"The Next Day" von David Bowie Wenn die Uhren rückwärts gehen

Veröffentlicht mit "The Next Day" sein erstes Album seit 2003: David Bowie.

(Foto: dpa)

Ein Foto von 1977 auf dem Cover, auch der Sound klingt wie in längst vergangenen Zeiten. Auf seinem neuen Album "The Next Day" gelingt es David Bowie trotzdem, Erinnerungen an das Berlin der 70er-Jahre mit seinem immer noch schillernden Ich zu vereinigen.

Von Bernd Graff

Es ist (fast) alles wie immer. Sogar das Foto, das der überraschenden Online-Veröffentlichung von David Bowies neuem Album mitgegeben wurde, ist ein altes. Darauf sieht man die unüberboten galante Gruß- und Verbeugungsgeste von "Heroes", die mit den großartig sprechenden Händen und dem stieren Blick, aus dem Jahr 1977.

Allerdings hat man Gesicht und Blick, dieser von einem Holzschnitt Erich Heckels inspirierten Ikone einer Ikone, jetzt ein weißes Quadrat aufgelegt, in dem der Titel seines ersten Albums seit "Reality" aus dem Jahr 2003 geschrieben steht: "The Next Day". Wie kann das sein? Ein Bowie ohne Gesicht? Der Mann, der immer nur Gesicht war? Er, der das Pop-Universum an seinem 66. Geburtstag, am 8. Januar des Jahres, schon mit einer Video-Auskoppelung aus dem jetzt erschienenen Neu-Werk überraschte, der Single: "Where are we now"? Er bestand auch in diesem Video aus der Puppenstube des Berlin der 70er-Jahre, Bowies damaliger Heimat, eigentlich nur aus seinem Gesicht, einem etwas melancholischen, die Liedzeilen zu Bildern aus der damals geteilten Stadt zermahlenden, zugegeben. Bowie gesichtslos, das gibt es nicht, kann es gar nicht geben. Was also ist da los?

Man hat die Kunstfigur David Bowie mit ihren immer knapp unter der Irrsinnsgrenze genähten Outfits oft ein Pop-Chamäleon genannt. Das ist seit je ein fataler Irrtum gewesen. Denn Bowie hat sich, anders als die Tiere aus der Familie der Leguanartigen, nie seiner Umgebung angepasst. Er war immer unique: einzigartig als psychedelisch frühverpunkter Major Tom der Space-Oddity-Phase, als irisierender Ziggy Stardust im geblümten Kimono, zum Niederknien als hinreißend androgynes Alien im Film "The Man Who Fell to Earth" und betörend nobel als Frontmann von Tin Machine im Rüschen-Tuxedo.

Doch bei all diesen Kostümierungen und Maskeraden, allen Frisur- und Farbexperimenten blieb Bowies Gesicht die unverwechselbare Konstante. Mochte sein Körper auch ein Passepartout für verschwenderische Moden sein, Bowies Gesicht, das man im Blitz-Make-up unter Schmuckblech und Leuchtstoff-Frisuren auch schon mal suchen musste, identifizierte David als Bowie.

Und nun, bei seiner ersten Platte seit mehr als einem Jahrzehnt, ist es plötzlich eines, das den Zeitgeist des Kalten Krieges heraufbeschwört und auf das minimalistische "Heroes" zurückverweist, von dem der Minimal-Komponist Philip Glass einmal sagte, dass es "ein ziemlich komplexes Stück Musik ist, aber eines, das sich als einfaches verkleidet." Ist mit dieser merkwürdig gesichtslosen Reminiszenz ans Alte der ganze Bowie weg?