"The 15:17 to Paris" im Kino Stell dir vor, du verhinderst einen Terroranschlag...

Luftwaffensoldat Spencer Stone spielt sich selbst - beim Ansturm auf den Attentäter im Thalys-Zug 2015.

(Foto: Warner)

...und musst dich dann im Kino selber spielen - für Clint Eastwood. So funktioniert dessen neuer Film "The 15:17 to Paris".

Von Tobias Kniebe

Die Wege des Schicksals sind unergründlich, aber so richtig vertrackt wird es bei den Wegen des Helden. Wie kommt ein Mensch dazu, Geschichte zu schreiben? Und was bereitet ihn darauf vor, im entscheidenden Moment über sich selbst hinauszuwachsen, auf dass sein Bild um die Welt gehe und seine Name leicht über alle Lippen? Das Kino, mit seinem unstillbaren Hang zur Mythenbildung, hat Antworten darauf. Sollte man meinen.

Oder eben gerade nicht. Clint Eastwood jedenfalls, den diese Fragen seit Jahrzehnten umtreiben, als Heldendarsteller wie auch als Heldeninszenierer, ist sich da offenbar nicht so sicher. Je älter er wird, desto öfter sucht er Antworten in realen Geschichten, und desto größer scheinen seine Zweifel an den üblichen Hollywood-Narrativen zu werden. Die Real-Life-Heroen in seinen Filmen, zuletzt in "American Sniper" und "Sully", sterben entweder sinnlose Tode oder müssen sich sinnlose Fragen gefallen lassen oder sie verzweifeln gleich ganz an der Falschheit der Rolle, die sie für den Rest des Lebens spielen sollen.

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Die Sache scheint ihm keine Ruhe zu lassen, weshalb sein neuer Film "The 15:17 to Paris" nun seine bisher radikalste, aber auch mit Abstand seine bizarrste Erkundung des Themas geworden ist. Der Titel bezieht sich auf jenen Thalys-Schnellzug von Amsterdam nach Paris, in dem im August 2015 ein Islamist mit Sturmgewehr und Pistole zu schießen begann, aber dann von sechs Personen überwältigt wurde, bevor er größeren Schaden anrichten konnte. Drei dieser Retter waren die Amerikaner Spencer Stone, Alek Skarlatos und Anthony Sadler, ein Freundestrio seit Kindheitstagen, und ihre Story erzielte weltweit die größte Aufmerksamkeit. Auch deshalb, weil sie es selbst so wollten und beispielsweise zusammen ein Buch veröffentlicht haben. Clint Eastwood sah darin die Chance, seine Heroismus-Studien noch eine ganze Stufe weiterzutreiben, unter zwei Bedingungen: Alle drei Freunde (und einige weitere Beteiligte) sollten sich im Film selbst spielen, und zwar ohne jede Verfremdung; und das Drehbuch musste sich geradezu sklavisch an ihre Erzählung der Ereignisse halten, was für jeden Versuch, eine sinnvolle Filmdramaturgie herzustellen, natürlich die ultimative Herausforderung bedeutet.

Mit dem üblichen Kino der Überwältigung hat diese Versuchsanordnung nichts zu tun

Gesagt, getan. Eastwood ist in Hollywood immer noch mächtig genug, um derart spartanische Sonderwünsche durchzusetzen, auch wenn sie quer zum Starkult und zum hochgetunten Superheldenbedarf der Gegenwart stehen. Die Rache der Filmbranche war dann aber, dass Warner Brothers den Film (in Deutschland zumindest) nur höchst widerwillig in die Kinos brachte und gegenüber der Presse am liebsten ganz verschwiegen hätte (SZ vom 19. April). Warum dieser Widerstand? Weil "The 15:17 to Paris", man kann es nicht anders sagen, ein echter Experimentalfilm geworden ist. Mit dem üblichen Kino der Überwältigung hat diese Versuchsanordnung jedenfalls nichts zu tun. Was ironisch ist, denn am Ende wird ja wirklich ein Terrorist überwältigt.

Wie gnadenlos die Wahrhaftigkeit, wenn man sie einmal zum obersten Ziel erklärt hat, dem Heldendrama in die Quere kommt, zeigt sich besonders im Finale. Es ist spannend, das schon - aber nicht im Sinne jener James-Bond-Szenen, die wir alle in den Köpfen haben. Spencer Stone, der mutigste der Retter, stürmt darin ganz ohne Schutz auf das geladene Sturmgewehr des Attentäters zu, der drückt auch ab, aber es löst sich kein Schuss. Im folgenden Kampf presst er eine Pistole an Spencers Kopf, wieder klickt der Abzug - aber das Magazin ist leer. All das entspricht ganz zweifellos dem wirklichen Gang der Ereignisse, wirkt aber zugleich wie ein Demystifizierungsprogramm: Seht her, scheinen die "Helden vom Thalys" zu sagen - wir wissen auch nicht genau, was uns in diesen Sekunden geritten hat. Aber wir hatten definitiv mehr Glück als Verstand.

Wahrscheinlich ist dies das Ehrlichste und auch das Würdevollste, was man sagen kann, wenn man erst einmal einen Orden der französischen Ehrenlegion an der Brust hat und die "Purple Heart"-Medaille des US-Präsidenten, und man die Ereignisse, die dazu geführt haben, auf keinen Fall verfälschen will. Das ist ein starker Eindruck des Films: Diese Helden spielen zwar sich selbst, aber sie produzieren sich nicht. Ihre Scheu vor der Kamera haben sie gerade so weit abgelegt, dass man ihnen ohne Qualen zuschauen kann, aber ihre Scheu vor jeder Art von Falschheit bleibt. Das trägt einerseits dazu bei , dass der ganze Film eine grundsympathische Unternehmung bleibt - und verdammt ihn andererseits zur absoluten Langeweile.

Dieser Film handelt von der erstaunlichen Banalität des Guten

Ist es zu böse, das zu sagen? Immerhin haben diese Männer unzählige Leben gerettet, sie sind Vorbild für das Handeln der Zivilgesellschaft, sie liefern eine wichtige Gegenerzählung zur Todessehnsucht des Dschihadismus. Alles wahr, und doch, indem sie ihre Vorgeschichte bis zurück in gemeinsame Kindertage erzählen, ihre Probleme mit Lehrern und Schulbullys und die nur halb erfolgreichen Anstrengungen von Spencer und Alek, beim Militär Karriere zu machen und die "Action" des Kriegs zu sehen, beweisen sie eben auch den Satz, den sie vom ersten Interview an wiederholen: Ja, sie sind wirklich "ordinary guys".

Typen also, die das Kino angeblich liebt - und dann doch immer alle Kraft darauf verwendet, ihnen Abgründe und Zweifel anzudichten. Hier ist das, im Konsens aller Beteiligten, unterblieben. Womit zwar die Frage, ob es eine Banalität des Bösen gibt, weiterhin ungeklärt bleibt. Eine Banalität des Guten aber, und auch des Helden, gibt es ganz sicher. Dieser Film bestätigt das in tröstlicher Direktheit.

The 15:17 to Paris, USA 2018 - Regie: Clint Eastwood. Buch: Dorothy Blyskal. Kamera: Tom Stern. Mit Spencer Stone etc. Warner, 94 Minuten.