die vollständige Erneuerung der Wegwerfkultur zu einem holistisches Design einer nachhaltigen Universalgesellschaft.

Wie kann es der Mensch in die Zukunft schaffen?

Fresco ist 94 Jahre alt, autodidaktischer Erfinder, Industriedesigner und Sozialingenieur. 1942 hatte er die Revell Plastics Company gegründet, jene Firma, die Plastikbausätze von Flugzeugen und Schiffen herstellt, die Jungs in ihren Lausbubenjahren zusammenbasteln. Jetzt will er Antwort geben auf die Frage: Wie muss in den evolutionären Werdegang der Menschheit eingegriffen werden, damit sie es in die Zukunft schafft ?

In diese Zukunft wird das mit der Materie weitgehend vertraute Publikum filmisch eingeführt. Unterlegt von elektronischer Musik sieht man Entwürfe auf einer Projektionsfläche, die ein wenig so aussehen, als habe der Architekt Santiago Calatrava die Kulissen für einen Perry-Rhodan-Titel gestaltet. Da schwimmen Städte im Meer, aus dessen Wohnzimmerfenster die Bewohner das aquarische Leben studieren. Da fliegen Magnetschwebebahnen die Erdwölbung entlang, die als künftige Haupttransportmittel jedermann mit einer Geschwindigkeit von 2000 Stundenkilometern sicher an sein Ziel bringen, während sich die Passagiere auf medialen Spielplätzen vergnügen oder in Bibliotheken bilden.

Das Werkzeug zur Erschaffung einer solchen neuen Welt soll die "humane Anwendung der Wissenschaft" liefern. In dieser kybernetischen Ära ersetzt ein weltweites, automatisiertes Sensorensystem die heutigen Regierungen und Industrien. Emotionslose Maschinen sind des Menschen Sklaven, der sich frei von jeglicher automatisierter Arbeit, durch Bildung und Unterhaltung zu seinen höchsten Potentialen entfalten kann. Güter gibt es, solange die Welt es verkraften kann. Sie werden von Bibliotheken verwaltet und müssen nicht mehr zu Hause gehortet werden. Alles gratis. Alles umweltverträglich.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Fresco mit seiner Utopie plötzlich so gefragt ist.

Ohne Geld wäre die Welt anders

Nach dem Ende der Einführung erklärt Roxanne Meadow aufgeregt, warum wir noch lange nicht in der "Venus- Welt" angekommen sind. Nach ihren Berechnungen hätten wir diese Entwicklungsstufe längst erreicht haben müssen. Das heißt, hätten wir unsere Energie sowie die der Erde seit der industriellen Revolution nicht mit Kriegen, Konsumismus und Religionsgeplänkel verschleudert. Das liege vor allem am Geld: Es sollen diese Papierblätter sein, die zwischen den Menschen und ihren Bedürfnissen stehen. Ohne Geld sähe alles anders aus: Zusammenarbeit statt Wettbewerb, Nachhaltigkeit statt Massenware, Fakten statt Semantik, Lösungen statt Gesetze, ja, sogar Verbrechen verschwinden, da deren Auslöser meist Geld selbst ist.

Nerv der Netzgeneration

Großer Jubel schlägt dem zierlichen, alten Fresco entgegen, als er danach die Bühne betritt und sogleich verkündet: "Ich werde ein System attackieren, an welches zu glauben wir alle erzogen wurden. Die Gesellschaft? Ein steter Wandel, und auch unser System ist eines, das bald Geschichte sein wird. Ihr glaubt zu wissen, was normal ist? Dann lasst mich euch sagen: George Washington hatte 300 Sklaven - heute würde er dafür abgeführt und eingesperrt." Die Annahme, dass alles so bleiben wird wie es ist, nennt Fresco eine Dummheit. Sie sei es, die das Venus-Projekt verhindere: "Viele Interessenten fragen mich: Wie viel wird es kosten? Das ist falsch. Die richtige Frage ist: Haben wir die Ressourcen dazu? Eines ist klar, in der Zukunft werden alle Religionsführer, Banker und Politiker abgeführt und zurück in die Schule geschickt, auf dass sie etwas Nützliches lernen." Das Publikum applaudiert.

Seit sechzig Jahren will Fresco die Zukunft gestalten, finanziert sich mit Arbeiten für eine Air Force Base oder Entwicklungen für medizinische Instrumente. Seit sechzig Jahren kann er nur sporadisch Aufmerksamkeit wecken. Nun ist er ein Star. Ist es die Aktualität der Finanzkrise, die Dringlichkeit des Klimawandels oder das Bewusstsein immer größer werdender sozialer Ungerechtigkeiten, dass er mit seinen verstiegenen Utopien einen solchen Erfolg hat?

Seit dem Jahr 2008 arbeiten Fresco und Meadows mit einer Gruppe zusammen, die sich als "aktivistischer Arm" des Venus-Projektes versteht. Auslöser dafür war ein Film mit dem Titel "Zeitgeist: The Movie", 2007 von Peter Joseph, einem bis dahin völlig Unbekannten, lanciert. Der Film hangelt sich entlang einer Reihe von Verschwörungstheorien zur Macht der Religionen, zum 11. September und zum militärisch-industriellen Komplex und mündet in einen Aufruf, endlich etwas zu tun. Nur was?

Der Film avancierte rasch zum meistgesehenen Clip der Internetgeschichte. Frescos Buch, "The best that money can't buy" (2002, Global Cyber Visions) wurde daraufhin zur Basis für die Verbindung von Peter Joseph und dem Venus-Projekt. Im Jahr 2008 erschien darauf "Zeitgeist: Addendum", ein zweiter, ähnlicher Film, der in einem ersten Teil mittels verzerrter Statistiken und kontextlosen Fakten garniert mit Zitaten großer Denker von Albert Einstein bis Carl Sagan den Hauptgrund für das Elend des modernen Menschen herauszudestillieren meint: die moderne Ökonomie, der "größte Betrug und unhinterfragteste Glaube, den unsere Geschichte je hervorbrachte".

Nach der Konferenz diskutieren die Verbliebenen auf der Straße weiter. Sie sind ganz beseelt. Die Leute haben ihre Helden hautnah erlebt. Sie wissen doch, dass etwas nicht stimmt. Aus dem Internet haben sie sich ihr Wissen zusammengeklaubt. Und so schwirren Wörter wie Illuminati, Alan Greenspan und Chemprem durch die Nachtluft. Viel Energie wird da freigesetzt in der Menge. Eine Richtung bekommt sie allerdings auch an diesem Abend nicht.