"The Raid" im Kino Die andere Seite von Zen

Wie ein Videokampfspiel, bei dem man nicht selbst am Drücker ist: Der unglaubliche Kampffilm "The Raid" von Gareth Evans ist schlagkräftig, brutal und knochenbrecherisch.

Von Fritz Göttler

Ein Morgen in der Millionenstadt Djakarta. Ein junger Mann verrichtet gelassen seine Gebete und seine Übungen, dann verabschiedet er sich von seiner Frau, geht zur Arbeit. Sie erwartet ein Baby.

Ein Familienfilm. Der Junge ist Polizist, er gehört zu einer kleinen Spezialeinheit, Rama heißt er, gespielt von Iko Uwais. Der Trupp hat diesen Morgen einen besonderen Auftrag, er soll ein Hochhaus einnehmen, in dem ein Drogenkriegsherr residiert. Sich also möglichst unbemerkt Stockwerk für Stockwerk hocharbeiten, die Drogenküche ausnehmen, die Horden der Kämpfer und Killer ausschalten, die sich ihnen in den Weg stellen werden, den Mann in seiner Kommandozentrale festnehmen.

Im Jahr 2007 fuhr der Filmemacher Gareth Huw Evans aus Hirwaun in Südwales nach Indonesien, um einen Dokumentarfilm über die geheimnisvolle Kampfkunst des Pencak Silat zu drehen. Er sah Iko Uwais kämpfen und war von ihm fasziniert. Wir müssen einen Film zusammen machen, sagte er zu ihm, jaja, sagte Uwais. Evans musste erst noch mal nach Wales, aber ein halbes Jahr später war er zurück, und gemeinsam drehten sie den Kampfthriller "Merantau". Danach kam dann "The Raid", nun steht noch "Berandal" an, ein Gefängnisfilm. Man könnte sich das Verhältnis, die Zusammenarbeit der beiden etwa so vorstellen wie bei Stanley Donen und Gene Kelly, als sie ihre Musicals machten bei der MGM in Hollywood.

Das große Haus ist wie ein Pueblo, ein Palast, ist eine Welt für sich, und der "Raid" dient seiner Eroberung wie seiner Erkundung. Korridore, die sich manchmal auf ein schönes ausladendes Treppenhaus weiten, Türen, hinter denen große Apartmenträume sich auftun, wo die Kamera immer einen Blick hat für die Einrichtung und das Leben, das sich darin reflektiert findet. "Das Haus ist ein Verband von Bildern", schreibt Gaston Bachelard in seiner Poetik des Raumes, "die dem Menschen eine Stabilität beweisen oder vortäuschen."

Der Film ist beispiellos in seinem Tempo, seiner Härte - ein Videokampfspiel, ohne dass man selber am Drücker ist, schrieb der amerikanische Kritiker Roger Ebert, der den Film zutiefst verachtet. "The Raid" ist schlagkräftig, brutal und knochenbrecherisch, zugegeben, aber es glüht eine unglaubliche Hingabe in seinem Herzen. Jeder der Kämpfer ist mit all seinen Fähigkeiten voll dabei, und der Film gibt jedem den Raum und die Zeit, seine Kunst zu zelebrieren.

Da ist er ganz dokumentarisch, die Kämpfer zeigend, ihre Arbeit, ihre Energie, ihre Technik, ihre Individualität - so wie einst in Hollywood die Western die Arbeit der Stuntmen zeigten, die immer neue spektakuläre Galoppaden und Stürze sich ausdachten. Monatelang haben Joe Taslim und Yayan Ruhian an ihrer Kampfchoreografie gearbeitet und gefeilt, und Gareth Evans zeigt sie ganz unmittelbar, ohne sie im Cliptanz hektischer Schnitte zu sterilisieren. Ruhian ist Mad Dog, der härteste Hund, der erst aufhört, wenn er wirklich am Boden zerstört ist. Der Kampf ist, in dieser Konzentration, wie die andere Seite von Zen. Das Haus ist ein Märchen-Raum, und im "Raid" geht es für Rama auch darum, sich zurückzukämpfen, lebend, zu seiner Frau, zu seinem Kind.

Serbuan maut / The Raid: Redemption, Indonesien/USA 2011 - Regie, Buch: Gareth Evans. Kamera: Matt Flannery. Musik: Mike Shinoda, Joseph Trapanese. Mit: Iko Uwais, Ray Sahetapy, Joe Taslim, Doni Alamsyah, Yayan Ruhian, Pierre Gruno, Tegar Satrya. Koch Media/Constantin, 101 Minuten.